Eine gesperrte Schiffspassage, Engpässe bei der Ölversorgung, eine schiefgegangene politische Intervention, eine Großmacht bloßgestellt: Die Sueskrise und das aktuelle Ringen um die Straße von Hormus laden zu Vergleichen ein. Vielfach ist die Rede vom „Sues-Moment“ der USA.
„Auch wenn sich die Geschichte niemals wirklich wiederholt, erscheint es im Moment nur allzu angebracht, sich zu fragen, ob die gegenwärtige US-Intervention im Iran nicht vielleicht Amerikas Version der Sueskrise ist“, schreibt der US-Historiker Alfred McCoy auf der internationalen Publikationsplattform Fair Observer.
Erstarkendes Selbstbewusstsein
Als Nasser am 26. Juli 1956 die Sueskanal-Gesellschaft verstaatlichte und die Armee in deren Verwaltungsbüros eindrang, war die Krise längst am Schwelen. In Nordafrika hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg Sezessionsbewegungen gegen Kolonialmächte entwickelt, Frankreich musste etwa Französisch-Marokko und Tunesien aufgeben und führte Krieg gegen die algerische Befreiungsfront FLN.
Großbritannien war nach dem Krieg vor allem wirtschaftlich geschwächt und zog 1946 aus Ägypten aus. Der Sueskanal blieb aber im Einflussgebiet der Krone. 1956 passierten rund zwei Drittel der europäischen Ölversorgung den Kanal, der Öldurst in Nachkriegseuropa war enorm.
Nasser kam mit dem erstarkenden Selbstbewusstsein der arabischen Länder in Kairo an die Macht. Der Bau des Assuan-Staudamms sollte die Armut im Land beenden und Nassers Einfluss festigen. Doch aus dem Westen erhielt er kein Geld dafür, aus der Sowjetunion hingegen schon.
Inszenierte Rollen
Großbritannien sah sich in die Enge getrieben, und Frankreich sprang den Briten zur Seite, da Nasser die algerische FLN mit Waffen unterstützte. Auch Israel stieß zur Allianz gegen Ägypten. Man wollte den Sturz Nassers herbeiführen und den Sueskanal unter Kontrolle bringen. Israel sollte das Land angreifen. London und Paris wollten sich als Friedensstifter inszenieren, tatsächlich aber waren sie Drahtzieher.
Erst drei Jahre zuvor hatten die USA und Großbritannien den demokratisch gewählten Premier des Iran, Mohammed Mossadegh, gestürzt, weil er die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht hatte. Ähnlich effizient hatte man sich das Vorgehen in Ägypten vorgestellt. Die konzertierte militärische Aktion sollte in rund acht Tagen erledigt sein.
Wochenschau zur Sueskrise vor 70 Jahren
Im Jahr 1956 hat die „Austria Wochenschau“ über die Verstaatlichung des Sueskanals und die Folgen berichtet.
Ein fehlgeschlagener Plan
Nasser aber zog seinen Trumpf: die Kontrolle über die Öltransporte. Er ließ im Kanal Dutzende alte Schiffe, beladen mit Steinen, versenken und blockierte so den Nordeingang des Kanals – für fast sechs Monate. Für Öltransporte mussten nunmehr lange Umwege in Kauf genommen werden, der Ölpreis stieg zeitweise um zehn Prozent. In vielen europäischen Ländern musste Treibstoff rationiert werden.
Die USA und die Sowjetunion sahen zudem keinen Sinn in dem Konflikt. Beide Supermächte verbündeten sich inmitten des Kalten Krieges unter dem Dach der UNO, um den Konflikt schnell wieder einzudämmen.
Frankreich und Großbritannien wurden dessen gewahr, dass sie in der Ära des Kalten Krieges zwischen zwei Supermächten kein Mitspracherecht mehr hatten. Großbritannien hatte ein letztes Mal versucht, als Großmacht militärisch seine Interessen durchzusetzen, und scheiterte. Premier Anthony Eden trat blamiert ab. Während die Sueskrise die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien und panarabische Bestrebungen beschleunigte, bedeutete sie für Großbritannien eine einzige Demütigung. In Ägypten saß Nasser fester im Sattel als zuvor.
Zweifel an Fähigkeiten der USA
Sowohl in der Sueskrise als auch im Konflikt um die Straße von Hormus hatten sich die westlichen Staaten lange auf eine Politik der Abschreckung verlassen. Man glaubte 1956, Ägypten lasse sich durch militärische Drohungen zum Einlenken bewegen.
70 Jahre später sollten die rund um den Iran stationierten US-Basen und vor allem die in Bahrain stationierte US-Flotte jeden Versuch, die Straße von Hormus zu sperren, verhindern. In beiden Fällen wurde die Wasserstraße unpassierbar gemacht, ungeachtet jeder technologischen oder militärischen Überlegenheit des Gegners.
Nun stehe die Fähigkeit der USA, ihren Willen als führende Hegemonialmacht durchzusetzen, infrage, so Rosemary Kelanic von der US-Denkfabrik Defense Priorities. US-Präsident Donald Trumps „irrige Annahme“, der Kampf gegen den Iran lasse sich schnell und reibungslos führen, zeige, „dass die Vereinigten Staaten nicht über die strategischen Vorteile und die Macht verfügen, die sie zu haben glaubten und vielleicht früher besessen haben“, so Kelanic laut dem Magazin „New Yorker“.
Ein US-Präsident, der den Konflikt unterbindet
Ein wichtiger Unterschied zu damals ist, dass die USA 1956 strikt gegen das Vorgehens Frankreichs und Großbritanniens waren. Präsident Dwight D. Eisenhower intervenierte gegen die Pläne, den Sueskanal zurückzuerobern, hauptsächlich weil er keine Ablenkung von einem anderen Brandherd wollte: der brutalen Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die Sowjetunion.
Eisenhower hatte wenig Geduld mit den imperialen Vorstellungen Großbritanniens und übte enormen wirtschaftlichen Druck aus, um sie einzudämmen. Er blockierte Hilfen des Internationalen Währungsfonds und drohte, die US-Bestände britischer Staatsanleihen abzustoßen, was einen Zusammenbruch des britischen Pfunds auslöste. Trump hingegen muss sich wegen der militärischen und wirtschaftlichen Stärke der USA keiner externen Macht fügen wie damals London und Paris.
Achillesferse des globalen Handels
Die Sueskrise bestätigte zudem den Schwund der imperialen Macht Großbritanniens. Die USA sind heute keineswegs in vergleichbarer Lage, so der renommierte Nahost-Experte Michael Singh vom Washington Institute for Near East Policy. Die USA seien keine absteigende Macht, auch wenn sie ihre Stärke weise einsetzen sollten. „Der Iran ist nicht Amerikas Sueskrise“, so Singh.
Doch sei die Krise 1956 „die Generalprobe für die Welt, in der wir heute leben“, gewesen, wie es das „Forbes“-Magazin formulierte, eine „Welt, in der die physische Kontrolle eines schmalen Wasserstreifens die Macht einer globalen Hegemonialmacht, die Logik der Märkte und sogar die Reichweite der Technologie des 21. Jahrhunderts außer Kraft setzen kann“. Maritime Engpässe seien in beiden Fällen die Achillesferse des Welthandels.