Der weitere Lauf des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine wird sich laut „New York Times“ („NYT“) von Mittwoch nicht am Boden entscheiden, denn bei dieser Frontlinie herrsche eine Pattsituation, so die Zeitung, sondern wird sich in der Luft entscheiden.
Für Moskau ist der Luftkrieg ein Teil einer jahrelangen Strategie, die ukrainische Widerstandskraft zu zermürben und Städte unbewohnbar zu machen, so die „NYT“ über das russische Vorgehen.
Russland setzt zunehmend auf Raketen
Die Ukraine und Russland verstärkten in den vergangenen Wochen ihre Angriffe mit weitreichenden Waffen auf das jeweils andere Land. Laut einer AFP-Analyse hat Russland dabei den Einsatz von Raketen im Juli mehr als verdoppelt.
Laut der „NYT“ feuerte Moskau im Juli mindestens 126 ballistische Raketen ab. Das sei ein Höchststand seit Kriegsbeginn, wie eine Analyse von Daten der ukrainischen Luftstreitkräfte durch die „NYT“ ergeben habe. Bei den russischen Angriffswellen, die auch Marschflugkörper und Drohnen umfassten, kamen laut der Zeitung im Juli rund 400 Zivilisten ums Leben. Der Juli sei damit der verlustreichste Monat seit April 2022 gewesen.
Weitere schwere Folgen
Die russischen Angriffe haben laut der Zeitung die Ukraine gezwungen, lebenswichtige Getreide- und Stahlexporte über ihre Seehäfen einzustellen.
Zudem hätten die Attacken die ohnehin bereits schwer beschädigte Infrastruktur weiter zerstört und die Befürchtung geschürt, dass dem Land ein weiterer Winter mit Engpässen bei Heizung und Strom bevorstehen könnte, schrieb die Zeitung weiter.
Ukraine fehlt es an modernen Flugabwehrsystemen
Das große Problem der Ukraine im Luftkampf mit Russland ist der Mangel an modernen Flugabwehrsystemen. Die Abwehr ballistischer Raketen sei eine der größten Schwachstellen der Ukraine, sagte Rob Lee, Experte der Denkfabrik Foreign Policy Research Institute. Russland versucht, diese Schwachstelle durch den verstärkten Einsatz ballistischer Raketen auszunutzen, die besonders schwer abzufangen sind.
Die Ukraine hat zwar inzwischen offenbar erfolgreich eine eigene Drohnenabwehr entwickelt, ist bei der Abwehr ballistischer Raketen aber vom US-Luftabwehrsystem Patriot abhängig. Vor allem infolge des Krieges der USA gegen den Iran fehlt es an Abwehrraketen für die US-Patriot-Systeme in der Ukraine.
Selenskyj versucht, Druck zu machen
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagte diese Woche nach schweren Angriffen mit Toten und Verletzen erneut den Mangel an Flugabwehrwaffen gegen Russlands ballistisches Raketenarsenal. Die Abwehrraketen für die Luftverteidigung hätten „die Leben derjenigen retten können, die heute getötet wurden“, erklärte Selenskyj am Mittwoch auf der Plattform X.
„Verspätungen bei der Lieferung oder ein Ausbleiben der Bereitstellung von Antiraketensystemen führen zu entsetzlichen Opferzahlen und zu Zerstörung“, fügte er in Richtung der westlichen Verbündeten hinzu.
Großer Verbrauch an Patriot-Raketen im Iran-Krieg
Vor allem seit dem Krieg der USA gegen den Iran fehlt der Ukraine Ausrüstung für die Luftverteidigung. Das US-Militär hat mit Patriot und THAAD zwei Systeme, die ballistische Raketen abschießen können.
Schätzungen des Zentrums für Strategie- und Internationale Studien (CSIS) zufolge hatten die Streitkräfte vor ihrem Angriff auf den Iran am 28. Februar mehr als 2.300 Raketen vom Typ Patriot und mehr als 450 vom Typ THAAD.
Das CSIS berichtete Ende Juli weiters, dass zwischen Februar und Juli von den USA im Krieg gegen den Iran etwa 65 Prozent der Patriot-Abfangraketen verbraucht wurden. Zwei der Insider bestätigten, dass diese Zahlen mit internen US-Daten übereinstimmten.
Trumps schlingender Kurs
US-Präsident Donald Trump hatte Selenskyj zwar Anfang Juli eine Lizenz zugesagt, die Patriot-Systeme selbst zu bauen, zeigte sich in der vergangenen Woche wegen der von den USA im Iran-Krieg selbst eingesetzten Anzahl der Patriot-Raketen aber wieder zurückhaltend. Washington müsse bei einer solchen Entscheidung „sehr vorsichtig“ vorgehen, hatte Trump Ende Juli erklärt.
Trump wies am Donnerstag unterdessen Medienberichte über eine Munitionsknappheit im Iran-Krieg zurück und drohte Journalisten und Journalistinnen mit hohen Haftstrafen. Die US-Streitkräfte hätten „riesige Mengen an ‚Munition‘, vor allem bestimmter Arten“, schrieb Trump am Donnerstag in seinem Onlinedienst Truth Social.
Selenskyj: 300 Patriot-Raketen Mindestbedarf im Winter
Der Erfolg von Kriegsführung ist allerdings auch von umfangreicher zeitgerechter Planung abhängig. Der Zeitdruck für die Ukraine ist in Sachen Patriot-Lieferungen offenbar akut, wie die nicht abgefangenen russischen Angriffe mit Raketen der letzten Wochen zeigen.
Aber auch bei einer Lizenz zum Selberbauen von Patriot-Raketen würde für Kiew die Zeit drängen. Der Aufbau einer Produktion in der Ukraine werde Monate dauern, die Stückzahlen würden den Bedarf gegen russische Raketenangriffe kaum decken können. Mitte Juli hatte Selenskyj als Mindestbedarf 300 dieser Raketen etwa für die drei Wintermonate angegeben.
Kiew: Nordkorea verlegt Raketeneinheit nach Russland
Unterdessen vergrößert sich die Gefahr durch Raketen laut der Ukraine weiter. Nach Angaben eines ukrainischen Geheimdienstvertreters begann eine nordkoreanische Raketeneinheit mit der Verlegung nach Westrussland, wie es am Mittwoch hieß. Die Einheit könnte für Angriffe auf die Ukraine mit 120 ballistischen Raketen und sechs Startrampen ausgerüstet werden, sagte Andrij Tschernjak vom ukrainischen Militärgeheimdienst am Mittwoch.
Russland plane, die Einheit mit rund 90 nordkoreanischen Soldaten in der westrussischen Region Woronesch zu stationieren. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die USA wüssten von der Verlegung.