Erfasst werden ausschließlich Fälle körperlicher Gewalt mit Krankenstand. Psychische Gewalt, verbale Übergriffe oder sexuelle Belästigung sind ebenso wenig enthalten wie Vorfälle aus anderen Versicherungsbereichen, etwa bei Beamten oder bei der Polizei. Die tatsächliche Dimension sei daher deutlich größer, sagte AUVA-Präventionsdirektorin Caroline Krammer am Donnerstag: „Gewalt am Arbeitsplatz ist kein Randphänomen.“
Rund zwei Drittel der Vorfälle gehen von externen Personen aus, gleichzeitig nimmt aber auch die interne Gewalt zu. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind Frauen, insbesondere weil sie stark in jenen Branchen vertreten sind, in denen Gewalt häufig auftritt. Zudem sind sie öfter von Belästigung und sexueller Gewalt betroffen, die in der Statistik nicht erfasst sind.
Exponierte Sparten
Neben dem Gesundheits- und Sozialbereich sind etwa auch der Handel, die Gastronomie und der öffentlichen Verkehr betroffen. Dazu gehören zum Beispiel Zugbegleiter, die von Fahrgästen ohne gültigen Fahrschein beschimpft oder angespuckt werden – mehr dazu in noe.ORF.at. Ebenso Menschen im Pflegebereich, die verbalen Beschimpfungen und Beleidigungen ausgesetzt sind, an Haaren gerissen oder gebissen werden. In der Gastronomie handelt es sich vielmehr um sexuelle Belästigung.
Zwei Drittel der Übergriffe durch externe Personen
Neben der externen Gewalt habe auch die interne zugenommen, sagte Krammer. „Zwei Drittel der Arbeitsunfälle werden verursacht durch betriebsfremde Personen, aber ein Drittel der durch Gewalt verursachten Arbeitsunfälle wird verursacht durch Kollegen oder Kolleginnen oder sogar durch Vorgesetzte.“
Die Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz hätten oft Schürfwunden, Kratzwunden und Prellungen und bei Mobbing oder Belästigung einen psychischen Schock. „Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die geschlagen, gestoßen, getreten, gebissen und anders körperlich attackiert wurden“, sagte Krammer.
Die Folgen reichen von Stress und Angstzuständen bis hin zu langfristigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Krankenständen, hieß es bei dem Pressetermin in Wien. Ein Krankenstand aufgrund eines Gewaltgeschehens sei daher auch ein wirtschaftlicher Faktor für das betroffene Unternehmen.
Ruf nach besseren Strukturen
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) kritisiert, dass in vielen Betrieben klare Strukturen für den Umgang mit solchen Vorfällen fehlen. Beschäftigte würden oft gar nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Helfen könnte ein Verhaltenskodex für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder eine ausgewiesene Vertrauensperson für diesen Bereich.
Das Arbeitnehmerschutzgesetz würde Arbeitgeber bereits verpflichten, Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu schützen und Gefahren zu evaluieren. „Diese Verpflichtungen sollten angesichts der Realität am Arbeitsplatz klarer gefasst werden“, forderte Dinah Djalinous-Glatz, Expertin für Arbeitnehmerinnenschutz im ÖGB.
Gewalt niemals „Teil des Berufs“
Ein großer Teil der Fälle von Gewalt am Arbeitsplatz bleibt ungemeldet, oft aus Angst oder weil Gewalt als „Teil des Berufs“ wahrgenommen wird. Die Gewerkschaft vida setzt mit der Initiative „Tatort Arbeitsplatz – Gib der Gewalt im Job keine Chance“ seit Jahren auf Aufklärung, Unterstützung und konkrete Präventionsmaßnahmen.
„Gewalt am Arbeitsplatz ist kein Berufsrisiko und darf niemals als Teil der Arbeit akzeptiert werden. Es braucht null Toleranz, klare Regeln und konsequente Prävention, um Beschäftigte wirksam zu schützen“, sagte Yvonne Rychly, stellvertretende vida-Bundesfrauenvorsitzende und Schirmherrin der Initiative.
Einig sind sich die drei Expertinnen, dass es bei der Bewusstseinsbildung noch viel zu tun gibt. Opfer müssten sich trauen, für ihr Recht auf einen gewaltfreien Arbeitsplatz einzustehen. Und Täter dürften nicht geschützt werden. Betroffenen raten sie, sich an den Betriebsrat oder die AUVA zu wenden, lieber einmal zu viel als zu wenig.