Es ist eine umjubelte Rückkehr. Vor 17 Jahren debütierte Steckel im Rahmen des Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen mit einem Text von Ilija Trojanow. Jetzt ist die deutsche Regisseurin mit einem der meistgespielten Klassiker ins Hauptprogramm aufgerückt. Wie sie Molieres „Der Menschenfeind“ aus dem 17. Jahrhundert in die Gegenwart katapultiert, ohne das Stück zu verraten, weist sie als gewiefte Meisterin aus.
Dabei beginnt der Abend alles andere als konventionell. Zur Einstimmung gibt es Hip-Hop, gesungen von Schauspieler Ole Lagerpusch und getextet vom deutschen Musiker UWE, der auch Partyhymnen für die Hamburger Band Deichkind schreibt. Das Publikum wird aufgefordert, aufzustehen und mitzugehen – bald sitzen alle wieder, und anhand der regungslosen Gesichter der Zuschauer wird klar: Die meisten hören ansonsten eher andere Musik.
Doch die Fährte für den Abend ist gelegt: Steckel wird das Stück als musikalisches Sprachkunstwerk zelebrieren. Wie es dazu kam, hat sie wenige Tage vor der Premiere in einem Pressetalk erzählt. In Paris habe es ein Hip-Hop-Battle gegeben, das nur aus Moliere-Texten bestand – „ganz schön krass“.
Sprache als Waffe
Auch am Landestheater werden Molieres gedrechselte Alexandriner als sprachliche Waffen geführt – bis es im Showdown zwischen der libertären Celimene (Maja Schöne) und der prüden Arsinoe (Lisa Hagmeister) tatsächlich zu einem gesungenen Hip-Hop-Wettkampf mit Molieres Reimen kommt. Das unkonventionelle Opening und der Rest des Abends sind spätestens jetzt miteinander verlinkt.
Doch Steckel leistet sich noch eine zweite Eskapade, bevor das eigentliche Stück beginnt. Auf das Hip-Hop-Opening folgt eine Performance aus Musik und Film – zu sehen sind Emojis, Chatkästchen und Sprechzeilen, wie man sie von Social-Media-Diensten wie WhatsApp und Instagram kennt. Erst im Anschluss beginnt das eigentliche Stück: Steckel gestaltet den Abend als Triptychon aus Musik, Film und Text.
Das Ende des Idealisten
Und der 360 Jahre alte Text des chronisch eifersüchtigen Theaterautors hat es in sich. Der titelgebende Menschenfeind Alceste tobt und wütet gegen die Verlogenheit und falschen Schmeicheleien der Welt. „Das Zeitalter verludert, es regiert der Schmutz“, verkündet Schauspieler Andre Szymanski unter den Zuschauern im Saal stehend.
Genauso gut könnte er gegen den Zwang rebellieren, auf Instagram die Likes mit manipulierten Fotos zu maximieren. Die Parallelen zum französischen Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV., so Steckels Botschaft, liegen auf der Hand.
Ob Alcestes Ideal, stets, auch wenn es noch so schmerzt, die Wahrheit zu sagen, oder nicht doch viel eher Großzügigkeit den Weg zum Glück weist – auf diese zentrale Frage hat Steckel das Stück fokussiert und den Abend als Philosophikum inszeniert: Die Figuren treten im Stehen und ohne Zuhilfenahme von Requisiten gegeneinander an, bewaffnet mit Argument und Gegenargument.
Sprachwitz in Reimen
Das ist ebenso kompromisslos wie gefährlich – denn Theater benötigt mehr als den Austausch von Meinungen. Den Salzburger Moliere-Abend retten die unterhaltsam gereimte Sprache, das eindrucksvolle Schauspielerensemble des koproduzierenden Thalia Theaters und der Musiker Matthias Jakisic, der das Geschehen als Einmannband mit Witz und musikalisch abwechslungsreich kommentiert.
„Menschenfeind“
Die deutsche Regisseurin Jette Steckel hat den Klassiker „Der Menschenfeind“ von Moliere bei den Salzburger Festspielen inszeniert.
All das hat Steckel klug kalkuliert – und auch für ein wirkungsvolles Ende gesorgt. Feministisch zugespitzt deklariert sich Alcestes Geliebte Celimene als moderne Frau, die selbstbestimmt leben und frei lieben wolle. Wofür sie nicht nur das Spinnennetz der höfischen Intrigen, sondern auch das Verskorsett des Alexandriners sprengt und ungebunden spricht – gerade so, als würde sie ohne Schönheitsfilter posten.