Gute Popmusik lebt von der Irritation. Auf dem in Schwarz-Weiß gehaltenen Coverfoto des neuen Albums von Popsängerin Charli xcx ist nicht die Musikerin selbst zu sehen, sondern drei ältere Herren: der 84-jährige Avantgarde-Musiker John Cale, Modedesigner Marc Jacobs (63) und Regielegende Martin Scorsese (83). Das Foto sorgte in sozialen Netzwerken prompt für Gesprächsstoff. „Huldigt Charli xcx jetzt alten Männern?“, fragte etwa auch der „Spiegel“.
Die drei dienen der 33-jährigen Künstlerin als Inspiration für ihr siebentes Studioalbum. Denn für Charlotte Emma Aitchison, wie Charli xcx bürgerlich heißt, ist Musik ohne das Zusammenspiel von Mode, Design und Filmkunst nicht denkbar. „Ich würde mich nicht als reinen Popstar bezeichnen“, schrieb sie letztes Jahr in einem Essay über ihr Leben. Sie sei eben eine Künstlerin, die sich schon immer in unterschiedlichsten kreativen Formen ausgelebt habe.
Album „Brat“ zwischen Lifestyle und Politik
Mit ihrem neuen Album hat Charli xcx sich endgültig von der „Brat“-Last befreit. Das Album mit dem einprägsamen neongrünen Coverartwork war 2024 größer als die Künstlerin selbst geworden: Der „Brat-Girl-Summer“, das selbstbewusste Feiern des eigenen Ichs, ohne sich verstellen oder entschuldigen zu müssen, wurde vom Pop- zum Lifestyleaccessoire und Politikum.
Denn „Brat“ (englisch für Göre) war nicht nur das Motto der Generation Z mit einer Wir-lassen-uns-nichts-gefallen-Attitüde, sondern auch ein politisches Schlagwort. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 wurde Trump-Herausforderin Kamala Harris als „brat“ bezeichnet.
Der weltweite Höhenflug der letzten Jahre (u. a. drei Grammy Awards und fünf Brit Awards) hat bei Charli xcx auch seine Spuren hinterlassen. Nach dem Erfolg ihres Albums habe sie sich „kreativ ausgelaugt“ gefühlt und eigentlich eine Pause einlegen wollen, sagte sie kürzlich dem US-Magazin „Rolling Stone“. „Ich hatte keine Inspiration, etwas Neues zu schreiben.“ Vor allem wollte sie eines nicht – den „Brat“-Hype wiederholen: „Es ist für mich kreativ nicht erfüllend, zweimal dasselbe zu machen.“
Kreativer Brückenschlag
Rückblickend beschreibt Charli xcx die letzten Jahre ambivalent: „Es ist schon seltsam, wie Erfolg einen einsperren kann.“ Die Kunst zwischen Schauspielerei und Popexperimenten vermochte ihre Freude an der Musik wieder zu entfachen. In der Mockumentary „The Moment“, einer fiktiven Dokumentation, in der sie sich selbst spielt, hat sie die Höhen und Tiefen ihres Popstarlebens verarbeitet.
Für die stilisierte Literaturverfilmung „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ mit Margot Robbie und Jacob Elordi von Regisseurin Emerald Fennell hat sie den Soundtrack geschrieben. Bereits darauf zu finden: ein gemeinsamer Song mit ihrem aktuellen Covermodel John Cale. Heute kann man diese Arbeiten als Brückenschlag zu ihrem neuen Album sehen.
Rockmusik durch den Popfilter
Mit „Music, Fashion, Film“ bewegt sie sich frei zwischen all den Einflüssen, die sie bis heute prägen: Rockgitarren, treibende Rhythmik und Soundtrackschnipsel. Wo „Brat“ von maximaler Energie, greller Clubästhetik, Dance-Musik und unmittelbarer Euphorie lebte, nimmt sich Charli xcx diesmal mehr Zeit für Atmosphäre und Stimmungen. Sie kombiniert eingängigen Pop mit Indierock und experimentellen Klängen und lässt sich nicht auf einen Slogan reduzieren.
So eröffnet Charli xcx das Album mit dem Song „Rock Music“ und gibt die Richtung vor, wie sich die Künstlerin ihre Version eines Gitarrenalbums vorstellt. Man hört Referenzen an Indierockbands der Nullerjahre (wie im Song „2007“), Alternativepop („Persona“) und düstere Gitarren („I’m Afraid“). Eingebettet sind die Lieder in eine organische Produktion, die aber immer durch Charlis Popfilter schimmern: eingängige Refrains und Melodien zum Mitsingen.
Im zentralen Song „SS26“ singt Charli xcx über eine Welt in der Dauerkrise, in der selbst Musik, Mode und Film keine Rettung mehr versprechen. Ihr musikalischer Gegenentwurf ist trotzig und glamourös zugleich, wie sie im Musikvideo zum Song zeigt: Wenn schon alles den Bach hinuntergeht, dann läuft die Künstlerin wenigstens gut gekleidet über den Laufsteg.
Nichts ist für immer
Im abschließenden Lied „No One Lasts Forever“ reflektiert Charli xcx gemeinsam mit dem 83-jährigen kanadischen Filmemacher David Cronenberg über die Endlichkeit von Ruhm und Erfolg. Und das klingt hier durchaus tröstlich: Denn während Kunst dazu imstande ist, Jahrtausende zu überdauern, so Cronenberg in seinem Spoken-Word-Monolog, erleben Künstlerinnen und Künstler ihren Nachruhm ohnehin nicht mehr. „Oblivion is freedom“, heißt es hier: Vergessenwerden ist Freiheit. Mit „Music, Fashion, Film“ scheint Charli xcx ganz bei sich angekommen zu sein.