Ich zehre ja länger von Dingen, die mir gut gefielen. So zehre ich noch vom Garbage-Open-Air im Juni, weil das so ein schöner Konzertabend war. Umso mehr hab ich mich auf Wolf Alice an eben diesem Ort und wieder unter freiem Himmel gefreut. Hoffentlich diesmal auch wieder gutes Wetter, denke ich, die wahrscheinlich schon all zu viele Bandauftritte in Gummistiefeln und Regenmantel mitverfolgt hat. Als (nach oftmaligem Abfragen des Wetterberichts) dann kurz vor Konzertbeginn Regentropfen auf die Windschutzscheibe meines Autos fallen, werde ich leicht nervös. Ich bin von etwas weiter hergefahren an diesem Sonntagabend und traute der Wettervorhersage nicht ganz, aber es blieb bei den paar Regentropfen. Ich sause aufs Gelände und pünktlich um 20:30 beginnen Wolf Alice auch schon.

Industrial-Anklänge und schwarze Stiefel

„Bloom Baby Bloom“ vom aktuellen Album „The Clearing“ ist der Opener an diesem Abend. Ellie Rowsell und ihre Sopranstimme legen los, die Band folgt auf dem Fuß. Der erst silbern glitzernde Bühnenhintergrund leuchtet nun rot. Ich hab mich diesmal ganz hinten platziert, bei den Tischen und Bänken, wo die Menschen noch genüsslich ihre Wraps mampfen, bevor sie ihre Augen auf Ellie and the boys richten.

Kurze Begrüßung der Band – Good evening, Vienna! Und von einem Geburtstag ist die Rede. Aber da kommt schon „White Horses“, wieder ein Track vom aktuellen Album der Band, jener Song, auf dem Drummer Joel Amey mit Ellie Rowsell singt. Es geht in dem Song darum, dass er adoptiert ist, aber Familie nicht unbedingt genetisch sein muss.

Nun blitzen die Lichter auf der Bühne. Die Heavy Metal/Industrial-Ellie ist da – schwarzes Haar, schwarze Pants, schwarzes Shirt und diese hohen schwarzen Stiefel, die sie bei Auftritten aktuell gern trägt. Ich muss da immer denken, dass sie mit Trent Reznor von Nine Inch Nails singen sollte, ein NIN-Gastauftritt gut passen könnte. Anyway. 70s Gitarre, denke ich noch kurz, da sagt Ellie schon „Danke!“ – und dass sie heute Geburtstag hat.

34 Jahre Ellie Rowsell, 11 Jahre Wolf Alice

Ellie Rowsell feiert also heute ihren 34. Geburtstag. Das erste Wolf-Alice-Album ist vor elf Jahren erschienen. Es ist schön zu sehen, dass diese Band nun die Früchte ihrer konsequenten und jahrelangen Arbeit erntet – Früchte etwa in Form ihres bisher größten Headliner-Auftritts zuletzt im Finsbury Park in London.

Soundwechsel. „Just Two Girls“ vom aktuellen Wolf-Alice-Album, jener Song, den die Band als „love letter penned for female friendships all over the globe“ bezeichnet. Darauf folgt wieder ein Song von „The Clearing“, nämlich „Leaning Against The Wall“, einer meiner liebsten Tracks von der aktuellen Platte, weil er ein richtig schöner, ein beinahe perfekter Pop/Rock-Song ist, samt hübscher Gitarre. Diese legen wir aber jetzt beiseite, denn Bassist Theo Ellis – er ist ein wenig ein Showman, gibt auch schon mal gern den Einpeitscher für einen Song – fordert uns auf, Happy Birthday zu singen. Selbstverständlich tun wir das. Auch seiner nächsten Aufforderung kommen viele gerne nach: „Jump up and down!“ Eine simple Bitte, hüpfen und springen, darauf sollte man ja nun wirklich nicht vergessen bei so einem Open-Air-Konzert.

Back to the roots

„Are you wild like me, raised by wolves and other beasts“, singt Ellie Rowsell nun. Diese Lyrics stammen aus dem Song „Bros“, der 2013 vom englischen Plattenlabel Chess Club veröffentlicht wurde; eine überarbeitete Version kam dann auf das 2015 erschienene Debutalbum von Wolf Alice. Die Band geht also hier zu ihren Anfängen zurück. Ellie Rowsell spielt die Gitarre; von ganz hinten und noch dazu mit nicht ganz richtiger Brillenwahl – die andere ließ ich im Auto liegen – sehe ich nicht, welche es genau ist, Ellie besitzt ja einige Gitarren. Es ist jedenfalls nicht die weiße Flying V von Gibson, die Ellie an diesem Abend auch spielt. Die Bühne leuchtet jedenfalls nun grün-orange und Bassist Theo macht wieder Stimmung. „How Can I Make It OK“ vom dritten Album der Band, „Blue Weekend“ aus 2021, steht an.

Das Thema Freiheit und Wildsein kommt bei Ellie Rowsell öfter vor, auch am aktuellen Album, im Song „The Sofa“. Schöne Piano-Klänge hier und die semi-akustische Gitarre von Joff Oddie; ein superschöner Song mit einem oldschool Pop-Vibe, der live auch so gut rüberkommt wie in der Studioversion, auch wenn man weniger von den Lyrics versteht: „Didn’t make it out to California, where I thought I might clean the slate, feels a little like I’m stuck in Seven Sisters, North London, oh, England, and maybe that’s okay“, singt Ellie Rowsell jedenfalls, und der Schluss von diesem Song kommt mit großer Eindringlichkeit: „Hope I can accept the wild thing in me, hope nobody comes to tame her, and she can be free.“ Ellie Rowsell at her best. Find ich jedenfalls.

Andere wiederum mögen sie vielleicht am allerliebsten, wenn sie im Riot-Grrrl-Punk-Stil performt, oder mit der mit der Flying-V-Gitarre die Heavy-Metal-Füchsin gibt, oder dem Sprechgesang frönt. Ach was, es ist, wie man in England gern sagt, „all in a day´s work“ für diese Band, also Unterschiedliches recht selbstverständlich zu mischen. Streichen wir also Butter auf das Brot. „Bread Butter Tea Sugar“ heißt ein Song, auch am aktuellen Album der Band, aber auch „Smile“, ein Hit vom „Blue Weekend“-Album, ist in der Setlist mit dabei, oder auch „Lipstick On The Glass“. Letzterer Track ist auch von „Blue Weekend“ – hübsche Gitarre wieder von Joff und die Sopranstimme von Ellie. Sehr schön.

Don’t delete the Kisses!