„Haus, ich verkaufe dich.“ Am Beginn des Romans steht der Entschluss der Ich-Erzählerin, das lang geliebte Wochenenddomizil wieder loszuwerden. Die Kinder sind groß, Beziehungen zerbrochen, der anliegende kleine See längst verschlammt, die lang schwelenden Konflikte mit den Bewohnern der angrenzenden Datschensiedlung eskaliert.

Das Ende der Ära ist hier nun der Anlass, auf die Vergangenheit zurück- und noch einmal genauer hinzuschauen: „Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich mehr nie wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht“, so die entspannte Selbstkritik.

Zwischenbilanz in Bruchstücken

Das Setting kennt Menasse aus eigener Erfahrung. Vor gut 20 Jahren hatte sie, wie sie einmal in einem Essay der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, eine frühere Gaststätte in einer Wald- und Seenlandschaft in Vorpommern nahe der polnischen Grenze erworben, um gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern dem Wohnort Berlin entfliehen zu können.

Das Idyll von einem Wochenendhaus – großer Garten, am Wasser gelegen – war, so schreibt nun auch die Ich-Erzählerin in „Alleinruhelage“, zunächst ein Glücksgriff. Noch leistbar, weil der „Westen“ damals erst den „Osten“ entdeckte, in titelgebender „Alleinruhelage“, wie Menasse einen Begriff des österreichischen Immobilienwesens zitiert: In Österreich reiche der Begriff Ruhelage nicht, es dürfe „sprachlich immer ein bisschen mehr sein“. Nahe dem Örtchen Vogelsang „krakelen“ alsbald die Reiher, „schuhuen“ die Uhus und „krischpeln“ die Grillen – geschenkt, dass es nicht ganz so idyllisch bleibt.

„Alleinruhelage“ ist ein assoziatives Erinnerungs- und Reflexionsbuch der 56-jährigen Autorin und so etwas wie eine Zwischenbilanz in Bruchstücken. Die epische Form war lange nicht Menasses Fall gewesen, Anekdoten, Episoden und Mosaiksteinchen dagegen das tragende Prinzip der Bücher der früheren Feuilletonjournalistin. Eine Ausnahme bildet ihr letzter erfolgreicher, monumentaler NS-Roman „Dunkelblum“ (2021), der sich über 120.000-mal verkaufte.

Culture Clash zwischen Ost und West

Eine Komponente des sehr vielschichtigen Buchs ist das Thema Stadt-Land-Flucht und Ost-West-Gefälle, womit sich Menasse auch in eine kleine Konjunktur von Romanen – von Lola Randls „Der große Garten“ (2019) bis Juli Zehs „Über Menschen“ (2021) – einreiht. Statt der erhofften „Alleinruhelage“ im geschichtslosen Raum findet die Ich-Erzählerin nun einen Ort, der voller Spuren der DDR-Vergangenheit ist und reichlich Konfliktpotenzial zwischen Ost und West hochspült.

Im Wald steht ein Haus mit dem Schild „Militärischer Sicherheitsbereich! Vorsicht, Schusswaffengebrauch!“. Vor allem aber sorgen die familiär verbandelten Besitzer der Datschensiedlung, die in der DDR Feriendomizil von staatsnahen Firmen war, für reichlich Reibung.

Gegenüber den Datschenbewohnern ist Menasse nicht zimperlich, wenn sie den dort verkehrenden Familienclan „die Sch’tis Vorpommerns“ nennt. „Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh.“ Die Ich-Erzählerin nimmt aber sich selbst und ihre „naive Bürgerlichkeit“, die sie in diverse Fettnäpfchen treten lässt, nicht aus.

Große Gelassenheit, kleine Bitterkeit

Mit ihrer Erzählerin teilt sich die Autorin wohl einiges an Erfahrungsrepertoire, etwa auch die gescheiterte Ehe – vieles davon ist dabei nur anerzählt, viele lose Enden sind offengelassen: Über die Ehe heißt es, die Anfangsjahre in dem Haus seien ihre „beste Zeit“ gewesen, „diese frühen Jahre. Insgesamt waren es gar nicht so wenige, bevor es abwärts ging, steil und schnell.“ Auch die pubertierende Tochter, die die Familie in die Krise stürzt, verschwindet bald aus dem Plot.

Mit im Grundton großer Gelassenheit und heiterer Ironie blickt Menasses Erzählerin insgesamt zurück – der Titel „Alleinruhelage“ ist wohl auch als souveräne Selbstbeschreibung gedacht. Nur hin und wieder schwingt auch Bitterkeit und Verletzung mit: Im letzten Teil des Buchs nimmt eine kürzlich gescheiterte Beziehung zu einem „Habibi“ genannten Narzissten viel Raum ein und wirkt im ansonsten zumeist gut kuratierten Assoziationsstrom stellenweise wie etwas lang geratene Selbstbefreiungsprosa.

Die Wühlmäuse und das „Rasenrasen“

„Einen Roman, dessen Plot man mit einem Satz nacherzählen kann, werde ich vermutlich nie schreiben“, erklärte Menasse anlässlich ihres Romans „Quasikristalle“ (2013) im APA-Interview. Das gilt nun auch für „Alleinruhelage“: Einen starken Auftritt hat etwa das resolute Alleskönner-Handwerkerpaar Alla und Bolek. Auch Politisches zum Umgang der DDR mit der RAF und zu Besitzverhältnissen in den neuen Bundesländern hat Platz. Und zwischendurch packt Menasse – noch nicht in „Vienna“ erzählte – Familiengeschichten aus.

Und dann bleiben noch die diversen Mühen der Gärtnerei und des Häuslbesitzerinnenlebens: Menasses Haus ist zwar kein „Hinterholz 8“, bringt aber dennoch die Bürden eines Bastlertraums und einen zu pflegenden Garten mit sich. „Rasenrasen“ nennt sie etwa das grassierende Phänomen, mit verbissenem Ehrgeiz die Grünflächen zu pflegen. Und, so muss die Ich-Erzählerin lernen, weitaus schlimmer als Maulwürfe sind Wühlmäuse, weil sie knapp unter der Oberfläche ein dichtes Netz an Gängen graben.

Doch letztlich sind alle Kämpfe geschlagen, die Türen zugemacht: Im Großen wie im Kleinen ist „Alleinruhelage“ ein umfassendes Plädoyer für das Loslassen – amüsant, klug und wunderbar lesbar.