Die Beziehungen zwischen Kiew und Teheran sind nicht nur wegen der iranischen Hilfe für Russland angespannt. Russland setzt bei seinen Angriffen auf die Ukraine unter anderem iranische Schahed-Drohnen ein.
Die Ukraine unterstützte unterdessen unter anderem die Golfstaaten bei der Abwehr iranischer Drohnen, nachdem die USA und Israel mit ihrem Angriff auf den Iran im Februar einen neuen Krieg in der Region ausgelöst hatten. Das Kaspische Meer ist ein Binnengewässer, das unter anderem an den Iran und Russland grenzt. Weitere Anrainerstaaten sind Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan.
Iranisches Schiff attackiert
Die ukrainische Armee hatte in der vergangenen Woche Schiffe im Kaspischen Meer angegriffen, die nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj „für den Transport militärischer Fracht mit Beteiligung des Iran genutzt wurden“. Nach iranischen Angaben „explodierte“ ein Schiff, ein Besatzungsmitglied wurde Teheran zufolge getötet. Der Iran drohte mit „nicht vorhersehbaren“ Folgen für die Ukraine.
Eskalationspotenzial offenbar hoch eingeschätzt
Die Furcht vor einer Eskalation zwischen den beiden Ländern war offenbar groß. So sagten mit geheimdienstlichen Informationen vertraute Personen der „New York Times“ am Dienstag, dass es die Erwartung gegeben habe, der Iran werde eine ballistische Rakete mit kleinem Sprengkopf auf die Ukraine abfeuern, um ein Zeichen zu setzen. Der Iran würde dabei jedoch versuchen, vergleichsweise geringen Schaden anzurichten.
Als alternatives Ziel galt laut „New York Times“ eine Rakete auf einen der ukrainischen Schwarzmeer-Häfen, wie die Zeitung am Dienstag weiter berichtete. Doch jede vom Iran auf die Ukraine abgefeuerte Rakete wäre einer drastischen Eskalation gleichgekommen und hätte angesichts der Spannungen zwischen den beiden Ländern die Gefahr eines umfassenderen Krieges geborgen.
Sybiha: „Ehrliches“ Telefongespräch
Iranische Vertreter hätten die Hoffnung geäußert, der Konflikt werde mit ihrem Vergeltungsschlag beendet sein. Westliche Vertreter hätten jedoch gewarnt, dass es schwer sei, die ukrainische Reaktion vorherzusagen, so die Zeitung.
Die Ukraine selbst hat sich offenbar für diplomatische Deeskalation entschieden, wie er am Dienstag in einem „ehrlichen“ Telefongespräch mit dem iranischen Außenminister Abbas Araktschi klargemacht habe, sagte Sybiha auf der Plattform X. „Diplomatie bedeutet direkte Gespräche, auch wenn es schwierig ist“, so Sybiha.
„Gegen russische Agression“
Sybiha rief seinen iranischen Kollegen Araktschi am Dienstag nach eigenen Angaben dazu auf, „auf jegliche eskalierende Schritte zu verzichten und die Unterstützung für Russlands Krieg gegen zu Ukraine zu beenden“.
„Alle Handlungen der Ukraine zielen ausschließlich darauf ab, unser Land gegen die russische Aggression zu verteidigen, und sind niemals darauf ausgerichtet, zivile Schiffe oder Menschen anzugreifen“, erklärte Sybiha. Das Telefonat am Dienstag war nach Angaben seines Ministeriums der erste direkte Kontakt mit dem iranischen Außenminister seit Sybihas Amtsantritt 2024.
Araktschi teilte seinerseits auf X mit, Sybiha habe ihm versichert, der Angriff sei „unbeabsichtigt“ gewesen. Die Ukraine strebe keine Eskalation an. Dasselbe gelte für den Iran, fügte er hinzu. Er habe seinem ukrainischen Kollegen aber deutlich gemacht, dass „jeder Angriff auf iranische Bürger oder Interessen inakzeptabel“ sei. Für entstandene Schäden müsse es einen „Ausgleich“ geben.
Besorgnis in Aserbaidschan und Kasachstan
In den letzten Jahren hat die Stärkung der Achse Moskau – Teheran bei den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, insbesondere in Aserbaidschan und Kasachstan, zunehmend Besorgnis ausgelöst. Teheran und Moskau versuchen laut der israelischen Zeitung „Haaretz“ von Dienstag, die Kontrolle über das Kaspische Meer als zentrale Achse für den Transport von Gütern und Waffen zu erlangen.
Kiew stärkte laut der Zeitung unterdessen seine Beziehungen zur Türkei und eben zu Aserbaidschan. Der Angriff auf das iranische Schiff sollte dabei als Warnsignal dienen und den USA zugleich signalisieren, dass die Ukraine gebraucht werde, um auch den Iran in Zaum zu halten, so „Haaretz“ weiter.
Spekulationen über Zeitpunkt der Attacke
Aserbaidschan und Kasachstan befürchten laut „Haaretz“ eine schrittweise Verschiebung des „Machtgefüges“ im Kaspischen Meer zugunsten Moskaus und Teherans. Die USA hätten die Ukraine bereits 2023 darüber informiert, dass Russland und der Iran strategische Waffen über das Kaspische Meer transportierten, so „Haaretz“. Zu einem ukrainischen Angriff sei es mit der Attacke auf den iranischen Frachter jedoch erst jetzt, also drei Jahre später gekommen. „Haaretz“ spekulierte auch über die Gründe des Zeitpunkt.
Es sei gut möglich, dass die Ukraine erst jetzt die optimale Kombination aus Aufklärungserkenntnissen und fortschrittlicher Drohnentechnologie erreicht habe, um ein Schiff im Kaspischen Meer zu treffen.
Ebenso sei denkbar, dass Kiew große Anstrengungen unternehme, um den USA die eigene Leistungsfähigkeit und die Notwendigkeit der Unterstützung zu demonstrieren. Dabei mitgespielt haben könnte auch die Forderung der USA an die europäischen Staaten, im Konflikt mit dem Iran an der Seite der USA zu stehen, so die Zeitung weiter.