Das einzige große opernartige Bühnenwerk des französischen Komponisten Messiaen, „Saint Francois d’Assise“, nimmt in Salzburg aus vielerlei Gründen eine zentrale Stellung ein. Gegen den Geist der Zeit war dieses tief spirituell-religiöse Werk 1983, einst auf Anregung des französischen Präsidenten George Pompidou entstanden, uraufgeführt worden. 1992, im Todesjahr des Komponisten, begründete es bei der Erstauffühung bei den Salzburger Festspielen den späteren Weltruhm des damals jungen US-Regisseurs Peter Sellars.

Und wie kein anderes Werk passt dieses in den Geist der Salzburger Festspiele, die nie einen Hehl aus der tiefen Verbundenheit zum spirituellen Moment in der Kunst gemacht haben. Für den immer noch programmatischen Leiter dieser Festspielausgabe, Markus Hinterhäuser, war die Wiederaufnahme dieses Werks in Salzburg nicht weniger als eine Lebensaufgabe. Und niemand anderer konnte für Hinterhäuser diese Aufgabe erledigen als der an der katholischen Tradition und dem Glauben der Volkskultur geschulte Castellucci.

Zurück zu den Wurzeln

Wer Castellucci kennt, weiß, dass es bei ihm nie um Tabubrüche geht, dass aber Überlieferungen und Traditionen auf den Kern ihrer Sendung geprüft werden. Denken und körperliche Erfahrung, Askese, Erkenntnis und Erlösung sind bei ihm zentrale Kategorien. Hatte ihn bei der Aufführung von Richard Strauss’ „Salome“ die Gestalt von Johannes dem Täufer interessiert, der sich unter keinem Druck der Welt verbiegen lässt, so ist es nun die Person des Franz von Assisi, dessen Weg zum Heiligen Castellucci in Stationen, die nicht zusammenhängen, ausdeuten will.

Verwies Johannes auf einen, der kommen würde, so folgt Franz von Assisi dem unerreichbaren Vorbild Christi, dessen Leiden er deshalb auf sich nehmen mag, um dessen tiefe Menschlichkeit erleben zu können. Das ist der Kern der Oper. Und hier liegt Castelluccis Interesse. Warum, so seine Frage, verschrieben sich Menschen der Unbedingtheit? Dass diese Frage just im 800. Todesjahr des Heiligen Franz von Assisi gestellt wird, mag kein Zufall sein.

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„Es ist eigentlich eine Antioper“

„‚Saint Francois d’Assise‘ ist eigentlich eine Antioper, weil sie keinen Handlungsfaden hat, sondern wie auf einem Fresko Giottos Stationen zu einer Person zeigt, die sich mit Vehemenz gegen alle Vorgaben stellt“, so der Regisseur, der mit seiner Arbeit auch das verklärte Bild des heiligen Franz hinterfragen möchte.

Acht Bilder zum Leben des heiligen Franz von Assisi hat Messiaen vorgegeben. Und Castellucci nimmt gleich den Beginn dieser Tableaus ernst, als sich Franziskus (Philippe Sly) von den Optionen eines bürgerlichen Lebens abkehrt. Sehr genau zeichnet die Regie den Weg eines Menschen nach, der über seine Überzeugung in der Glaubensfrage andere mit in seinen Bann zieht, eine Gruppe begründet, aber doch als Einzelner vorausgeht und ganz allein die Radikalität der Erlösungserfahrung machen möchte.

Die anderen, seine Brüder, werden mehr Fragen aufwerfen, als blinde Gefolgschaft leisten. Entscheidend ist für Castellucci auch: Hier bricht ein Mensch und nicht ein vorab heilig Gesprochener auf.

Die Rolle der Pflege des Anderen

Die Begegnung mit einem Aussätzigen und die Vermittlung der Erkenntnis, dass auch das Leid seinen Sinn auf dem Weg zu Erlösung einnimmt, bringt einen ersten Wegweiser in dieser Arbeit. Wie schon in früheren Inszenierungen nimmt die Pflege eines Hilfsbedürftigen eine zentrale Rolle für den Regisseur ein. Erst über das Annehmen des Leides, in den Worten Messiaens, der Buße, ergibt sich die Richtung zur Erlösung.

OpernTIPP: Saint François d’Assise

Bei den Salzburger Festspielen nimmt Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ durch die intensive sinnliche Erfahrung sowie durch die künstlerische Kühnheit eine besondere Stellung ein. Zentrales Thema ist die Liebe zum Göttlichen.

„Die Musik des Unsichtbaren“

Das fünfte Bild des Werks, „der musizierende Engel“, wird zum Schlüssel für die gesamte Wirkung des Abends. Der musizierende Engel, überwältigend interpretiert von Lauranne Oliva, lässt Franz die „Musik des Unsichtbaren“ hören. Inszenierung, Gesang und Orchestermusik erreichen in diesem Bild den höchsten Grad der Verschränkung. Pascale und die Wiener Philharmoniker erreichen den schwebenden Klang Messiaens, der sich wie ein Kosmos zwischen allen Tonalitäten ausnimmt. Die Regie hat in diesem Moment das auf dem Kopf stehende Tableau der modernen Welt heruntergerissen und taucht in eine Welt der einfarbigen Schattierungen ab.

Abkehr vom bisherigen Franz-von-Assisi-Bild

Castellucci gibt keine Lesart zu dieser Oper vor. Man kann die Geschichte von Franz als die Stationenerzählung eines Menschen lesen, der aus tiefster Glaubensüberzeugung das Kreuz Christi auf sich nimmt. Ebenso ist eine nicht religiöse Lesart möglich, wenn man die Entrückungen des Franz von Assisi als Serie schizoider Schübe sieht, in der das Umfeld zum unerkannten Hinterland mutiert.

Die Regie setzt viele kleine Akzente gegen eine bejahende Glaubenslesart dieses Stücks. Die Vögel, mit denen Franz Verbindung aufnimmt, fallen wie tot vom Himmel der Bühne. Und am Ende, als Franz seinen Erlösungstod erreicht hat, steht nicht nur mit infrage, ob er seiner Heilserwartung durch einen Trunk nachgeholfen hat. Auch seine „Brüder“ behandeln den Gestorbenen nicht so, wie man sich den Umgang mit einem Ordensgründer erdenkt: Franz wird am Ende an den Bühnenrand gezerrt. Einer hat im Halbdunkel noch seinen Fuß auf dem Körper des Gestorbenen. Es liegen also Warnungen im Raum zu einer verklärenden Heilsbetrachtung.

Die Verschränkung aller Gewerke

Die Wirkungsmacht dieses Abends liegt in der kongenialen Verschränkung aller Gewerke. Die Philharmoniker werden in dieser musikalischen Führung ihrem Ruf als brillanter Klangkörper für die späte Moderne gerecht. Die Felsenreitschule ist durch ihre archaischen Qualitäten der ideale Spielort für diesen Zugriff auf eine Glaubensgeschichte. Und Castellucci setzt die Mittel, die er im Lauf seiner jahrzehntelangen Arbeit entwickelt hat, klug als minimale, präzises Interventionen ein. Andeutung statt Krawall, Rätsel statt Forcierung sind sein Handwerkszeug.

Mit großer Dankbarkeit umarmt er am Schluss Sly, der neben seinem sängerischen Können nie die Rätselhaftigkeit des Mannes, der mit den Vögeln reden konnte, auflöst.