„Nirgendwo“ im Vereinigten Königreich herrsche derzeit der Normalzustand, teilte das britische Umweltministerium am Montag mit. 71,3 Prozent des Landesteils seien mittlerweile in einem Dürrezustand. Dem britischen Wetterdienst zufolge fiel im Juli in England und Wales so wenig Regen wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – in England waren es nur zehn Prozent der üblichen Regenmenge.

Parks und Felder, die zu dieser Jahreszeit üblicherweise grün sind, sind ausgetrocknet und gelb. Vielerorts sinken die Flusspegel, und Landwirte warnten vor möglichen Lebensmittelengpässen infolge von Missernten – und das in einem Land, das für sein feuchtes Wetter bekannt ist. In den kommenden Tagen steht laut „Guardian“ die nunmehr fünfte Hitzewelle bevor, Niederschläge sind keine in Sicht.

Wegen der Dürre erließen auch die britischen Behörden zahlreiche Beschränkungen für landwirtschaftliche Betriebe sowie Bürger und Bürgerinnen. In einigen Regionen ist es etwa verboten, Pflanzen mit einem Gartenschlauch zu gießen. Insgesamt sind 27 Millionen Menschen von diesen Einschränkungen betroffen. Die Gesundheitsbehörden warnten zudem vor Auswirkungen auf die Gesundheit vulnerabler Gruppen sowie mehr Todesfällen.

„Jeder Liter zählt“

Wie England kämpft auch Deutschland mit den Auswirkungen der Dürre, vor allem im Westen und Süden. In Südhessen nahe Bayern bekämpfen die Einsatzkräfte mehrere Feuer, die sich zu einem größeren Brandgeschehen entwickelt hatten. Menschen wurden dringend zum Wassersparen angehalten, weil die Reserven für die Löscharbeiten benötigt wurden.

Die Kreiswerke Main-Kinzig riefen die Menschen am späten Montagabend über Warn-Apps dazu auf, ihren Wasserverbrauch „ab sofort auf das absolut Notwendigste zu reduzieren“. Grund sei der hohe Wasserbedarf bei den Waldbrandlöscharbeiten. Auf Duschen, Baden und das Bewässern von Gärten sollte verzichtet werden, „jeder Liter zählt“, hieß es.

Das anhaltende Niedrigwasser im Rhein zwingt erste Unternehmen in Deutschland zudem zu Produktionskürzungen. Südlich der Stadt Kaub drohe ein komplettes Abschneiden der Transportwege, sagte Thomas Puls, Verkehrsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der „Rheinischen Post“ (Dienstag-Ausgabe). Da weder Straße noch Schiene die anfallenden Güter aufnehmen könnten, sei die wahrscheinlichste Reaktion der Grundstoffindustrien eine Produktionsreduktion. Der Chemiekonzern Covestro meldete bereits Einschränkungen.

Frankreich ist laut den jüngsten Daten des Europäischen Dürreobservatoriums breitflächig und intensiv von der Dürre betroffen, besonders stark betroffen ist zudem Ungarn. Teile von Serbien und Rumänien, aber etwa auch Polen, Tschechien, die Slowakei, Italien, Belgien, die Niederlande, die Schweiz, Spanien und die Ukraine leiden unter Regenmangel. In Folge fielen die Pegel vieler europäischer Flüsse drastisch, darunter von Rhein, Donau und Po.

Weniger Kühlung für Atomkraftwerke

Im Atomstromland Frankreich wirken sich Hitze und Dürre auch auf die Energieproduktion aus: Der Betreiber EDF meldete am Sonntag einen neuen Höchststand bei Ausfällen seiner Kraftwerke, wie aus Berechnungen der Nachrichtenagentur AFP hervorgeht: Die Ausfallquote erreichte 15,6 Prozent.

Die insgesamt 57 Atomreaktoren des Landes, die üblicherweise rund 70 Prozent der Stromerzeugung decken, liegen allesamt an Gewässern, die der Kühlung dienen. Um Auswirkungen wie noch weiter steigende Wassertemperaturen zu verhindern, wird ihre Leistung bei Hitze und Dürre gedrosselt. Für Mitte der Woche werden in Teilen Frankreichs wieder bis zu 39 Grad erwartet.

Energienotstand in Rumänien

Das rumänische Atomkraftwerk Cernavoda wird in den nächsten zwei Tagen aufgrund des gesunkenen Wasserstands und Durchflusses der Donau ebenfalls die Abschaltprozedur einleiten. Die Abschaltung könnte mindestens zwei Wochen dauern, sagte der stellvertretende Generaldirektor der rumänischen Wasserbehörde am Dienstag.

Die Regierung in Bukarest rief für den gesamten August den Energienotstand aus. Rumänien verschaffte sich eine Atempause, indem es die Strömung in einem Donau-Abschnitt umleitete. Dafür wurden laut dem Energieministerium Felsbrocken gesprengt, das Flussbett ausgebaggert und vier mit Steinen gefüllte Lastkähne versenkt, um einen Deich zu errichten.

Unterdessen fährt Ungarn die Stromproduktion in seinem einzigen Atomkraftwerk Paks wieder leicht hoch, hieß es am Montag. Zuletzt lief das Kraftwerk nur mit etwa zehn Prozent seiner Kapazität. In beiden Ländern wurde zudem zum Stromsparen aufgerufen.

Zahlreiche Länder weltweit meldeten zuletzt Temperaturrekorde. Daten des Copernicus-Programms zeigen, dass im vergangenen Monat insgesamt rund 900 Millionen Menschen Rekordhitze ausgesetzt waren. Fast 400 Millionen von ihnen leben in Afrika, vor allem in der Sahelzone. Europa ist derzeit allerdings der sich weltweit am schnellsten erwärmende Kontinent.

In den USA war der heurige Juli offiziellen Angaben zufolge mit 24,9 Grad Celsius über alle 48 Bundesstaaten hinweg der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 130 Jahren. Bisher war der Juli 1936 der heißeste Monat in den USA gewesen. Auch die Ozeane waren laut dem EU-Beobachtungsdienst im vergangenen Monat weltweit so warm wie nie zuvor in einem Juli. Bereits im Juni hatten die Weltmeere einen Temperaturrekord erreicht.