Seit ihrer gewaltsamen Machtübernahme im August 2021 bauen die Taliban Afghanistan in einen radikalislamischen „Gottesstaat“ um. Die Scharia dient in ihrer extremsten und fundamentalistischsten Auslegung als alleinige Rechts- und Staatsordnung. Musizieren und weiblicher Gesang sind verboten, Menschenrechte werden systematisch zerschlagen.

Die Taliban-Diktatur basiert auf einer systematischen „Gender-Apartheid“: Frauen sind ohne männlichen Vormund weitgehend rechtlos. Als weltweit einziges Land verbietet Afghanistan Mädchen die Bildung ab der siebenten Klasse, von diesem Ausschluss aus Schulen und Universitäten sind laut UNICEF mittlerweile 2,6 Millionen Mädchen betroffen.

Langfristige Auswirkungen noch verheerender

„Viele Folgen der Taliban-Herrschaft werden sich erst in rund zehn Jahren zeigen“, warnte die Grazer Integrationsreferentin und Aktivistin Masomah Regl (afghanischer Kulturverein Fivestones) Anfang August bei einer Pressekonferenz am Österreichischen Institut für Internationale Studien (oiip), organisiert vom Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Durch das Studienverbot für Frauen drohe mittelfristig der Totalausfall der weiblichen Gesundheitsversorgung, da Frauen in Afghanistan nur von Ärztinnen behandelt werden dürfen. Schon heute ist die Situation verheerend: Das öffentliche Gesundheitssystem ist weitgehend kollabiert, Afghanistan leidet unter der höchsten Müttersterblichkeitsrate Asiens (638 Todesfälle pro 100.000 Lebendgeburten).

„Radikalisierung an Schulen“

Während Frauen systematisch aus der Ausbildung gedrängt werden, formen die Taliban das Schulsystem für die männliche Jugend radikal um. Laut der afghanischen Botschafterin in Österreich, Manizha Bakhtari, missbraucht das Regime Schulen, um die nächste Generation an Extremismus und Terrorismus heranzuführen.

Bakhtari wurde im Jänner 2021 als Botschafterin nach Österreich bestellt. Seit der Taliban-Machtübernahme im darauffolgenden August versuchen die Islamisten Bakhtari als diplomatische Vertretung abzusetzen. Sie selbst bezeichnet sich als Vertreterin der afghanischen Bevölkerung, nicht aber der Taliban, zu denen sie laut eigenen Aussagen keinen Kontakt hat.

Taliban wollen an der Macht bleiben“

Die Diplomatin warnte bei der oiip-Veranstaltung, die Taliban würden ihre fundamentalistische Ideologie auch global verbreiten. Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network glaubt hingegen nicht, dass Afghanistan unter der neuen Taliban-Herrschaft wieder zu einer globalen Drehscheibe für islamistischen Terrorismus wird.

„Die Taliban wollen an der Macht bleiben und Afghanistan nach ihren islamistischen Vorstellungen umgestalten", erklärte Ruttig im Gespräch mit ORF.at. Anschläge, die mit Terrorzellen, die in Afghanistan agieren, in Verbindung gebracht werden, könnten das Risiko von Militärschlägen gegen Afghanistan erhöhen und seien daher nicht im Interesse der Islamisten.

Warnung vor „Normalisierung“ der Taliban

International ist das Taliban-Regime weitgehend isoliert. Dennoch kooperieren EU-Staaten wie Österreich punktuell mit Kabul: Im Februar 2026 empfing das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) eine Taliban-Delegation in Wien. Laut Innenministerium diente das Treffen der operativen Koordination von Abschiebungen straffälliger Afghanen.

Das Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen warnte in diesem Zusammenhang vor einer „Normalisierung“ der Islamisten, eine „technische Zusammenarbeit“ führe de facto zu einer politischen Legitimierung.

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz betonte oiip-Präsident und Diplomat Wolfgang Petritsch, dass die internationale Gemeinschaft den Druck auf die Taliban erhöhen müsse. Die überlebenswichtigen humanitären Hilfen für das Land könnten seiner Einschätzung zufolge als Hebel für Frauenrechte dienen.

Millionen Kinder hungern

Afghanistan steckt in einer beispiellosen Krise und ist stark von humanitären Hilfen abhängig. Das UNO-Welternährungsprogramm warnt etwa vor einer historischen Hungersnot: Demzufolge litt im ersten Quartal 2026 fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen unter akuter Unterernährung.

Dazu kommt, dass UNO-Angaben zufolge 5,9 Millionen Menschen seit September 2023 nach Afghanistan zurückgekehrt sind – ein Bevölkerungsanstieg von zehn bis zwölf Prozent. Grund dafür ist der wachsende Abschiebedruck in den Nachbarländern Pakistan und Iran, dem viele Geflüchtete zuvorkommen wollen.

Gleichzeitig schwinden die Gelder für die humanitäre Unterstützung, internationale Geldgeber scheuen die Zusammenarbeit mit den Taliban. Zudem berichten NGO-Mitarbeiter, dass durch die Auflösung der US-Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) die Förderbereitschaft insgesamt abgenommen habe.

Die EU gehört zu den größten Geldgebern Afghanistans, die Mittel kommen über UNO-Organisationen und NGOs ins Land. Laut Petritsch verhindere diese Unterstützung eine noch größere Katastrophe. Da die Taliban um diese Abhängigkeit wüssten, biete der finanzielle Hebel einen Ansatzpunkt für diplomatische Gespräche.

„Taliban lassen sich nicht unter Druck setzen“

Afghanistan-Experte Ruttig glaubt nicht, dass sich die Taliban unter Druck setzen lassen. Es sei eine „Selbstüberschätzung“ des Westens, nach dem katastrophalen Abzug aus Afghanistan 2021 zu glauben, Druckmittel gegen die Taliban in der Hand zu haben. Im Gegenteil: Bei Rückführungen sei es die EU, die sich von den Taliban unter Druck setzen lasse.

Die internationale Gemeinschaft müsse sich fragen, für welche menschenrechtlichen Prinzipien sie stehe und diese auch in den Gesprächen mit den Taliban einfordern. Solange sich der Dialog jedoch vor allem auf Abschiebungen beschränke, werde man in Afghanistan nichts erreichen.

Schwieriger Widerstand

Ruttig blickt düster auf die Zukunft Afghanistans. Das Taliban-Regime habe sich konsolidiert, eine organisierte Opposition gebe es nicht, die verschiedenen Gruppierungen seien zersplittert. Regl berichtete von unterschiedlichen Formen des Widerstands.

Immer wieder gingen Menschen, insbesondere Frauen, trotz der Gefahr einer Verhaftung gegen das Regime auf die Straße. Gleichzeitig betonte die Aktivistin, dass vielen Afghaninnen und Afghanen die Kraft dafür fehle, weil sie tagtäglich ums Überleben kämpfen müssten.

„Kein echter Frieden“

Afghanistan-Experte Ruttig gab gegenüber ORF.at zu bedenken, dass die Taliban nicht gegen die gesamte Bevölkerung regierten. Viele Menschen seien einfach nur erleichtert, dass der Krieg vorbei sei und sie ihre Kinder wieder zur Schule schicken könnten – auch wenn das für Mädchen nur bis zur siebenten Klasse möglich sei.

Botschafterin Bakhtari betonte, dass es angesichts der herrschenden Gender-Apartheid keinen echten Frieden geben könne. Die von den Taliban propagierte Stabilität sei eine Illusion, sie basiere auf „systematischer Gewalt und Unterdrückung“.