Steigende Energie- und Materialkosten sowie eine schwache Konjunktur sind die wichtigsten Belastungsfaktoren, geht aus einer am Montag von der APA berichteten internationalen Umfrage des Beratungsunternehmens EY unter den Restrukturierungs- und Sanierungsfachleuten der Banken hervor.

Unternehmen, die finanziell in Schwierigkeiten geraten, müssen restrukturieren, das heißt in der Regel, entweder neue Kredite aufnehmen, die Bedingungen für laufende Kredite ändern, umschulden oder verkaufen. Gelingt keine dieser außergerichtlichen Maßnahmen für eine Restrukturierung und Weiterführung des Unternehmens, kommt es zum gerichtlichen Insolvenzverfahren.

Rund 47 Prozent der österreichischen Befragten gehen davon aus, dass hierzulande der Höhepunkt der Restrukturierungswelle heuer im zweiten Halbjahr erreicht wird. Weitere 21 Prozent erwarten den Höhepunkt der Restrukturierung und Sanierung im ersten Halbjahr nächsten Jahres. Bei den Insolvenzen rechnet der Kreditschutzverband KSV 1870 mit einem Verharren auf ähnlich hohem Niveau wie im Vorjahr.

Insolvenzen bleiben auf hohem Niveau

Gegenüber ORF.at betonte der KSV-Experte Karl-Heinz Götze, dass die Insolvenzen heuer im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 3.450 um etwa ein Prozent zurückgingen. Bis Jahresende dürften es so wie 2025 aber rund 6.800 Insolvenzen werden. Die Insolvenzen steigen seit 2023 von Jahr zu Jahr deutlich. Einen nochmaligen Sprung – etwa über die 7.000er-Marke – erwartet Götze heuer nicht. Insolvenzen kommen laut Götze zeitlich verzögert zum Tragen. Da die Aussichten „auch nicht gerade rosig“ seien, werde die Lage angespannt bleiben.

EY: Mehrere Belastungsfaktoren kommen zusammen

Viele Unternehmen stünden nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor einer Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen, analysiert EY-Parthenon die Situation, und zwar: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkter Finanzierungsspielraum. „Das macht Restrukturierungen komplexer – und erhöht den Druck, frühzeitig realistische Szenarien zu entwickeln“, so Jürgen Kogler, Partner bei EY-Parthenon Österreich.

Automotive-Branche und Handel besonders betroffen

Einzelne Branchen, so die Experten bei den Banken laut der Umfrage, seien deutlich stärker betroffen. Dazu zähle vor allem der Automotive-Sektor, aber auch der Handel kämpfe mit der aktuellen Situation. Die Immobilienbranche stehe nach wie vor unter Druck, auch wenn dieser nicht mehr so stark sei wie bei früheren Erhebungen. Für die Bereiche Bau- und Baumaterialien sowie das produzierende Gewerbe sei die Situation ebenfalls herausfordernd.

„Der Druck im Automotive-Sektor wirkt entlang ganzer Wertschöpfungsketten – von Zulieferern über Produktionsbetriebe bis zu industrienahen Dienstleistern“, so Ben Trask, Partner bei EY-Parthenon Österreich. Gleichzeitig zeige die Entwicklung im Handel, dass die schwache Konsumstimmung und hohe Kostenbelastung „zunehmend auch konsumnahe Branchen treffen“.

Neue Kreditvereinbarungen

Bei der Restrukturierung eines Unternehmens werden nach wie vor häufig die Kreditvereinbarungen angepasst. Das heißt, dass etwa bestehende Kreditlinien verlängert werden oder die involvierten Banken mit dem Unternehmen neue Kreditbedingungen aushandeln. Oft wird dabei auch ein Teil der Schulden erlassen, wenn etwa keine Aussicht auf eine Rückzahlung besteht oder ein zu hoher Schuldenberg den Fortbestand eines Unternehmens – gerade in Branchen, in denen Flaute herrscht – gefährden würde.

Aber auch Insolvenzen oder Liquidationen eines Unternehmens nehmen zu. Für das erste Halbjahr 2026 nannten 18 Prozent der Befragten diese Maßnahmen als häufigste Lösung. Weiters gewinnen Unternehmenszusammenschlüsse und -übernahmen an Bedeutung.

Für die Geldgeber ist es eine Gratwanderung. Für sie geht es immer auch darum, eigene Verluste zu minimieren. Für Banken gelten besonders strenge Auflagen der Aufsicht (Notenbank und EZB), etwa was die Bildung von Rücklagen für risikobehaftete Kredite betrifft. Und: Je höher diese Rücklagen sind, desto schlechter sieht die bankeigene Bilanz aus – mit entsprechenden Folgen für den Kurs der Bankaktien.

EY: Banken setzen weiter auf gemeinsame Lösungen

„Wenn Geschäftsmodelle strukturell unter Druck stehen, braucht es oft eine Kombination aus finanzieller Neuordnung, operativer Sanierung und strategischen Entscheidungen – bis hin zu Verkäufen, Carve-outs (Abspaltung eines Unternehmensbereiches, Anm.) oder geordneten Insolvenzverfahren“, so Kogler. Wobei die Banken weiterhin auf außergerichtliche und konsensuale Lösungen setzen würden, geht aus der Umfrage hervor.

Den Instituten ist es vor allem wichtig, dass die Eigentümer ihren Teil zur Restrukturierung beitragen. Ein belastbarer Businessplan ist für die Banken die Basis für eine Restrukturierung. Aus dem Businessplan werden die Kreditkennzahlen abgeleitet und die Fähigkeit zur Schuldentilgung bewertet.

„Haben uns aus dem Markt geschossen“

Die Insolvenzen betreffend sind laut Götze traditionell Handel, Bau und Gastronomie die am stärksten betroffenen Branchen. Zusammen stehen sie für rund die Hälfte aller Insolvenzen. Beim Bau sieht Götze die Talsohle überschritten und eine, wenn auch langsame, Verbesserung. Der Handel kämpfe seit Jahren mit den gestiegenen Kosten, vor allem mit den Personalkosten.

Eine verminderte Konkurrenzfähigkeit durch deutlich gestiegene Kosten bei Energie und Personal sieht Götze generell. Bei den Personalkosten „haben wir uns aus dem Markt geschossen, das muss uns bewusst sein“, formuliert es Götze.