„Frauen wird eingeredet, sie würden diskriminiert. Das wurde jetzt offiziell widerlegt“, schrieb der Schweizer Politiker einst auf der Onlineplattform X. Der heute 57-Jährige saß für die Schweizer Volkspartei (SVP) im Kantonalvorstand und in der Steuerkommission seiner Wohngemeinde Untersiggenthal.
2021 wurde der Mann, der sich auch für ein Tätigkeitsverbot Pädokrimineller eingesetzt hatte, Großrat im Kanton, vergleichbar mit einem Landtagsabgeordneten in Österreich. Seine Karriere war erfolgreich, bis es vor drei Jahren zu seiner Festnahme kam. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.
Die Staatsanwaltschaft Aargau erhob kürzlich Anklage wegen mehrfacher Vergewaltigung, Schändung, sexueller Handlungen an Kindern und auch wegen versuchten Mordes. Er soll seine Ex-Frau, später seine Lebensgefährtin Iwona L. und deren damals 14- bzw. 15-jährige Tochter Paula betäubt, missbraucht und gefilmt haben. Der mutmaßliche Täter soll seine betäubten Opfer teils in Lebensgefahr gebracht haben. „Wir gehen davon aus, dass dieser Mann den Tod seiner Opfer in Kauf genommen haben muss“, hieß es von der Behörde.
Opfer gingen an die Öffentlichkeit
Mutter und Tochter gingen, nach dem Vorbild Pelicot, an die Öffentlichkeit. Im Schweizer „Tagesanzeiger“ erzählten sie ihre Geschichte. Auch sie sagen: Die Täter sollen sich schämen, nicht die Opfer.
Die Staatsanwaltschaft sicherte laut der Zeitung Videos und Bilder von Dutzenden oft schweren Übergriffen, allein die minderjährige Tochter sei über 40-mal sediert und während rund 40 Stunden missbraucht worden. „Ich wusste nicht, dass er mich betäubt hat, und zwar mehrmals die Woche, ich habe erst jetzt erfahren, dass ich hätte sterben können. Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin“, so Paula L. zum „Tagesanzeiger“.
Einen ersten Verdacht der Mutter habe ihr Lebensgefährte ausräumen können, doch dann habe Iwona L. ihren Lebensgefährten erwischt, als er aus dem Zimmer ihrer Tochter kam, sagte sie dem „Tagesanzeiger“: „Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, er war nicht im Bett, und ich habe ihn schweißnass im Zimmer meiner Tochter mit einer Kamera gefunden. Es war unfassbar schwer mitanzusehen, was er meiner Tochter angetan hat.“ L. rief die Polizei, während der mutmaßliche Täter versucht habe, seine Festplatten zu zerstören. Bei einer Einvernahme habe er auch einen sexuellen Übergriff zugegeben.
Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung. Er sei insbesondere nicht einverstanden damit, wie die Staatsanwaltschaft den Sachverhalt rechtlich einordne, sagten seine Verteidiger dem „Tagesanzeiger“. Detaillierte Entgegnungen werde es dann vor Gericht geben, hieß es. Ein Termin dafür steht aber noch nicht fest.
Substanzen oft nur kurz nachweisbar
Ein rechtsmedizinisches Gutachten und Haarproben bestätigten, dass Paula L. betäubt wurde. Die Gutachter vermuten den Einsatz von K.-o.-Tropfen. Dass dieser Nachweis überhaupt möglich war, ist ein Glück für die Anklage. Denn meist sind K.-o.-Mittel nur wenige Stunden nachweisbar, wie der Gerichtsmediziner Reisinger im Gespräch mit dem Ö1-Mittagsjournal erklärt.
Reisinger leitet die Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene an der MedUni Wien, die es seit Anfang 2025 gibt. Schöpfe ein mögliches Opfer Verdacht, solle es sich eine sichere Umgebung und Hilfe, etwa im Spital, suchen. Mögliche Proben müssten dann „sachgerecht“ und zeitnah gesichert werden.
Durchschnittsmann als Täter
Männer, die Frauen sedieren, missbrauchen und filmen, sind ein relativ neues Phänomen der sexualisierten Gewalt. Mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke steigerte es sich noch einmal: Inzwischen wurden in ganz Europa Dutzende virtuelle Männernetzwerke aufgedeckt, an denen sich wiederum jeweils Tausende oder gar Zehntausende beteiligten.
Es handelt sich dabei nicht um reiche und mächtige Moguls wie Jeffrey Epstein oder Harvey Weinstein, sondern um vermeintlich harmlose Ehemänner, Lebensgefährten und Väter, denen ihre Opfer solche Taten nie zutrauen würden, denen sie vertrauen.
In den Gruppen tauschen die Täter sich aus, geben einander sogar Tipps und feuern sich gegenseitig an, teilen Aufnahmen oder stellen sie auf Pornoplattformen. Auch werden die Opfer mitunter anderen zur Vergewaltigung angeboten, wie im Fall Pelicot. Und die Frauen sind meist vollkommen ahnungslos – bis Ermittler ihnen mitteilen, was ihnen angetan wurde.
Unerklärbare Symptome als Warnzeichen
Es gebe Warnzeichen, so Reisinger zu Ö1, etwa Symptome wie gesteigerte Müdigkeit ohne Grund und Erinnerungsverlust, „ohne dass das irgendwie durch beispielsweise eine Alkoholisierung erklärbar wäre. Wenn also der eigene Zustand sozusagen keinen plausiblen Grund hat, dann sollte man daran denken, dass unter Umständen Substanzen im Spiel sein könnten“, sagte Reisinger.
Er appellierte an medizinisches Personal, „einen derartigen Verdacht immer ernst zu nehmen. Ganz einfach deshalb, weil im Nachhinein die Proben nicht mehr gesichert werden können, weil die Substanzen im Nachhinein nicht mehr nachweisbar sind.“ Die Betroffenen sollten wiederum einen solchen Verdacht gegenüber dem medizinischen Personal direkt ansprechen, damit schnell Proben genommen werden könnten.
Auch Fälle in Österreich
Anfang Juli hatten Ermittlungen der „Operation Medusa“ gegen ein Missbrauchsnetzwerk in neun Ländern für Betroffenheit gesorgt. Dabei hatten Kriminalisten nach Angaben von Europol mehr als hundert Männer identifiziert. Laut Bundeskriminalamt gab es keinen Bezug zu Österreich. Doch kürzlich wurden unabhängig von der Operation von Europol auch ein Fall aus Niederösterreich sowie einer aus Tirol bekannt.
Vergewaltigungen sind strafbar, der Besitz von entsprechenden Aufnahmen zum Eigengebrauch aber nicht. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sind derzeit gesetzliche Nachschärfungen geplant. Das dürfte auch nötig sein: Laut Gerichtsmediziner Reisinger häufen sich die Fälle, nicht nur wegen des Einsatzes von K.-o.-Tropfen. Die Untersuchungsstelle sei auch immer öfter mit dem Verdacht auf gefilmte Vergewaltigungen sedierter Frauen konfrontiert.