Der russische Geheimdienst FSB hat laut Medienberichten seit Juli 2025 in verschiedenen russischen Regionen 46 russische Staatsbürger zwischen zwölf und 22 Jahren festgenommen, die den in Russland verbotenen Datingbot Leo Match von Telegram genutzt haben sollen. Den Festgenommenen werden dem FSB zufolge Angriffe auf Sicherheitskräfte sowie Sabotageakte gegen Energie- und Verkehrsinfrastruktur zur Last gelegt.
Den Angaben zufolge wurden sie alle über Telegrams Datingbot von Agenten des ukrainischen Geheimdienstes kontaktiert, die sich als junge Frauen ausgaben. Anschließend seien sie unter Druck gesetzt und dazu gebracht worden, Polizisten anzugreifen und Infrastrukturanlagen in Brand zu setzen.
Frauen „gefürchtetste Geheimdienstmitarbeiterinnen“
Laut dem Zentrum für Europäische Politikanalysen (CEPA) sind auch Ukrainerinnen als Nachrichtendienstspezialistinnen aktiv. „The Atlantic“ schrieb kürzlich sogar, dass ukrainische Frauen zu den gefürchtetsten Geheimdienstmitarbeiterinnen des Landes geworden seien.
So würden ukrainische Agentinnen über Onlinedating-Apps Kontakte zu den Soldaten knüpfen. Teils handelt es sich dabei auch um Männer, die sich als Frauen ausgeben. Nicht nur, um Russen selbst anzustacheln, terroristische Handlungen zu vollziehen, sondern auch, um an geheime Informationen zu kommen.
Iegor Krawtschenko, ukrainischer Kommandant und Drohnenpilot, sagte gegenüber „The Atlantic“, dass ein erheblicher Teil der ukrainischen Drohnenmissionen auf Informationen des Widerstands basiere.
Frauen „Rückgrat des Widerstands“ in besetzten Gebieten
Petro Andriuschtschenko koordiniere aus dem Ausland Agentinnen in der Ukraine und sagte gegenüber „The Atlantic“: „Frauen sind für den ukrainischen Widerstand von entscheidender Bedeutung. Sie können Orte erreichen und Dinge tun, die Männern verwehrt bleiben.“
Vor allem in den besetzten Gebieten bildeten Frauen das „Rückgrat des Widerstands“, schließlich arbeiteten viele in unterschiedlichen Bereichen der russischen Zivilverwaltung – in Krankenhäusern, Schulen und Regierungsinstitutionen. Dort könnten sie wertvolle Informationen sammeln, die sie dem ukrainischen Geheimdienst weitergeben.
Auch würden sich Frauen ehrenamtlich bei russischen Hilfsorganisationen engagieren, um verdeckt Informationen über den Einsatz russischer Truppen sammeln zu können. Erst Ende Mai habe eine regierungsnahe russische Hilfsorganisation vor dieser Taktik der „feindlichen Kräfte“ gewarnt.
Widerstandsnetzwerk „Ukrainische Frauengarde“
Die meisten Ausbildungen für Widerstandskämpferinnen fänden inoffiziell statt. Das Frauenwiderstandsnetzwerk „Ukrainische Frauengarde“ etwa biete Kurse zum Thema Widerstandsarbeit an. „Ein Kurs konzentriert sich auf die Überwindung von Lügendetektortests, andere behandeln Stadtüberwachung und Informationsbeschaffung“, schreibt „The Atlantic“.
Entschlossenheit im Kampf gegen Russland
Die Aktivistinnen und Widerstandskämpferinnen erzählten gegenüber dem Magazin, dass ihre Entschlossenheit, die russische Besatzung zu beenden, auch durch schreckliche Ereignisse geprägt gewesen sei. Schließlich seien ukrainische Frauen stark sexueller Gewalt ausgesetzt. Das sagt auch Amnesty International.
Tetjana Kostjantyniwna, Leiterin des Frauenzentrums in einem Kiewer Krankenhaus, sagte gegenüber „The Atlantic“: „In den vergangenen vier Jahren haben wir uns zu einem weltweit führenden Zentrum für neue Methoden der gynäkologischen Rekonstruktionschirurgie entwickelt.“
Widerständige und wütende „Waldfeen“
„Tagtäglich wird gefoltert, vergewaltigt und getötet“, heißt es über die russische Armee seitens einer weiteren rein weiblichen Widerstandsgruppe der Ukraine: der „Zla Mavka“, übersetzt „wütende Waldfeen“.
Die Aktivistinnen würden ihr Leben riskieren, um in den besetzten Städten und Gemeinden Widerstandsplakate, Flugblätter und anderes Material zu verteilen, heißt es auf deren Website.
Und weiter: „Sie profitieren von der tief verwurzelten Frauenfeindlichkeit der Besatzungsmächte, die niemals vermuten, dass Frauen eine so aktive Rolle im Widerstand spielen können.“
Zunehmend im Untergrund
„Der ukrainische Widerstand ist lebendig und tödlicher denn je. Doch er hat sich seit seinen Anfängen dramatisch verändert“, so „The Atlantic“. Sei zu Kriegsbeginn in besetzten Gebieten noch offen Widerstand gezeigt worden, etwa mit Flaggen und Graffitis, habe er sich im Laufe der Zeit zunehmend in den Untergrund verlagert.
Schließlich riskiere man mit jeglicher Aktion, in russische Folterkammern gebracht zu werden. Jeder auch noch so friedliche Widerstand könne tödlich enden. Folglich müssten Widerstandsaktivitäten auch streng geheim gehalten werden.
Heldengeschichte als moralische Stütze
„Der einst von der breiten Öffentlichkeit geleistete symbolische Widerstand ist nun der Geheimdienstarbeit professioneller Agenten und Agentinnen gewichen“, so „The Atlantic“. Das Ergebnis sei eine Bewegung, die stiller geworden sei. Aber auch tödlicher.
Berichte über das Engagement und den Mut der Ukrainerinnen und Ukrainer wie jene bilden seit Kriegsbeginn eine für das Land wichtige moralische Stütze, sich nicht vom Krieg zermürben zu lassen und weiter Hoffnung zu haben. Sie wirken dabei aber nicht nur nach innen, sondern auch nach außen: Sie sollen beweisen, dass die Ukraine sich weiter wehrt und ausländische Hilfe dabei benötigt wird.
Rund 5.500 Frauen an der Front
Auch an der Front selbst sind Frauen aktiv. Laut den aktuellsten offiziellen Zahlen würden rund 70.000 Frauen in den ukrainischen Streitkräften dienen, wie der Kyiv Independent schrieb. Insgesamt umfasst die Armee eine Million Soldatinnen und Soldaten. Rund 5.500 Frauen seien an vorderster Front im Einsatz. Vor allem die Zahl der Drohnenpilotinnen würde zunehmen, wie „The Times“ und „The Economist“ einstimmig berichteten.
Tägliches Überleben als „Form des Widerstands“
Die Mehrheit der ukrainischen Frauen trage zwar keine Uniform, sei aber für den Krieg von entscheidender Bedeutung, so CEPA. Nicht zuletzt auch, was unbezahlte Arbeit betreffe. Da so viele Männer im Kriegseinsatz seien, müssten viele Frauen gleichzeitig Kinderbetreuung, Haushalt, Altenpflege bewältigen und sich um das Einkommen kümmern. Diese multiple Belastung habe sich unter Kriegsbedingungen noch verschärft „und das tägliche Überleben zu einer Form des Widerstands gemacht.“