Auf den ersten Blick war alles so wie immer: Dutzende Kamerateams und Fotografen rauften sich Montagvormittag um die besten Plätze in der Probe zu George Bizets Oper „Carmen“, mit der das Festival eröffnet wird. Eines war dieses Mal aber anders als sonst: Nicht nur ein Festspielintendant, sondern gleich zwei waren im Saal, der beurlaubte Ex-Intendant Hinterhäuser und Interimsintendantin Bergmann.

Auch sonst erlebt Salzburg die beiden öfters im Doppelpack, zum Beispiel am Sonntagabend: Geigerin Patricia Kopatchinskaja widmete ihr Konzert im Haus für Mozart dem im Saal anwesenden Hinterhäuser. Bergmann saß ebenfalls im Publikum.

Tiefer Fall

Das unschöne Ende von Hinterhäusers Intendanz im vergangenen Frühjahr hat die Festspiele tief erschüttert. Der 68-jährige Pianist prägte das Musik- und Theaterfestival seit den 1990er Jahren in diversen Funktionen – zuletzt als hoch angesehener Intendant. Auf den steilen Aufstieg folgte der tiefe Fall: Hinterhäuser nahm nach einem ebenso heftigen wie wochenlang öffentlich ausgetragenen Streit zwischen ihm und dem Festspielkuratorium unfreiwillig den Hut.

Konkrete Gründe für den drastischen Schritt wurden keine genannt – Hinterhäuser und die Kuratoriumsmitglieder vereinbarten vertraglich Stillschweigen. Für Nachfolgerin Bergmann begann damit wenig später eine delikate Mission: Für zwei Jahre bestellt, muss sie ein Festivalprogramm umsetzen, das sich jemand anderer ausgedacht hat. Immerhin: Das Schauspielprogramm des heurigen Sommers hat Bergmann zumindest mitentworfen.

Bei der Präsentation im Dezember 2025 hatte Hinterhäuser der „lieben Freundin“ und einstigen Burgtheater-Direktorin für ihre Mitarbeit und ihren professionellen Ratschlag herzlich gedankt. Wenige Monate später, so Bergmann, spreche ihr Vorgänger kein einziges Wort mehr mit ihr. Denn dass ausgerechnet sie ihm nachfolge, die Hinterhäuser noch im Jänner als Theaterchefin der Festspiele inthronisieren wollte, empfinde Hinterhäuser als Verrat.

Sommer der Blockbuster

Jede Menge Drama also im Festspielbezirk, und Bergmann hält sich der Situation entsprechend mit Interviews nobel zurück. Die Künstlerinnen und Künstler sollen im Vordergrund stehen, so das Argument, sie habe sich ohnedies schon oft genug erklärt. Viel Verkaufshilfe ist tatsächlich nicht vonnöten: Die meisten Vorstellungen sind bestens verkauft, Bizets „Carmen“ als Opernblockbuster des Sommers ist sogar vielfach überbucht. Auch sonst verzichtet das Festival heuer weitgehend auf Raritäten: Hinterhäuser hat einen Reigen illustrer Kassenschlager hinterlassen.

In der Oper stehen neben „Carmen“ Stücke von Richard Strauss („Ariadne auf Naxos“), Wolfgang Amadeus Mozart („Cosi fan tutte“), Gioachino Rossini („Il viaggio a Reims“) und als seltene Kostbarkeit Olivier Messiaens „Saint Francois d’Assise“ auf dem Programm. Das Schauspiel startet am Samstag mit Goethes „Faust I“ als erster Neuinszenierung in den Sommer, gefolgt von Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ und Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ sowie Molieres „Der Menschenfeind“ – Klassiker von einst gepaart mit Klassikern von heute.

Oper auf dem Mars

Auch wenn das Programm auf den ersten Blick wenig Überraschendes zu bieten hat: Für Spannung ist gesorgt, denn die Leading-Teams gehen mit den Werken nicht gerade zimperlich um. Regisseur Ulrich Rasche hat Goethes „Faust“ deutlich eingekürzt: Viele Figuren, die Szene in Auerbachs Keller und sogar der Osterspaziergang sind gestrichen.

Ähnlich radikal hat Regisseur Ersan Mondtag Richard Strauss bearbeitet: Dessen Oper „Ariadne auf Naxos“ spielt nicht wie von Librettist Hugo von Hofmannsthal vorgesehen in der Wiener Bourgeoisie, sondern auf dem Mars. Und selbst Bizets „Carmen“ erfährt im Großen Festspielhaus einen Relaunche: Regisseurin Gabriela Carrizo bringt die Geschichte über Freiheit, Liebe und Femizid ganz ohne gesprochene Dialoge, dafür aber mit neu hinzugefügten Tänzern auf die Bühne.

Flotter Dreier

Keine üble Ausgangslage, um bis Ende August für Schlagzeilen, Diskussionen und große Kunst zu sorgen. Der Startschuss fällt am Sonntagvormittag, wenn das Festival mit der Festrede der belarussischen Oppositionellen Maryja Kalesnikawa und von Bundespräsident Alexander Van der Bellen feierlich eröffnet wird.

Unter besonderer Beobachtung steht anschließend auch Berrie Kosky, der im Haus für Mozart seine zu Pfingsten gefeierte Inszenierung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ zeigen wird. Der australische Regisseur gilt nämlich als aussichtsreichster Kandidat für die Bergmann-Nachfolge ab 2028. Vielleicht sitzen auch Bergmann und Hinterhäuser in der Premiere. Dann wäre man zu dritt.