Für einen EU-Beitritt ist in Island ein zweistufiges Verfahren vorgesehen. Nun soll zunächst über die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen abgestimmt werden. Sollten die Isländerinnen und Isländer den Verhandlungen zustimmen und diese erfolgreich verlaufen, sollen die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit bekommen, in einem weiteren Referendum über den dann tatsächlichen Beitritt zu entscheiden, hieß es.

Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir hatte im März erklärt, Islands Verhandlungsposition als verlässlicher und starker EU-Partner sei gut. Über die Zusammenarbeit im Europäischen Wirtschaftsraum und die Teilnahme an Schengen arbeitet Island schon jetzt eng mit der EU zusammen.

Nicht der erste Anlauf

Es sind nicht die ersten Bestrebungen, diese Zusammenarbeit zu vertiefen: Bereits 2009 hatte das schwer von der Finanzkrise getroffene Land die Mitgliedschaft in der Europäischen Union offiziell beantragt, ein Jahr später hatten Beitrittsverhandlungen begonnen. Einige Jahre später legte die damalige EU-kritische Regierung diese jedoch wieder auf Eis.

Weltlage spielt große Rolle

Die aktuelle Weltlage hat viele Isländerinnen und Isländer zum Umdenken bewogen. Ursprünglich hatte die von den Sozialdemokraten angeführte EU-freundliche Regierung nach dem Wahlsieg Ende 2024 ein Referendum über eine Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen bis 2027 angekündigt. Der Volksentscheid war im März allerdings auf den Sommer 2026 vorgezogen worden.

Als Hintergründe für das Vorziehen gelten die geopolitischen Spannungen durch den Krieg in der Ukraine sowie wiederholte Drohungen Trumps, das zwischen Island und den USA gelegene Grönland zu annektieren. Diese Entwicklungen entfachten das Interesse an einer EU-Mitgliedschaft neu.

Island verfügt über keine eigenen Streitkräfte und setzte bisher in Verteidigungsfragen auf die USA und die NATO.

Gut in EU integriert

Island ist mit Ausnahme der Fischerei und der Landwirtschaft bereits in den EU-Binnenmarkt integriert, Vollmitglied des Schengen-Raums und Gründungsmitglied der NATO. Anders als bei anderen EU-Beitrittskandidatenländern könnte ein Beitritt daher wohl vergleichsweise rasch erfolgen. Auch ist ein Beitritt Islands innerhalb der EU-Staatengemeinschaft viel weniger umstritten – und einfacher zu bewerkstelligen – als einer der Kandidatenländer auf dem Balkan und der Ukraine.

Umfragen zufolge sind die rund 400.000 Isländerinnen und Isländer gespalten. Meinungsumfragen vom Frühjahr zufolge befürworteten laut dem isländischen Rundfunk 45 Prozent einen Beitritt zur EU. Bei einer Erhebung im Juni sprachen sich indes 52 Prozent der Befragten für die Beitrittsverhandlungen aus, 48 Prozent dagegen. Ein Streitpunkt bei möglichen Verhandlungen dürfte die Fischerei werden, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Island.

Arktis-Kooperation unterzeichnet

Wenige Monate vor dem Referendum besiegelten Island und die EU ein Verteidigungsabkommen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Islands Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir unterzeichneten im März in Brüssel das Vertragswerk, mit dem insbesondere die Zusammenarbeit in der Arktis gestärkt werden soll.

Seitens der EU hieß es, das Abkommen sei ein „wichtiger Meilenstein“ und verleihe den „bereits tiefen Beziehungen“ zu Island einen „Impuls“. Die EU hatte zuletzt Verteidigungsabkommen unter anderem mit Großbritannien, Indien und Kanada abgeschlossen.

Meinl-Reisinger: Island wäre Gewinn

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) hatte bei ihrem Besuch in Reykjavik Anfang Juni ihre isländische Amtskollegin Gunnarsdottir zu Gesprächen über einen möglichen EU-Beitritt sowie zur Zusammenarbeit in Sicherheits- und Energiefragen getroffen. Island wäre als EU-Mitglied „ein Gewinn“, so Meinl-Reisinger laut Ministeriumsaussendung.

„Es würde Europa geostrategisch handlungsfähiger machen, unsere Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft stärken. Bei globalen Zukunftstechnologien, Freiheitsenergien und KI ist Island Partner und Vorbild“, so die Außenministerin weiter.

Island sei auch ein wichtiger Partner der Europäischen Union in Fragen der Sicherheit in der Arktis, aber auch in Bezug auf die Bekämpfung von Cyberbedrohungen. Die wachsende strategische Bedeutung der Arktis stelle Europa vor neue Herausforderungen.