Die Geschichte des Stoffes ist die Geschichte einer männlichen Erzählung. Egal ob man Carlos Sauras monumentale Befächerung des Hispanismus oder Jean-Luc Godards spätes „Prenom Carmen“ betrachtet. Selbst die Vorlage zu dieser einst so umstrittenen Oper von Georges Bizet aus dem Jahr 1875 von Prosper Merimee ist die Geschichte, die aus der Perspektive dieses Mannes erzählt wird. Bei Merimee leitet just der Mann den Blick, der Carmen tötet. Der einzige Vorwurf an sie: Sie zieht nicht mit bei dem, was der Mann nach viel Wankelmut am Ende von ihr will.

Dieser Mann heißt Don Jose. Ihn hat der Weg zum Militär vor allen Flausen der Freiheit und Selbstbestimmung bewahrt. Und diesem Jose denkt die fürsorgliche Mutter mit Micaela eine Frau zu, deren Liebe sich dadurch zeigt, dass sie dem Buben das Bussi der Mama überbringt. Sagt Jose am Anfang zu dieser von der Mutter befürworteten Konstruktion noch Ja, kommt irgendwann mit Carmen die Ablenkung von allen Plänen ins Spiel.

Carmen und der überforderte Mann

Carmen erinnert Don Jose im Grunde nur daran, dass es noch ein anderes Leben gibt. An diesem recht nüchternen wie menschlichen Punkt setzt die Inszenierung an, die im Verlauf des Abends Oper und Performance, wie man sie seit je von der Tanzcompagnie Peeping Tom kennt, zu einem neuen Bühnenamalgam verschmilzt.

Asmik Grigorian als Carmen in Salzburg

Die Salzburger Festspiele starten mit Bizets „Carmen“ das Programm der Opernpremieren. Interimsintendantin Karin Bergmann setzt das noch von ihrem Vorgänger Markus Hinterhäuser geplante Programm um. Die Aufführung mit Opernstar Asmik Grigorian in der Titelrolle ist bereits ausverkauft. Trotz der prominenten Besetzung gilt der Erfolg wegen der ungewöhnlichen Regie nicht als Selbstläufer.

Der von der Mutter im Grunde kastrierte Jose, so kann man die erste große Arie der glänzenden Kristina Mchitarjan (Mkhitaryan) deuten, wird mit einer Person wie Carmen überfordert sein, weil er das Rüstzeug für die eigene Entscheidung nicht mitbekommen hat. Carmen ist für Don Jose schon vom Prinzip all das, was er nicht ist. Die berühmte „Habanera“, sie kommt an diesem Abend beinahe in der Intimität eines Liedes daher. Teodor Currentzis als musikalischer Leiter der gesamten Veranstaltung ist, wenig überraschend, zu allem bereit, um mit dem Gewohnten zu brechen.

Currentzis und die Lust auf das Detail

Große Fülle darf der Utopia-Chor verbreiten, das Orchester zerlegt die Oper in Puzzleteile und verweigert sich wie aus Prinzip der Opulenz der Klangfülle. Fülle gibt es, wenn, für die Dramatik, nicht aber für den Kitsch. Grigorian als Carmen und Jonathan Tetelman als Don Jose sind in diesem Sinne ein Paar, für das die Annäherung rasch am Utopiemangel des Mannes bricht. „Geh mit mir in die Freiheit der Berge“, fordert sie den Mann auf, der für sie entbrennt. Doch Don Jose ist zu diesem Schritt nur im Ansatz bereit.

Reizpunkt „Torreador“

Erst als mit Escamillo (Davide Luciano) ein Torero als Nebenbuhler auftritt, will Don Jose Carmen doch als die Frau an seiner Seite haben. Diesem Zugriff wird sich Carmen entziehen. Ob sie Escamillo tatsächlich liebt, ist da schon Nebensache. Die Hauptsache ist ihre Freiheit, für die sie den Tod in Kauf nimmt. Ihre Weigerung ist am Ende die Weigerung, sich als Frau den Lauf der Geschichte von einem Mann vorschreiben zu lassen.

Im Grunde legt die Inszenierung an diesem Punkt den Kern der Oper und auch den Grund der damaligen Skandale frei. Dass ein Mann einer Frau aus Bestimmungssucht das Leben nimmt, wurde erst vergessen, als man Melodien (dieser zuerst als melodiearm kritisierten Oper) und Exotismus dieses Werks in den Vordergrund rückte. Und die Stadt, die diesem Prinzip zum Durchbruch verhalf, war die Opernstadt Wien.

Über Jahrzehnte hinweg starb mit Carmen eine Frau auf der Bühne, der man im Grunde das Attribut „selber schuld“ verfügte: Sie habe doch den Mann mit ihrer unbändigen Verführung gereizt. Doch die Zeiten solcher Erzählmuster sind vorbei.

Von der Außen- in die Innenwelt

Regisseurin Carrizo gelingt im Bühnenbild des Erich-Wonder-Schülers Christof Hetzer und mit der genialen Lichtarbeit von Tom Visser die vielleicht erste „Carmen“-Inszenierung, die die Innenwelt zum tragenden Teil der Erzählung macht. Grigorian mit ihren Sopranstärken im oberen Tonbereich kommt das sehr entgegen. Die tiefen Passagen des Mezzo der Carmen interpretiert sie lyrisch. Nie gerät sie damit aufs Glatteis. Der Preis dafür ist natürlich ein weniger frenetischer Jubel am Ende als bei einer „Salome“ oder „Elektra“.

In der Currentzis-Frage darf das Publikum gespalten bleiben. Knien die einen in ekstatischer Bewunderung vor Mut und Zugriff des Freidenkers aus Griechenland, so vermissen die anderen, wie man auch hört, „ein ordentliches Orchester“. Der Hauch von Rudolf-Steiner-Schule mit teils stehenden Musikerinnen und Musikern, je nach Eigenbedarf oder Vorliebe des Maestros, ist vielleicht Teil der Gesamtkunstwerk-Anordnung eines Salzburger Premierenabends. „Die ‚Habanera‘ als Schubert-Lied, das soll sich mal einer trauen“, sagt der Sitznachbar. Viele Meinungen ziehen an diesem Abend zu einer sehr neuen „Carmen“ in die Nacht.