Kein Gspusi und keine Freundschaft Plus, kein One-Night-Stand und keine Situationship. Statt lockeren Liebesg’schichten will man harte Heiratssachen: Bereits in der einzeiligen App-Beschreibung wird klar, worum es bei „TOKYO Enmusubi“, dem KI-Matching-System der Stadtverwaltung von Tokio, geht: „Bitte nutzen Sie das als ‚ersten Schritt‘, um mit der Heiratssuche zu beginnen.“
Die Anwendung „TOKYO Enmusubi“ ging im September 2024 an den Start, nachdem eine Umfrage ergeben hatte, dass rund 70 Prozent der grundsätzlich Heiratswilligen nichts dafür tun, einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen. „Enmusubi“ ist laut der Onlinenewsplattform Japan Today ein japanischer Begriff, der wörtlich „Schicksalsverbindung“ bedeutet und sowohl ein Gefühl der Sicherheit als auch Seriosität vermitteln soll.
Die Regierung zitierte eine Frau mit dem Pseudonym „Turtle“, die angab, die App als „letzte Chance“ ausprobiert zu haben, als sie auf ihren 40. Geburtstag zuging. „Nachdem ich mehrere Blind Dates hatte, lernte ich Ende August meinen heutigen Ehemann kennen, und Mitte September begannen wir eine ernsthafte Beziehung“, sagte sie. „Ende Dezember nahm ich seinen Heiratsantrag an.“
Rund 1.000 Paare „gematcht“
Mitte 2026 hatte die App 16.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Außerdem hätten zum Stichtag am 30. Juni neben den 265 Ehepaaren 760 Paare bei der Partnerschaftsbörse angegeben, in einer „ernsthaften Beziehung“ zu sein, wie aus Daten der Regierung von Tokio hervorgeht. Zum Vergleich: In Tokio leben rund zehn Millionen Menschen.
Die KI sorgt dafür, dass Nutzerinnen und Nutzern potenzielle Partner mit „hohen Übereinstimmungsraten“ vorgeschlagen werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Beziehungsbildung gibt die Stadtregierung in einer Presseaussendung als „hoch“ an, nicht zuletzt aufgrund der „Wertetests“, denen sich die Nutzer unterziehen müssten.
60 Euro und Aufnahmegespräch
Verlangt wird zudem eine rechtliche Ledigkeitsbescheinigung, die Offenlegung des Einkommens sowie die Absolvierung eines Aufnahmegesprächs mit Mitarbeitenden. Für zwei Jahre beträgt die Nutzungsgebühr rund 60 Euro.
Laut Japan Today steht den Nutzern auch eine Beratung durch erfahrene Mitarbeiter zur Verfügung, „um alle Fragen und Bedenken zu klären, die während des gesamten Prozesses, vom Beginn der Partnersuche bis nach der Heirat, auftreten können.“
Dating-Tipps und Lebenssimulator
Die App ist Teil der größeren staatlichen Initiative namens „Futari Story“. Auf der Website heißt es: Die Stadtverwaltung Tokio setze sich dafür ein, ein ehefreundliches Klima zu fördern und Gelegenheiten für Begegnungen zu schaffen, die zu einer Ehe führen können. Daher wolle man Informationen zu Partnervermittlung und Ehe bieten sowie Möglichkeiten für all jene schaffen, die sich auf die Suche nach einem Partner begeben möchten.
Auf der Plattform finden sich neben klassischen Partnervermittlungsevents, Ausflugsvorschläge („Romantische Orte in ganz Japan“), Dating-Tipps („Startanleitung für zwei Personen“) und offizielle Eheregistrierungsformulare auch ein Zukunftssimulator („Tokyo Life Design“).
Niedrige Geburtenrate in ganz Japan
Grundlegendes Problem ist die niedrige Geburtenrate in Japan, die 2025 noch einmal auf 1,14 Kinder pro Frau gesunken war. Konkret kamen im vergangenen Jahr 671.236 Babys von japanischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern zur Welt. Die Zahl der Todesfälle war mit 1,6 Millionen mehr als doppelt so hoch.
Japan zählt seit Jahren zu den Ländern mit den weltweit niedrigsten Geburtenraten. Damit altert das Land so rasch wie keine andere Industrienation. Ob eine Dating-App in Tokio daran etwas ändern kann, bleibt aber fraglich.