Im Juni, mitten in einer Hitzewelle mit 40 Grad während der Herrenmodewoche in Paris, präsentierte der US-Designer Rick Owens in Kooperation mit adidas Jacken und Hosen mit eingebautem Kühlsystem auf dem Laufsteg. Die Kleidungsstücke werden mit kleinen batteriebetriebenen Ventilatoren versehen, die Luft im Inneren zirkulieren lassen. Dadurch verdunstet Schweiß schneller und der Träger oder die Trägerin werden gekühlt. Außen sind an den Seiten kleine Turbinen zu sehen.
Erstmals Einsatz auf dem Laufsteg fand ventilierte Kleidung bei der Pariser Fashion Week 2024. Designer Kunihiko Morinaga hatte für das japanische Label Anrealage Nylonkleider kreiert, die sich dank der eingebauten Luftzufuhr zu avantgardistischen Formen aufbliesen; „Wind“ nannte er die Kollektion. Morinaga sah darin mehr als nur ein Modeexperiment: Seiner Ansicht nach könnte solche Kleidung dazu beitragen, den Energieverbrauch und den CO2-Ausstoß zu reduzieren, die Klimaanlagen in Gebäuden verursachen.
Erstes Modell aus 2004
Dieser Gedanke lag auch der Erfindung der Ventilatorjacken zugrunde. Die Idee dazu hatte der ehemalige Sony-Ingenieur Hiroshi Ichigaya, der das akkubetriebene „Fan-Jakketo“ seiner Marke Kuchofuku bereits 2004 auf den japanischen Markt brachte, zunächst mit nur einem Modell. Die Nachfrage stieg parallel zu den steigenden Temperaturen: Während einer drückenden Hitzewelle im Jahr 2011 berichtete Ichigaya, dass sich der Umsatz verzehnfacht habe, wie die „Financial Times“ („FT“) unlängst berichtete.
Heute sind die Jacken in den Sommermonaten in Japan allgegenwärtig, sie werden von Bauarbeitern, Zustellern oder Fluglotsen getragen, von jenen also, denen kein gekühlter Platz während der Arbeitszeit vergönnt ist. Auch auf anderen Märkten wie in China und den USA ist mit Ventilatoren ausgestattete Kleidung auf dem Vormarsch, in der breiten Öffentlichkeit hat sie sich aber noch nicht durchgesetzt. Das könnte sich bald ändern.
Großes Wachstumspotenzial
Zur derzeitigen Größe des Marktes für klimatisierte Kleidung finden sich stark divergierende Angaben, ein erhebliches Wachstum wird aber unisono prognostiziert. Potenzial wird vor allem bei jenen Marken gesehen, die Technologie mit Modebewusstsein zu verbinden trachten. Vorreiter Kuchofuku etwa ist in den vergangenen Jahren gezielt Partnerschaften eingegangen, die nicht nur den Bereich Arbeitskleidung umfassen.
Auch das in Tokio ansässige Arbeitsbekleidungslabel Hidesign möchte mit seiner ventilierten Kleidung ein breiteres Publikum ansprechen. „Unser Ziel ist es nicht einfach nur, Kühlkleidung modisch zu gestalten, sondern zu zeigen, dass fortschrittliche Funktionalität ganz selbstverständlich Teil des modernen Bekleidungsdesigns werden kann“, sagte Hideo Yoshii, Präsident und Chefdesigner von Hidesign.
Stundenlanger Einsatz
Das japanische Label Meanswhile begann bereits vor einigen Jahren mit der Entwicklung von Jacken mit eingebauten Ventilatoren. Anfangs galten die Produkte eher als technische Kuriosität und Marketingidee. Inzwischen ist die Nachfrage jedoch deutlich gestiegen, besonders erfolgreich ist eine klimatisierte Regenjacke, die sowohl bei Regen als auch bei Hitze ihre Dienste erweisen soll.
Die derzeit auf dem Markt erhältlichen Modelle sind batteriebetrieben und halten zwischen vier und zwölf Stunden, bevor sie wieder aufgeladen werden müssen. Im Vergleich zu anderen Kühloptionen, etwa PCM-Westen (Phase Change Material), kann klimatisierte Kleidung den Körper länger kühl halten.
Hitzeschutz im Sport
PCM-Westen sind mit Packs gefüllt, die vor der Verwendung in den Kühlschrank gelegt werden. Beim Tragen geben sie die gespeicherte Kälte ab, der Effekt hält zwei bis vier Stunden an, je nach Außen- und Vorkühltemperatur. Bei der heurigen Fußball-WM waren die Westen während Trainingseinheiten vielfach zu sehen. Auch in anderen Sportbereichen finden sie zunehmend Verwendung. In der Formel 1 leiten im Wagen installierte Pumpen und Wärmetauscher gekühlte Flüssigkeit durch ein feuerfestes Hemd des Fahrers oder durch eine Weste mit integrierten Kanälen.
PCM-Westen mögen lebensnäher wirken, effektiver sind aber ventilierte Kleidungsstücke. „Verdunstung ist normalerweise der natürliche Weg, auf dem unser Körper Wärme abgibt, daher unterstützt der zusätzliche Luftstrom unser eigenes Kühlsystem“, zitierte die „FT“ Dahua Shou, Professor für Textiltechnologien an der Hong Kong Polytechnic University, der dazu auch Studien verfasst hat.
„Das Ding der Zukunft“
Nachteile der Technologie sind dennoch nicht von der Hand zu weisen, zumindest beim derzeitigen Entwicklungsstand. Abgesehen von dem voluminösen Erscheinungsbild sind das die noch recht hohen Kosten, das Geräusch der Ventilatoren am Körper und das schwierige Recycling. „Klimatisierte Kleidung ist ein Hybridprodukt, das Textilien mit elektronischen Komponenten kombiniert, wodurch die Entsorgung am Ende der Lebensdauer komplizierter ist als bei herkömmlicher Kleidung“, sagte Experte Shou.
Entscheidend sei daher, die Produkte so zu gestalten, dass sie repariert, Komponenten ausgetauscht und Materialien zurückgewonnen werden können. Denn dass klimatisierte Kleidung angesichts wiederkehrender Hitzewellen an Bedeutung gewinnen wird, liegt auf der Hand. Ebenso wie die Absurdität der Annahme, dass sie der Klimakrise irgendwas entgegensetzen könnte. Die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) formulierte es so: „Extreme Hitze erfordert eben extreme Maßnahmen: Von jetzt an kühlt jeder für sich allein, Ego-Cooling ist das Ding der Zukunft.“