„Was wir der Welt geben können, um sie vielleicht ein bisschen besser zu machen, ist Musik“, sagt Yard-Act-Sänger James Smith. Deshalb der Titel „You’re All Gonna Need a Little Music“. Wer die Post-Punk-Band aus Leeds kennt, weiß, da steckt ein wenig mehr dahinter. Die Texte von James Smith nehmen stets auch die gesellschaftlichen Verhältnisse aufs Korn. Und die der Musikindustrie. Und sich selbst. „Das ist die zynische Auslegung des Titels“, so Smith weiter, „auch wir sind bloß ein Produkt. Ob wir wollen oder nicht, wir sind Teil der Musikindustrie und ihrer Verwertungsketten.“

Für ihren doch etwas nischigen Stil sind Yard Act weit über die Indie-Bubble hinaus beliebt. Nach dem Release des Debütalbums „The Overload“ während der Pandemie haben Stars wie die Schauspieler Cillian Murphy („Peaky Blinders“) und David Thewlis („Harry Potter“) öffentlich ihr Fantum angemeldet. Ebenso Ed Sheeran und ein gewisser Sir Elton John. Mit drei der vier Genannten haben Yard Act später zusammengearbeitet. „The Overload“ kletterte bis auf die Nummer 2 der britischen Albumcharts und erhielt 2022 eine Nominierung für den prestigeträchtigen Mercury Prize.

Gallig-bissige Kommentare zum bröckelnden Gesellschaftskitt? Dazu zackige Gitarrenriffs und Sprechgesang? Um das Klischee des britischen Post-Punk der späten Siebzigerjahre und deren Über-Band The Fall zu vervollständigen, hat James Smith auf der Bühne auch noch einen Trenchcoat übergezogen.

Kantige Riffs und Sprechgesang

Was als ironische Geste auf das Post-Punk-Genre begann, wird man nun nicht mehr los. „Fans kommen in Trenchcoats zu unseren Konzerten“, so Smith. „Mittlerweile ist das Ding für mich zu einem Superhelden-Cape geworden. Manchmal muss man sich den Umständen beugen.“ Immerhin haben sich Yard Act in dem Song „The Trench Coat Museum“ kritisch mit dem englischen Kultstoff, dessen militärischen Ursprüngen und der White-Collar-Symbolik dahinter auseinandergesetzt.

Yard Act sind eine jener britischen Bands, die mit dem Post-Punk-Revival in der Zeit nach dem Brexit und vor der Pandemie aus dem Dunstkreis von Clubs und Pubs wie dem Windmill in London hinaus in die Welt getragen wurden. Andere Acts aus dieser Zeit: Sleaford Mods, Black Midi, Goat Girl, Fontaines DC, Squid, Shame und Black Country, New Road. Nicht alle haben den Hype überstanden. Yard Act schon. Die Band aus Leeds hat auf ihrem zweiten Album „Where’s My Utopia?“ (2024) das enge Korsett des klassischen Gitarren-Post-Punk abgelegt und den Sound um Disco, Britpop, Dance-Punk und sogar etwas Hip-Hop erweitertet. Die „Kritische Theorie“ ist aber in der Manteltasche geblieben.

So auch auf dem neuen Album, das sich stilistisch noch mehr öffnet. Viele Songs beginnen mit der Feststellung, dass es dem lyrischen Ich am Nötigsten fehle – materiell und menschlich, und dass es damit nicht allein sei, aber ziemlich allein gelassen werde. „Small change, in my pocket, I’ll gonna spend it like a king“, heißt es in dem Song „Tall Tales“. Mit Cha-Cha-Cha- und Rumba-Beats lässt es sich zu der grundsätzlich ernüchternden Feststellung dann doch berauscht tanzen.

Auch der Titeltrack wird über einen House-Beat zum Party-Kracher. Immer wieder versucht die Musik, dem Zynismus und der Abgeklärtheit des Erzählenden mit Humor und Optimismus zu begegnen. Yard Act arbeiten sich thematisch vom Band-Kollektiv über die Algorithmen zum Ego-Influencertum hinunter und zurück zur Utopie einer Gemeinschaft. Der kulturlinke Entfremdungsansatz ist nicht taufrisch, aber auch nicht falsch. Wer das alles aus Altersgründen kennt, sollte bedenken, dass es viele Nachkommende nicht tun. „Wir wollen der Idee der kollektiven Erfahrung die Frage stellen, ob sie heute überhaupt noch einen Begriff von einer gemeinsam empfundenen Realität hat“, sagt James Smith im FM4-Interview.

Mit Dialektik und Rumba Beats

Den musikalischen Ausflügen in den Süden und in den House-Club sind wuchtige Gitarrenriffrocker zur Seite gestellt wie die erste Single „Redeemer“. Diese Riffs klingen eher nach Stadionrock als nach Proseminar mit Gitarre. „Das war nicht geplant, es hat sich aus der Situation ergeben, in der die Songs entstanden sind“, so Gitarrist Sam Shipstone. „Das Debütalbum ist wegen der Lockdowns im Laptop zusammengesetzt worden, und auch beim zweiten Album waren wir nur selten im selben Raum. Die neuen Songs haben wir live als Band eingespielt. Deshalb klingt alles wuchtiger und satter.“

Wuchtig? Sicher! Satt? Bloß, was den Sound angeht. Yard Act sind nach wie vor hungrig. Das hört man „You’re All Gonna Need a Little Music“ deutlich an. Perfekt für alle, die nicht ohne ihren Michel Foucault ins Freibad gehen können. Bei Yard Act kommen die Kulturindustrie und der Rock’n’Roll dialektisch zusammen.