Der bisherige Negativrekord in einem Juni wurde 2019 mit einer Schätzung von 335 hitzeassoziierten Todesfällen verzeichnet. Im Juni des Vorjahres waren es 170 und im Juni 2024 geschätzt 201 Hitzetote. Die Werte beruhen auf einem wissenschaftlichen Modell der AGES.
Wie viele Personen im Zusammenhang mit Hitze verstorben sind, wird nicht direkt erfasst. Denn „Hitze“ wird nur selten in offiziellen Dokumenten und Datenbanken als direkte Todesursache vermerkt. Hitze kann aber etwa bestehende Herz- und Lungenerkrankungen verschlechtern. Um die Zahl der hitzeassoziierten Sterbefälle dennoch zu errechnen, wird die Übersterblichkeitsstatistik herangezogen.
Die Anzahl jener Personen, die im Vergleich zum Durchschnitt „zu viel“ sterben, wird mit Wochen, in denen es besonders heiß ist, abgeglichen. Am Ende steht dann die hitzeassoziierte Übersterblichkeit – ein Wert, der sich an die wahrscheinlich in Zusammenhang mit Hitze stehenden Todesfälle annähert.
Im gesamten von der AGES herangezogenen Sommerzeitraum des Vorjahres (Juni bis September) lag dieser Wert bei 449 Hitzetoten, im heißeren Sommer 2024 gab es geschätzt 989 hitzebedingte Todesfälle, die höchste Zahl in den Daten bis 2017.
Vorgezogene Berechnung
Bisher gab die AGES diesen Wert stets erst im Herbst bekannt. Auf ORF.at-Anfrage hieß es seitens der Agentur noch im Juni: „Die Berechnung der hitzeassoziierten Sterblichkeit erfolgt in Österreich bewusst mit Verzögerung, weil das zugrundeliegende statistische Modell auch verzögerte Gesundheitseffekte von Hitze berücksichtigt.“ Die beispiellosen Hitzewellen haben nun offenbar zu einem Umdenken bewogen, dazu kam wohl Druck aus dem Gesundheitsministerium.
„Mir war wichtig, dass wir die gesundheitlichen Auswirkungen außergewöhnlicher Hitzeperioden nicht erst Monate später beurteilen können. Wir brauchen möglichst aktuelle wissenschaftliche Daten, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Schutzmaßnahmen laufend zu bewerten und dort nachzuschärfen, wo es notwendig ist. Genau das ermöglicht das heuer deutlich zeitnähere Monitoring“, hielt Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) in einer Aussendung fest.
„Gefahr für Gesundheit und Leben“
„Die Zahl von 395 hitzeassoziierten Todesfällen ist erschütternd. Sie zeigt eindringlich, dass Hitze längst keine bloße Frage des Wohlbefindens mehr ist, sondern eine konkrete Gefahr für Gesundheit und Leben. Die Folgen des Klimawandels werden auch in Österreich immer deutlicher sichtbar und stellen unser Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen“, so Schumann.
Die hohe gesundheitliche Belastung steht mit den außergewöhnlichen Temperaturen in diesem Juni eng in Verbindung, informierte das Ministerium. Nach den Daten von GeoSphere Austria wurde an rund der Hälfte aller Wetterstationen zumindest einmal die Marke von 35 Grad erreicht oder überschritten.
An 46 Wetterstationen wurden Tageshöchstwerte von mindestens 38 Grad gemessen, an 15 Wetterstationen sogar 39 Grad oder mehr. In Wien gab es am 28. Juni mit 40,0 Grad einen neuen Hitzerekord für die Bundeshauptstadt, in Bad Deutsch-Altenburg am Tag darauf mit 40,1 Grad einen neuen österreichweiten Spitzenwert für einen Juni-Tag.
Die Ergebnisse fließen unter anderem in die Weiterentwicklung des Nationalen Hitzeschutzplans, der Informationsangebote für die Bevölkerung sowie bestehender Präventionsmaßnahmen ein, wurde betont.
Was bei extremer Hitze im Körper passiert
Optimal funktioniert der Mensch bei einer Körperkerntemperatur von rund 37 Grad. Bei höheren Temperaturen versucht der Körper konstant, diese 37 Grad zu halten und eventuelle Abweichungen auszugleichen. Das schafft er unter anderem durch Schwitzen. Dabei scheiden die Schweißdrüsen an der Hautoberfläche Flüssigkeit aus, die wiederum verdunstet und dadurch den Körper abkühlt.
Die Belastung für den Körper und das Hitzeempfinden hängen allerdings nicht nur mit der Umgebungstemperatur, sondern vor allem auch mit der Luftfeuchtigkeit zusammen. Bei trockener Luft kann die Umgebung den Schweiß, der verdunstet, optimal aufnehmen. Je höher jedoch die Luftfeuchtigkeit ist, umso weniger zusätzliche Feuchtigkeit kann die Luft aufnehmen. Der Schweiß verdunstet daher nicht, sondern er tropft ab, daher gibt es auch keinen Kühleffekt.
„Gefühlte Temperatur“ entscheidend
„Deshalb verwendet das zur Schätzung verwendete Modell die sogenannte ‚gefühlte Temperatur‘, die neben der Lufttemperatur auch Faktoren wie Luftfeuchtigkeit und Wind berücksichtigt“, erklärte die AGES auf Anfrage. Damit lasse sich besser abbilden, wie stark eine Wettersituation den menschlichen Organismus tatsächlich beanspruche.
Besonders gefährdet durch Hitzestress sind ältere Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen. Aber auch sozioökonomische und ökologische Faktoren spielen eine Rolle. So erhöhen das Leben in dicht bebauten Stadtgebieten und erhöhte Ozon- und Feinstaubwerte das Risiko, während einer Hitzewelle zu sterben.
Bei extremer Hitze gilt vor allem: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist essenziell, laut AGES mindestens 1,5 bis drei Liter täglich. Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien empfiehlt außerdem, sich etwa durch Auflegen eines feuchten Tuches auf Kopf und Nacken abzukühlen. Zudem sei es empfehlenswert, helle und luftige Kleidung zu tragen sowie auf körperliche Anstrengung zu verzichten.