Zwei Stunden dauert die Uraufführung des neuen Handke-Stücks im Salzburger Landestheater. Zwei Stunden lang sinnieren, spintisieren und fantasieren Harzer und seine Schauspielkollegin Galic auf der Bühne vor sich hin.

Sie verkörpern ein und denselben Mann, der offenbar im Dialog mit sich selbst steht. Es ist, wie es im Untertitel des Stücks heißt, „Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“.

Alter Ego

Der Kreuz-und-Quer-Gehende ist unschwer als Handke zu erkennen. Die ausgedehnten Waldspaziergänge des Wahlparisers sind längst Teil der Mystifizierung von Handkes Literatur und Leben. Als er 2019 den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, ist Handke im Anschluss an den Anruf aus Stockholm erst einmal verschwunden und auf Pilzsuche gegangen. Die nach und nach herbeigeeilten Journalisten staunten nicht schlecht, als ihnen der frischgebackene Würdenträger aus dem Wald entgegenkam.

Zu den Festspielen waren nicht nur Journalisten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum angereist, um Handkes jüngste Arbeit zu erleben. Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) saßen im Publikum ebenso wie der Musiker Hubert von Goisern, Schriftsteller Christoph Ransmayr und Galerist Taddaeus Ropac. Die Dichte prominenter Zuseherinnen und Zuseher war auffallend hoch.

Bühne als Kulissenlager

Zu sehen bekam das Publikum allerdings erstaunlich wenig. Regisseur Jossi Wieler entschied sich für eine Art Kulissenlager als Bühnenbild. Wild durcheinander lagen zerlegte Wände und Küchenschränke auf dem Boden, mal stiegen die Schauspieler darauf herum, mal zwängten sie sich beim Sprechen in eines der ausrangierten Kästchen. Ansonsten passierte 120 Minuten lang so gut wie nichts.

Das kann man positiv sehen und sagen: Die Regie ließ Handkes wort- und klangverliebter Sprache ihren Raum. Man kann aber auch sagen: Regisseur Wieler ließ die Schauspieler mit dem fordernden Text allein.

Nichts fügt sich zum Ganzen

„Schnee von gestern, Schnee von morgen“ bei den Salzburger Festspielen ist ein Theaterabend, dem jeder klassische Theaterzauber fehlt. Zwei Stunden lang servieren Harzer und Galic Beobachtungen, Erinnerungen, Worterfindungen und Späße, die sich nie zu einem Ganzen fügen. Wie Regisseur Wieler das Bühnenbild hat Handke die Welt in Einzelteile zerlegt.

„Sein erster Gedanke galt dem zweiten, der sich nicht einstellen wollte“, heißt es an einer Stelle. Anderswo sinniert Harzer: „Und nur nichts dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein.“

Alles und nichts

Handke will in seinem 24. Bühnentext also wenig und viel zugleich. Anders als Goethes „Faust“, den Handke gegen Ende des Stücks zitiert, will er gar nicht mehr wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Er begnügt sich damit, zu staunen, zu träumen und zu akzeptieren, dass es nichts gebe, auf das man sich verlassen könne.

Das stellt die Schauspieler vor enorme Herausforderungen: Es gibt auch für sie nichts Konkretes, an das sie sich halten könnten: keine Handlung und auch keinen sinnstiftenden roten Faden. Sie müssen sich Hunderte Sätze merken, die nichts miteinander zu tun haben.

Duo bringt Text zum Schwingen

Harzer und Galic bewältigen die Herkulesaufgabe meisterhaft. Sie bringen den Text zum Schwingen und zum Klingen – ein Genuss für sprachbegeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer. Harzers und Galics Variantenreichtum scheint unerschöpflich: Die Wörter werden gesungen, geflüstert, erkundet, verkündet und deklamiert. Sprechend hüpfen, schreiten, tanzen und schleichen die beiden über die Bühne. Sie stupfen, streicheln und schlagen sich – bis Harzer am Ende der Schweiß herunterrinnt.

Vom Publikum gibt es für Handkes Luftschloss wertschätzenden Applaus, stehend ehren die Zuschauerinnen und Zuschauer den alten Barden, der einmal noch sein Lied gesungen hat. Österreichs Nobelpreisträger fordert die Menschen dazu auf, der Poesie ihren Raum zu lassen und die Welt stets aufs Neue zu hinterfragen. Dem „Kreuz-und-Quer-Gehenden“ dabei zuzuschauen, war aber auch schon mal ein größeres Vergnügen.