Spider-Man tauchte in Comicheften aus dem Hause Marvel ab 1962 auf. Das war keine ausgemachte Sache und kostete die Erfinder Stan Lee und Steve Ditko einiges an Überzeugungsarbeit. Denn Spider-Man war ein Ausnahmesuperheld. Statt eines makellosen Images gab man ihm einen Hintergrund als gemobbter Teenie-Nerd mit auf den Weg. Und statt fiktive Städte wie Gotham City zu retten (Helden wie Batman aus dem Hause DC), bekämpfte Spider-Man das Böse in einem sehr realen New York City, das oft Schauplatz war und ist bei Marvel. In den Spider-Man-Heften wurden Drogensucht, die Bürgerrechtsbewegung und Proteste gegen den Vietnam-Krieg thematisiert.
Gegen alle Widerstände und Unkenrufe ging das Konzept auf, Spider-Man hatte jede Menge Fans. In der zweiten Realverfilmung („Spider-Man Strikes Back“, 1978) mit Nicholas Hammond in der Titelrolle ging es um Terroristen mit einer Nuklearwaffe. Eigentlich eine Steilvorlage für einen Spider-Man-Film im Jahr 2026, in Zeiten des US-Präsidenten Donald Trump, von Kriegen in Nahost und in der Ukraine, der Opioidkrise und des Klimawandels.
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Charmant-nervöser Superheldenschussel
Und was die Charakterzeichnung von Superhelden betrifft, hat etwa DC James Gunns „Superman“ (2025) vor Kurzem zusätzlichen Tiefgang verpasst. Verfilmungen von Superheldenstoffen waren in letzter Zeit nicht selten eher mit Graphic Novels als mit dünnen Comicheften vergleichbar. Marvel hatte alle Trümpfe in der Hand: einen historischen Comichelden mit ausreichend psychologisiertem Hintergrund, um darauf aufzubauen, in einer realen Welt, die neben aller realen auch für fiktionale Dramatik genug hergibt.
Der Mut, den die Spider-Man-Erfinder in den 60er und 70er Jahren hatten, fehlt in den aktuellen vier Spider-Man-Filmen jedoch. Auf aktuelle Referenzen wird abgesehen von der impliziten Frage nach der Werthaltigkeit von Wahrnehmung in Teil II und der (harmlosen) Präsenz von Social Media weitgehend verzichtet, und Peter Parker, wie Spider-Man ohne seinen Superheldenanzug heißt, wird nur von einem einzelnen Schüler gehänselt und ist kein wirkliches Mobbing-Opfer, sondern ein beliebter, charmant-nervöser, nerdiger Schussel mit gelegentlichen Selbstzweifeln. Eher setzt man auf die enge Verzahnung innerhalb des Marvel-Universums, allen voran mit der Superhelden-Supergroup „Avengers“.
Wer strebern und sich ordentlich auf den neuen Spider-Man-Film vorbereiten möchte, muss neben den ersten drei Teilen der aktuellen Reihe („Homecoming“ 2017, „Far From Home“ 2019, „No Way Home“ 2021) auch die Filme der „Avengers“-Reihe von Marvel nachholen, in denen Tom Holland in der Rolle des Spider-Man vorkommt: „Captain America: Civil War“ (2016), „Avengers: Infinity War“ (2018) und „Avengers: Endgame“ (2019).
Der Erinnerung entrissen
Aus all dem ergibt sich folgende Ausgangssituation von „Spider-Man: Brand New Day“: Parker muss fertig damit werden, dass sein Förderer, der „Avengers“-Anführer Tony Stark (Iron Man, gespielt von Robert Downey Jr.), tot ist und er selbst völlig damit überfordert war, ihm nachzufolgen. Der wichtigste Mensch in seinem Leben, seine Tante May, ist gestorben – er gibt sich selbst die Schuld daran. Und die Welt hat aufgrund eines Zaubers von Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) vergessen, wer Parker ist, inklusive dessen engsten Vertrauten.
Das heißt: Sein Love-Interest aus den ersten drei Teilen, MJ (Zendaya), und sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) kennen ihn nicht mehr. Er kann nur via Social Media an ihrem Studententrubel am MIT teilhaben – die beiden leben seinen Traum. Und so vertreibt sich Parker ohne Freunde und Verwandte die Zeit damit, als Spider-Man der Polizei in der Nachbarschaft da und dort bei der Verbrechensbekämpfung zu helfen. Bis ein neuer Superheldenbösewicht auftaucht und New York bedroht.
Schwermut statt Teenieschmäh
Abgesehen von den bereits erwähnten verschenkten Chancen waren die ersten beiden Teile der aktuellen Spider-Man-Filmreihe Teenie-Superhelden-Komödien mit viel Witz, Tempo, Actionszenen und Superheldencontent für Fans. Der dritte Teil versprach sogar mehr, er widmete sich der physikalisch-philosophischen Viele-Welten-Theorie und lieferte nicht nur mit Willem Dafoe als grünem Kobold und dem Song „The Magic Number“ von De La Soul im Abspann so etwas wie cinematische Glaubwürdigkeit für eine Zielgruppe, die dem Teenageralter bereits entwachsen ist. Bei den ersten drei Teilen führte Jon Watts Regie.
In „Brand New Day“ unter der Regie von Destin Daniel Cretton (die Drehbuchautoren sind allerdings weiterhin Chris McKenna und Erik Sommers) fehlt es ein wenig an allem. Der Witz und die Leichtigkeit sind wegen Parkers Schwermut dahin. Die Action kommt bemüht daher, sie könnte eine Referenz an den ersten Spider-Man-Film aus dem Jahr 1977 sein. Da wie dort ist ein Schurke am Werk, der in die Körper von Menschen schlüpft. Im aktuellen Film ist sein Hoppeln von Passant zu Passantin, um von A nach B zu kommen, albern und sieht mehr nach einem Modern-Dance-Flashmob von Erstsemestern einer privaten Schauspielschule aus als nach Superheldenaction.
Robert Downey Jrs. „Avengers“-Rückkehr
Auf der Habenseite hat der Film einen gewohnt großartigen Auftritt von Mark Ruffalo als Hulk zu bieten und eine kleine Weiterentwicklung der Spider-Man-Figur in technischer Hinsicht. Das ist freilich wirklich nur für Fans spannend. Für mehr Spannung sorgt da schon die Frage, ob es Parker gelingen wird, seinen Liebsten doch wieder näher zu kommen, aber die wird so sehr über die Spider-Man-üblichen zweieinhalb Stunden verschleppt, dass man sich einen Fast-forward-Button wünscht.
Welche Rolle – und ob überhaupt – Spider-Man im neuen „Avengers“-Film „Doomsday“ spielen wird, wurde noch nicht bekanntgegeben. Im Dezember kommt der in die Kinos. Robert Downey Jr. spielt wieder die Hauptrolle – aber weil Iron Man Tony Stark tot ist, gibt er den Halunken Doctor Doom. Wie erklärt wird, dass der genau wie Iron Man aussieht, dürfte spannend werden. Die alten Comics bieten Anhaltspunkte. Fix ist: Alles dreht sich weiter im Marvel-Multiversum.