Es wohnen, ach, ganz schön viele Seelen in dieser Brust: Sind es in Goethes Drama „Faust I“ im Original zwei, unternimmt der deutsche Regisseur Ulrich Rasche bei seiner düsteren Neuinszenierung für die Salzburger Festspiele eine multiple Seelenbeschau eines Verzweifelten und stets Zweifelnden – mit radikal gekürzter Textfassung, verknappter Personage mit nur fünf Darstellerinnen und Darstellern sowie einem ausgeklügelten Wunderding an Bühnentechnik.

Nicht umsonst gilt Rasche als Theatermaschinist: Dieses Mal hat der Festspiel-Stammgast nach Aischylos’ „Die Perser“, Lessings „Nathan der Weise“ und Donizettis Oper „Maria Stuarda“ im Vorjahr für das nackte Bühnenhaus auf der Pernerinsel in Hallein ein ausgetüfteltes, dystopisches Bühnenmahlwerk konstruiert, in dem die Wucht von Goethes glasklarer Sprache in mehr als dreieinhalb Stunden rigoros ausgeleuchtet wird und strahlen darf. So hat man diesen Text vielleicht noch nie gehört.

Abspaltungen am laufenden Band

Auf einer stetig sanft rotierenden Drehscheibe im Bühnenboden mitsamt einem inneren Ring, der die meiste Zeit gegengleich läuft, spult das Ensemble Kilometer um Kilometer ab. Der Coup des Bühnenbilds sind zwei riesige im Schnürboden befestigte, rechteckige Lichtkästen, die variabel eingesetzt werden. Einmal spannen sie sich zur riesigen Leinwand auf, einmal schweben sie synchron über dem Bühnengeschehen und ein anderes Mal bilden sie einen engen Korridor, der auch als eine Art psychedelischer Geburtskanal fungiert.

In diesem Tunnel wird Faust ganz auf sich zurückgeworfen und mit „Anteilen seiner selbst konfrontiert, die er zuvor verdrängt hat“, erklärte Rasche beim Terrassen-Talk der Festspiele vorab. Wagt sich Steven Scharf nun als Faust in diesen Korridor, hält ihm eine Kamera den Spiegel vor und spaltet sich ein Teil seines Ichs auf. In rauschhafter Seelennot und bei mitunter flackender Bildstörungsästhetik gebiert er einen neuen Anteil an sich.

Valery Tscheplanowa erscheint ihm zuerst als Geist und ab dem Zeitpunkt, an dem sie schallend auflacht, bestimmt und beherrscht sie als Mephistopheles diese „Faust“-Inszenierung mit jedem Blick und jeder noch so klitzekleinen Bewegung. Hochgradig präsent wickelt die Schauspielerin – ebenso in Anzug und Krawatte wie Faust – den Getriebenen mit Charme und Hinterlist verspielt um den Finger und leitet ihn an, das Studierzimmer zu verlassen.

Wider die Schwerkraft

Scharf ist davor schon auf der rotierenden Bühne im Alleingang und im Streitgespräch endlos um sich selbst gekreist. Als alter Gelehrter kämpft er gegen die Schwerkraft und den Stillstand an. Wie ein Gewinner sieht er nicht aus: verkrampfte Arme, leicht gebückt, setzt er zaudernd einen Schritt vor den anderen, blickt verängstigt um sich. In der Monolog-Szene zu Beginn projizieren zwei Scheinwerfer auf der rechten Bühnenseite seine Schatten auf die linke Seite. Einer ist klar, einer verschwommen. Ein erster Eindruck von dem, was der Abend noch bringen wird.

Eines vorweg: Wer sich vorab nicht mit dem Konzept befasst oder das Programmheft liest, könnte es schwer haben. Rasche verzichtet auf berühmte Szenen wie den Prolog im Himmel, Auerbachs Keller, den Osterspaziergang oder die Hexenküche und hat Figuren wie Fausts Famulus Wagner, Gott oder die Hexe gestrichen.

Man vermisst sie nicht wirklich, einzelne Textpassagen der Abwesenden werden von Faust übernommen, der auch das eine oder andere Selbstgespräch zusätzlich führt. „Die Frage ist: Wie kann der Körper eine möglichst intensive Verbindung zur Sprache herstellen?“, sagte Scharf im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

In Dialog treten

Der Teufelskreis namens Leben, Lieben und Sterben nimmt Fahrt auf: Alfred Brooks steuert in dieser exquisit choreografierten Inszenierung erneut das wummernde, wabernde Sounddesign bei. Gerrit Jurdas Lichtkonzept erhellt die rotierende Sinnsuche des Getriebenen. Das mit fünf Darstellerinnen und Darstellern knapp bemessene Personal spult in ständiger Bewegung Höchstleistungen ab.

Besonders spannend sind die Dialoge, auch die nonverbalen, mit dem jungen Faust (Johannes Nussbaum), der quirlige und kommunikative Facetten von Fausts Psyche ins Spiel einbringt. Als Margarete oder „Gretchen“ (toll: Anna Drexler) erscheint, übernimmt der alte Faust mehrfach die Rolle des Zusehers und sieht dabei in seinem Begehren auch sehr alt aus.

Zwischen Erkenntnis und Erschöpfung

Dieser „Faust“ kreist um sich selbst und diese Sinnsuche entpuppt sich als Rodeo-Ritt zwischen halluzinogenem Größenwahn und subtiler Selbstverachtung, zwischen steter Sehnsucht und irreparabler Zerstörung, zwischen Erkenntnisgewinn und totaler Erschöpfung. Letztere stellte sich auch bei einem Teil des Publikums ein. In der zweiten Hälfte gerieten existenzielle Verse Goethes in seiner Monotonität gehörig ins Getriebe der Bühnentechnik und gingen in der Reizüberflutung beinahe unter.

Immerhin darf sich Gretchen am Ende und bei der tragischen Schlussszene ein bisschen emanzipieren. Auf Mephistos „Sie ist gerichtet“ erwidert sie selbst „Ist gerettet“. Ein kleiner Widerspruch, von dem man sich an diesem Abend inhaltlich noch mehr gewünscht hätte. Das Publikum auf der Pernerinsel spendete dem Schauspielensemble und dem Regieteam freundlichen bis euphorischen Applaus.