In den vergangenen Wochen seien dreimal so viele Schlachtkühe zur Vermarktung gekommen als sonst üblich, hieß es von der ARGE Rind, der Dachorganisation von acht Rindererzeugergemeinschaften, am Donnerstag. Viele Betriebe würden sich gezwungen sehen, vor allem Schlachtkühe vorzeitig zu verkaufen, um die Versorgung des verbleibenden Tierbestandes sicherzustellen. Derzeit würden die Kapazitäten der Schlacht- und Zerlegebetriebe an ihre Grenzen stoßen.
Viele Rinder müssen derzeit frühzeitig von den Almen abgetrieben werden, weil Wasser und Futter knapp werden – mehr dazu in noe.ORF.at und ooe.ORF.at. Die ARGE Rind appellierte an die Schlachthöfe und Viehhändler, die Lebendimporte von Schlachtrindern aufgrund „der dramatischen Futterknappheit vorübergehend auszusetzen“. Laut dem Dachverband werden in normalen Wochen bis zu 1.000 Kühe lebend zur Schlachtung nach Österreich importiert.
Laut ARGE Rind gab es einen Preisrückgang von bis zu 25 Prozent auf dem Schlachtkuhmarkt im Vergleich zur Kalenderwoche 28 (6. bis 12. Juli). Er müsse seine Tiere „halb verschenken“, berichtete ein Bauer aus der Steiermark – mehr dazu in steiermark.ORF.at. Bei Schweinefleisch gibt es laut Fleischhof Raabtal derzeit keine Auswirkungen, da die Futterversorgung für das ganze Jahr üblicherweise bereits im Herbst eingelagert werde.
Hoher Ausfall bei Grünschnitt und Körnermais
Die klimawandelbedingte Rekordtrockenheit führt heuer zu hohen Ausfällen bei Grünschnitt sowie Körnermais. Der derzeitige Vizepräsident und designierte Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, Lorenz Mayr, sagte am Mittwoch in der ZIB2, dass es bei den bereits eingefahrenen Ernten über ganz Österreich betrachtet einen Einbruch von 20 Prozent gebe, in Ostösterreich teilweise sogar bis zu 70 bis 80 Prozent.
Mayr: Bauern „Hauptbetroffene des Klimawandels“
Lorenz Mayr, Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, warnte vor hohen Ernteausfällen durch Hitze und Dürre, betonte aber, dass die Lebensmittelversorgung gesichert sei. „Wir sind die ersten Hauptbetroffenen, die den Klimawandel spüren“, sagte Mayr. Er forderte kurzfristige Unterstützung für landwirtschaftliche Betriebe sowie langfristige Investitionen in Wasserinfrastruktur und klimafitte Landwirtschaft.
Bei noch nicht eingebrachten Kulturen wie Mais, Kürbis und Soja werde ebenfalls ein hoher Ausfall erwartet, bis hin zum Totalausfall – mehr dazu in ooe.ORF.at. Mit rund 2,5 Mio. Tonnen liegt die Getreideproduktion ohne Mais laut Agrarmarkt Austria (AMA) um 19 Prozent unter dem guten Vorjahreswert und um 14,4 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt, hieß es am Mittwoch.
Die heimische Versorgung sei dadurch grundsätzlich nicht gefährdet, so Mayr weiter, bei Weizen etwa sei die geerntete Menge kleiner, aber von sehr guter Qualität. Auch von der AMA hieß es, es gebe genug Getreide für die Herstellung von Backwaren. Anders ist das laut Mayr wohl bei Produkten wie Erdäpfeln, hier betrage der Ertrag nur mehr ein Drittel der bisherigen Mengen. Er erwarte „mit Sicherheit“ Auswirkungen auf die Preise für Lebensmittel.
Hauptproduktion im besonders trockenen Osten
Laut Landwirtschaftsministerium beträgt der Selbstversorgungsgrad bei Erdäpfeln in Österreich rund 80 Prozent (Stand 2023/24), die Hauptanbaugebiete liegen in Niederösterreich. Bei Gemüse lag der Selbstversorgungsgrad im Beobachtungszeitraum bei 55 Prozent, bei Obst bei 33 Prozent.
Zwei Drittel des heimischen Getreides und 70 bis 80 Prozent des Gemüses werden laut Mayr ebenfalls im Osten angebaut. Laut GeoSphere Austria gab es heuer österreichweit durchschnittlich bis Juli ein Drittel weniger Niederschlag als von 1991 bis 2020, besonders in Oberösterreich und Ostösterreich.
Zusätzlich würden die heimischen Landwirtschaftsbetriebe durch gesteigerte Produktionskosten belastet, so Mayr weiter, darunter für Diesel und Dünger. Die Mehrbelastungen auch der vergangenen Jahre habe bei vielen Betrieben zu einer schwierigen wirtschaftlichen Lage geführt, Preissteigerungen würden gebraucht, um diese Belastungen ausgleichen zu können. Und wenn weiterhin kein Regen komme, würden die Ausfälle noch größer.
Minister plant Maßnahmenpaket
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) hatte zu Beginn der Woche ein Dürremaßnahmenpaket in Aussicht gestellt, ohne Details zu nennen. Totschnig sei „in enger Abstimmung mit den Bundesländern und der Landwirtschaftskammer, um mögliche wirksame Maßnahmen auf den Weg zu bringen“, hieß es dazu nun aus dem Landwirtschaftsministerium.
Es gehe in „erster Linie“ um „kurzfristige Entlastungsmaßnahmen“, aber auch „um langfristige Maßnahmen, um die Landwirtschaft besser an den Klimawandel anzupassen“. Laut Hagelversicherung lassen sich die Dürreschäden der heimischen Landwirtschaft noch nicht beziffern. Am Montag will der Versicherer erste Zahlen liefern. Die Milchbauern forderten diese Woche bereits eine Ausgleichszahlung von 300 Euro pro Kuh aus dem Katastrophenfonds.
„Wir nehmen die Berichte über Dürreschäden sehr ernst“, so Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) am Donnerstag in einer schriftlichen Stellungnahme. Man werde „die Landwirtschaft dort unterstützen, wo das notwendig“ sei, „von der Aufrechterhaltung der Liquidität bis zur Kompensation der Schäden“. Der Landwirtschaftsminister werde konkrete Maßnahmen in Abstimmung mit dem Finanzminister vorstellen.
Kritik von FPÖ, Grüne fordern Krisenstab
Die FPÖ sah Versäumnisse bei Totschnig und pochte auf rasche Hilfe für die von Dürre betroffenen Landwirte. Die schweren Schäden durch die Dürre seien seit Wochen absehbar gewesen, so FPÖ-Agrarsprecher Peter Schmiedlechner in einer Aussendung, ebenso der Preisverfall bei vielen landwirtschaftlichen Produkten. Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, forderte am Montag die Einberufung eines Krisenstabs, es brauche unter anderem ein Wasserentnahmeregister und eine klare Strategie.
„Rasche und wirksame Unterstützung“ für die Betriebe forderte auch der Präsident der Interessenvertretung Land&Forst Betriebe, Konrad Mylius. Außerdem brauche es „verlässliche Rahmenbedingungen für Klimawandelanpassung und Waldbrandprävention“.
Ähnlich die Forderungen von Greenpeace und der IG Milch, die am Donnerstag in einer gemeinsamen Aussendung Totschnig aufforderten, seine „Blockadehaltung bei Klima- und Naturschutz zu beenden“. Und weiter: „Der Klima- und Umweltminister muss ein wirksames Klimagesetz und die EU-Renaturierungsverordnung umgehend umsetzen.“ Entschädigungszahlungen würden nicht dabei helfen, dass etwa Wasser im Boden länger gespeichert werden kann.
Ausfälle in ganz Europa
Die Dürre trifft aber nicht nur Betriebe in Österreich, sondern in ganz Europa. Das könnte das Problem mit steigenden Lebensmittelpreisen durch weitere Angebotsverknappung zusätzlich verschärfen. Spanien erwartet etwa 30 Prozent weniger Ertrag bei der Getreideernte im Vergleich zum ebenfalls sehr guten Jahr 2025. Beim Olivenöl warnen Erzeuger bereits vor kleineren Ernten und damit steigenden Preisen.
Ernteausfälle werden auch in Frankreich erwartet: Der französische Gemüsezüchterverband Legumes de France warnte vor Ausfällen von bis zu 50 Prozent und Verlusten von Dutzenden Millionen Euro. Frankreichs Landwirtschaftsministerin Annie Genevard kündigte am Mittwoch einen Notfallplan für betroffene Betriebe an.