Einen Tag nach dem Fund der Drohne auf dem Flughafen wurden mehr und mehr Details bekannt. Ein Mitarbeiter des Flughafens hatte eine Drohne auf der Start- und Landebahn Südpiste bemerkt. Der Mann hatte offenbar großes Glück: Er holte das mit einer Sprengstoffvorrichtung ausgestattete Flugobjekt mit einem Fußtritt aus der Luft und brachte es zu Boden.

Laut dpa-Informationen wurde inzwischen bestätigt, dass für den Sprengsatz Semtex und PETN verwendet wurden. Der Plastiksprengstoff wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt. Eine Explosion sei nur unterblieben, weil der Zünder defekt gewesen sei, berichtete die „Bild“-Zeitung. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung.

Auf dem Flughafen wurde zudem ein zweites unbekanntes Flugobjekt entdeckt, es stieß mit einem Frachtflugzeug zusammen. Bei der Maschine seien nach der Landung in Hannover leichte Beschädigungen festgestellt worden, hieß es. Die Suche nach diesem zweiten Objekt wurde am Donnerstag fortgesetzt.

„Höchst professionelle Arbeit“

Die Untersuchungen laufen auf Hochtouren. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls. Es bestehe der Verdacht des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, teilte die Karlsruher Behörde am Donnerstagabend mit. Mit den polizeilichen Ermittlungen wurde das Bundeskriminalamt beauftragt.

Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte am Mittwoch seinen Italien-Urlaub wegen des Vorfalls abgebrochen. Am Abend sagte er in Leipzig, man müsse von einem „sehr ernsten sicherheitsrelevanten Vorfall“ und einem „hybriden Anschlagsszenario“ ausgehen.

Es handle sich um „höchst professionelle Arbeit“ an der Drohne und dem Sprengsatz. Das habe mehr als Laienwissen erfordert. „Deswegen kann man fremde Mächte einfach nicht ausschließen“, sagte Dobrindt. Ähnliche Versuche seien auch künftig nicht auszuschließen.

Wer hinter dem Vorfall stehe, müsse jetzt geklärt werden. Spekulationen darüber könnten falsch sein. Klar sei aber, dass es sich nicht um Amateure gehandelt habe. Der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter hatte der „Augsburger Allgemeinen“ gesagt, er vermute Russland hinter dem Vorfall. Auch Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sagte der Zeitung „Welt“: „Es liegt nahe, dass es sich bei dem Drohnenangriff um russischen Staatsterrorismus handeln könnte.“

Drehkreuz für Lieferungen an Ukraine

Der Flughafen ist ein wichtiges Frachtdrehkreuz auch für militärische Hilfslieferungen für die Ukraine. Er ist Heimatstützpunkt des NATO-Lufttransportprogramms SALIS, das neun teilnehmenden Ländern Zugang zu ukrainischen Antonow-Flugzeugen bietet, die in der Lage sind, militärische Fracht zu transportieren. Die Drohne befand sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen nahe einer Antonow AN-124 Condor.

Über die Ladung des ukrainischen Flugzeugs gab es zunächst widersprüchliche Meldungen. NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ hatten berichtet, an Bord sei Munition aus Frankreich gewesen, die weiter in die Ukraine gebracht werden sollte.

Debatte über Flughafensicherheit

Nachdem auf dem Flughafen in Leipzig eine Drohne mit hochexplosivem Sprengstoff zwischen ukrainischen Frachtmaschinen gefunden worden ist, führt das zu Fragen über die Sicherheit auf deutschen Flughäfen.

In „Focus“ hieß es unter Berufung auf Teilnehmende einer Obleuterunde im Bundestag hingegen, das sei nicht der Fall gewesen. Die Mitteldeutsche Flughafen AG bestätigte diese Angaben später. „Die betreffenden Antonow-Flugzeuge waren zum Zeitpunkt des Vorfalls leer und damit ohne Fracht. Diese Einschätzung deckt sich mit den uns vorliegenden Informationen von Antonow Logistics SALIS“, sagte Maret Montavon, Leiterin Kommunikation und Politikbeziehungen bei der Mitteldeutschen Flughafen AG, der „Leipziger Volkszeitung“.

Der ukrainische Botschafter in Deutschland äußerte den Verdacht, Russland stecke hinter den Drohnenvorfällen. „Ich hoffe, dass auch all die Behörden in Deutschland jetzt die Tatsachen feststellen. Aber wer könnte es noch sein außer Russland?“, sagte Olexij Makejew dem Nachrichtensender Welt TV.

Drei Wahlen im September

Nun wächst die Sorge, dass die kommenden Landtagswahlen Ziel russischer Einmischung werden könnten. Im September werden in Sachsen-Anhalt (6.) sowie in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin (jeweils 20.) neue Landesparlamente gewählt.

Schon vor wenigen Tagen hatten die deutschen Sicherheitsbehörden vor russischen Versuchen der Einflussnahme durch gezielte Desinformationskampagnen gewarnt. Entsprechende Videos versuchten, Politiker und Parteien zu diskreditieren, die nicht russlandfreundlich seien, hieß es aus Sicherheitskreisen.

Diese Desinformationsaktionen gehörten zur Operation „Matrjoschka“, die man schon bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr beobachtet habe. Betroffen seien alle Parteien bis auf die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Im Osten Deutschlands ist die prorussische Stimmung stärker, ebenso bei AfD und BSW.

„Hauptziel russischer Einflussnahme“

Nach Angaben des Auswärtigen Amts reihen sich solche Aktionen in die hybride Bedrohung durch Russland ein, der sich Deutschland ausgesetzt sieht. Dahinter stehe ein ganzes Ökosystem der Desinformation mit staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren. Es gehe um eine langfristige Strategie. Kurzfristig würden alle Anlässe genutzt, um die Gesellschaft in Deutschland zu spalten und zu polarisieren. Die Methoden entwickelten sich ständig weiter, etwa durch die Nutzung künstlicher Intelligenz.

Die Drohnen auf dem Leipziger Flughafen könnten mit den Wahlen zusammenhängen, ebenso wie die jüngsten Provokationen Russlands durch Luftraumverletzungen in Polen. „Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Ostdeutschland sind natürlich ein Hauptziel russischer Einflussnahme, da es sich um richtungsweisende Wahlen im Herzen Europas handelt“, sagte Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, laut dem Nachrichtenmagazin Politico.

Er erklärte, es sei noch zu früh, die mit Sprengstoff beladene Drohne Russland zuzuschreiben, da die Ermittlungen noch andauerten. Moskau führe jedoch ganz klar eine breitangelegte hybride Kampagne, die sich im Vorfeld der Wahlen auf die Region konzentriere, „um diese Wahlen zugunsten der AfD und des BSW zu beeinflussen“.