Die EZB sei von dem Abverkauf von Euro-Beständen durch die US-Notenbank „völlig überrascht“ worden, berichtete das Londoner Wirtschaftsblatt am Freitag unter Berufung auf namentlich nicht genannte Informanten. US-Finanzminister Bessent, der die Yen-Stützung laut Medienberichten selbst federführend orchestriert haben soll, informierte EZB-Chefin Christine Lagarde demzufolge erst im Nachhinein über die Marktintervention am Samstag letzter Woche.
Der übliche Vorgang wäre gewesen, dass die USA Dollars für die Yen-Stützung abstoßen. Dass die USA die EZB nicht vorab informierten bzw. die Aktion koordinierten, zeigt, wie ungewöhnlich der Markteingriff – der erste gemeinsame von USA und Japan zusammen seit fast 30 Jahren – war.
Bruch mit jahrzehntelanger Konvention
Mehrere hochrangige EZB-Vertreter würden diese Nichtzusammenarbeit als beispiellosen Verstoß gegen langjährige Konventionen in der Zusammenarbeit westlicher Notenbanken betrachten, so die „FT“. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich ein System der Kooperation und des Vertrauens und der Absprache zwischen westlichen Finanzministerien und Notenbanken etabliert, insbesondere bei Interventionen auf den Währungsmärkten.
Die Euro-Verkäufe, die die New Yorker Notenbank im Auftrag Bessents durchführte, seien „sehr frappierend“ und „traurig“, fasste laut „FT“ ein Informant die innereuropäische Reaktion über das US-Vorgehen zusammen. So etwas sei niemals zuvor passiert – und europäischerseits warnte man demzufolge davor, dass der US-Alleingang gegenüber der EU bzw. der EZB die jahrzehntelange enge finanz- und wirtschaftspolitische Kooperation gefährden könnte.
Das US-Finanzministerium beharrte gegenüber der „FT“ darauf, dass das eine alleinige Entscheidung der USA sei. Und ein US-Regierungsvertreter warf der EZB seinerseits Vertrauensbruch vor – weil über das „WirtschaftsBlatt“ die Nichtkooperation nun öffentlich bekanntwurde. Die USA bestätigten den Bericht damit indirekt.
Teil des Effekts bereits verpufft
Die erste gemeinsame Intervention der USA und Japans zugunsten des Yen seit 15 Jahren hob den Wert des Yen: Zum Zeitpunkt des Markteingriffs kostete ein Dollar fast 164 Yen, der schwächste Wert seit rund 40 Jahren. Nach der Intervention musste man am Montag für einen Dollar nur etwa 155 Yen zahlen. Am Freitag aber hatte sich der Yen bereits wieder auf mehr als 158 Yen je Dollar abgeschwächt.
Japan zögert mit Zinsanhebung
Dass der Yen schwächer wird, liegt daran, dass die Notenbank nach Ansicht von Analysten angesichts der sich verfestigenden Inflation zu zögerlich ist mit der Anhebung der Zinsen. Japanische Wertpapiere sind dadurch unattraktiv, da sie nur geringe Renditen abwerfen. Zudem treibt der schwache Yen die Inflation. Japans Wirtschaft hatte davor jahrzehntelag unter einer Deflation gelitten.
USA wollen starken Dollar schützen
Dass die USA den Yen nicht mittels Dollar-Verkäufen stützten, liegt daran, dass das auf den Finanzmärkten als Signal für eine Schwächung des Dollars verstanden hätte werden können. Bessent verfolgt aber eine Politik des starken Dollars. Das macht Exporte zwar teurer, aber Importe billiger und bremst dadurch die Inflation. Ein starker Dollar stärkt zudem die Rolle der USA als führender Wirtschaftsmacht – und macht sie damit attraktiv für ausländische Anleger.
Fachleute vermuten zudem, dass Bessent den Abverkauf von US-Anleihen durch die japanische Notenbank – sie könnte auf diese Weise den Yen-Kurs stützen – verhindern wollte. Ein solcher Verkauf könnte – angesichts des extremen Schuldenbergs der USA – eine Kettenreaktion auf den Finanzmärkten auslösen. Ein weltweiter Abverkauf von US-Staatsanleihen würde die ohnehin rekordhohe laufende Zinsenlast stark erhöhen und damit das Budget vor den US-Zwischenwahlen im November entsprechend belasten.