Ich hatte eigentlich geglaubt, es sei selbstverständlich, dass wir alle diese WM boykottieren. Mit „wir“ meine ich ganz lose alle, die bisher von sich selbst gedacht hätten, sie wären auch bei den Olympischen Spielen ’36 nicht gebannt an den Volksempfängern gesessen. Aber bevor jetzt wer kommt und mir erklärt, was man nicht vergleichen kann: Meine erste bewusst miterlebte WM fand 1978 in Argentinien statt, und ich erinnere mich noch genau an die Proteststicker, die das WM-Logo parodierten: mit Stacheldraht anstelle der in Pokalform stilisierten hellblauen Streifen der argentinischen Fahne und einem Totenkopf anstelle des Fußballs oben drauf.
Ich fragte meine Mutter, was das zu bedeuten habe, und sie erzählte mir von der argentinischen Militärjunta, den Gefolterten und Verschwundenen. „So wie in Chile?“ „Ja, genauso arg wie in Chile. Und deswegen sagen diese Leute, man soll sich die Weltmeisterschaft nicht anschauen, weil sie dem Regime nützt.“
Zu meiner großen kindlichen Erleichterung hielt sich so gut wie niemand an den Boykottaufruf, auch meine Familie nicht, weil doch Österreich zum ersten Mal seit Ewigkeiten – seit unvorstellbar vielen Jahren vor meiner Geburt – wieder an einer WM teilnahm. Eskimo brachte eigens einen rotweißroten Eislutscher heraus, so groß war der Hype. Cordoba und den Rest brauche ich hier wohl nicht nachzuerzählen.
Mein doch noch gebrochener Boykott
Ich erwähne das alles der Relativierung halber: Ja, große Sportveranstaltungen haben, seit ich denken kann, in politisch unhaltbaren Kontexten stattgefunden. Und doch war es mir bei dieser WM (wie schon bei der davor in Katar) nicht schwer gefallen, den Boykott durchzuziehen. Es fühlte sich nicht wie ein großes Opfer an, ich hatte schlicht keine Lust auf diese Farce.
Die offene Diskriminierung von Teams und ihren Anhänger:innen aus dem Globalen Süden durch die Einwanderungsbehörde, dann der Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia, dem das Visum verweigert wurde, all das war schon im Vorhinein turn-off genug, noch lange vor der Sache mit der roten Karte, die die FIFA auf Befehl von Donald Trump eilfertig annullierte.
Aber natürlich lässt man sich während des Turnierverlaufs doch von anderen anfixen, und klarerweise konnte das England-Argentinien-Match nicht ganz unbemerkt an mir vorübergehen. Ja, ich gestehe, ich habe sogar seine allerletzten Minuten auf dem Telefon angesehen (Boykottbruch, also doch!) und dann die Nachwehen mitverfolgt.
Es gibt ja mittlerweile kaum noch Menschen auf diesem Planeten, die noch keine Kolumne geschrieben haben zu jenem Banner mit der Aufschrift „Las Malvinas son argentinas“, das die argentinischen Spieler sich von Fans in den unteren Rängen borgten und stolz auf dem Spielfeld den Kameras präsentierten. Ich will hier gar nicht darauf eingehen, wie diese kleine Geste in England angekommen ist. Na, was schon, gefreut werden sie sich haben…
Patriotisches Fernsehen damals in Essex
Zur kürzestmöglichen Erklärung: Die aus britischer Sicht „Falklands“ genannten Malvinas sind ein ein paar hundert Seemeilen östlich der patagonischen Küste gelegenes, nach letzter Zählung von 3.662 Menschen bewohntes Archipel, das Großbritannien seit 1833 für sich beansprucht. 1982 hat das UK nach einer argentinischen Invasion sogar einen Krieg um diese Inseln geführt und gewonnen, mit immerhin 255 Todesopfern auf britischer Seite (gegenüber 649 toten Argentiniern).
Dementsprechend tief die Delle im argentinischen Nationalstolz. Man könnte sich nun darüber unterhalten, wie lange sich eine teure Kolonie auf der anderen Seite der Welt für ein als Weltmacht fast zur Bedeutungslosigkeit geschrumpftes Großbritannien noch halten lässt; siehe dazu die Kolumne des nicht immer so besonnenen Simon Jenkins neulich im Guardian.
Aber ich verbinde noch eine andere, persönliche Erinnerung mit dem Thema, nämlich an meinen ersten Aufenthalt in England als 12-Jähriger im Sommer 1982, zusammen mit meiner (zwei Jahre älteren) Schwester bei einem pensionierten Ehepaar am südöstlichen Rand von Essex.
Der zwei Monate kurze Krieg, in dem die Briten ihre Flotte in den Südatlantik schickten, um dort die argentinischen Eindringlinge zu vertreiben, hatte erst Wochen davor geendet. Das Land glühte noch im Fieber des Triumphs, im Fernsehen sah man endlose Aufnahmen von Fregatten, Kreuzern, Flugzeugträgern und den damals hochmodernen Harrier Jump Jets – Flugzeugen, die mittels nach unten gerichteten Düsen vertikal abheben und landen konnten.
Bild: Open Government Licence v1.0
Für jemand wie mich, der im neutralen Österreich aufwuchs, wo damals gerade die Friedensbewegung erstarkte, und dem vor jeder Form militärischen Pomps körperlich graute, war das alles kein Spaß. Aber es war interessant mitzuerleben, wie so ein Krieg in einer Bevölkerung Nationalgefühle wecken, öffentliche Meinungen bestimmen und drehen kann. Und wie die Medien (wir sahen jeden Abend die Nachrichten) dabei mitspielen.
Natürlich hatte es linke und liberale Stimmen gegeben, die den Krieg abgelehnt und eine Verhandlungslösung gefordert hatten. Die britische Regierung hatte sich vor der Invasion sogar in Gesprächen mit Argentinien über die Übergabe der Inseln befunden, die weit gediehen waren. Aber sobald einmal die Waffen sprechen und Soldat:innen sterben, wird der soziale Zwang zur nationalen Loyalität unwiderstehlich.
Ein schmutziger Krieg als Alternative zum „Dirty War“
Die konservative Premierministerin Margaret Thatcher hatte im Mai 1979 ihren ersten Wahlsieg gefeiert und danach mit ihrem radikalen Programm der Privatisierung öffentlichen Eigentums und der Entmachtung der Gewerkschaften begonnen, das bald zu einer Verdopplung der Arbeitslosenzahlen von 1,5 auf 3 Millionen führte (Thatchers Begeisterung für die sogenannten freien Märkte berief sich ironischerweise auf das südamerikanische Experiment Chile nach dem vom CIA unterstützten dortigen Militärputsch 1973). Ihre Regierung war so unpopulär, dass das Modell des neoliberalen Monetarismus bei den nächsten Wahlen ebenso gut schon sein Ende hätte finden können.
Die erwähnte argentinische Militärjunta war 1976 durch einen ebenfalls von den USA mitfinanzierten Putsch an die Macht gekommen. Die Todesschwadronen ihres euphemistisch „Prozess der nationalen Reorganisation“ genannten Regimes führten einen blutigen „Dirty War“ gegen die linke Opposition, Künstler:innen, Gewerkschaften, Intellektuelle und progressive Priester, der allerdings schon unter der peronistischen Vorgängerregierung mit deren offen faschistischer, paramilitärischer „Argentinischer Antikommunistischer Allianz“ begonnen worden war. Die Junta wurde dabei übrigens, ungeachtet der stark antisemitischen Schlagseite jenes Dirty War, militärisch massiv von Israel unterstützt.
Genau wie Thatcher in Großbritannien standen auch diese Militärs bald in einem potenziell existenzgefährdenden Popularitätstief. Beide erkannten in den Malvinas/Falklandinseln den perfekten Auslöser, um das jeweilige Land patriotisch hinter sich zu vereinen. Bei diesem Hasardspiel konnte nur eine:r gewinnen – in diesem Fall die britische Navy und Air Force bzw. die unerschrockene Kriegsherrin Margaret Thatcher.
Ihre Popularität stieg stark an, eine Spaltung der Labour Party zwischen dem linken und dem zentristischen Flügel kam ihr zu Hilfe und im Juni 1983, ein Jahr nach dem Triumph auf den Falklands gewann sie ihre zweite Unterhauswahl, Basis einer insgesamt 18-jährigen Regierungsperiode, die nicht nur Großbritannien, sondern auch die politische Marschrichtung Europas entscheidend in jene neoliberale Richtung wendete, die seither als internalisiertes Dogma überdauert.
Man soll es mit den mechanistischen Herleitungen nicht übertreiben, aber in gewisser Weise leben wir immer noch in Margaret Thatchers Welt, drückt uns immer noch das Erbe des Falklandkriegs.
Dass diese Sache ausgerechnet jetzt, wo Argentiniens derzeitiger rechtslibertärer Präsident Milei an Popularität verliert, wieder hochkocht, sollte niemanden wundern.
Auch nicht, dass ein paar adrenalingeflutete Fußballer (und nichts gegen Fußballer!), die gerade mehr als anderthalb Stunden mit dem Landeswappen auf der Brust einem Ball hinterhergelaufen sind, dumm genug sind, darauf einzusteigen.
Die Lektion des Falklandkriegs von 1982 aber wäre, sich nicht zum politischen Werkzeug von Machthaber:innen machen zu lassen, patriotischen Instinkten zu widerstehen und einfach nicht mitzuhüpfen.