„Entwickelt für Gemini Intelligence“, heißt es prominent im Werbematerial für Googles neue Pixel-11-Reihe, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Gemini-KI ist Sprachassistent, bearbeitet Fotos, filtert E-Mails und ist auch sonst in praktisch jeder Grundfunktion der Smartphones vertreten. Setzt man die Funktionen häufig ein, und darauf hofft Google offenbar, muss man ein Abo abschließen – und monatlich für die zusätzliche KI-Nutzung zahlen.

Das ist einer von vielen Ansätzen, mit denen Google aus seiner KI Geld machen will, denn immer noch fehlen – wie bei Anthropic und OpenAI – nachhaltige Geschäftsmodelle für den Einsatz der Google-KI. Erschwerend kommt hinzu, dass man der Konkurrenz bei KI-Modellen in der ersten Jahreshälfte leicht hinterherhinkt.

Gemini hinkt hinterher

Das angekündigte Spitzenmodell Gemini 3.5 Pro sollte bereits seit mehreren Monaten veröffentlicht sein, lässt aber weiter auf sich warten. Unterdessen sorgten Anthropic mit Claude Mythos und OpenAIs Sol weltweit für Schlagzeilen. Auch, weil man medienwirksam darauf hinwies, dass die Modelle so gefährlich sein könnten, dass man sie der breiten Öffentlichkeit vorerst nicht zugänglich mache.

Solche Schlagzeilen gelingen Google nicht, das KI-Geschäft läuft dennoch gut – aus einem anderen Grund: Der Suchmaschinengigant investiert Unsummen in Aufbau und Betrieb von Rechenzentren. In diese Infrastruktur mieten sich dann KI-Riesen ein und betreiben dort ihre Modelle: Darauf ist OpenAI genauso angewiesen wie Anthropic.

Interner Zwist um Rechenkapazitäten

Doch das sorgt am anderen Ende des Konzerns für Ärger, wie der Sender CNBC diese Woche berichtete. Bei Googles KI-Labor DeepMind wird offenbar kritisiert, dass Rechenleistung an Unternehmen vermietet wird, während sie diese selbst für die Forschung und Weiterentwicklung der KI-Modelle benötigten. CNBC bezieht sich auf einige Forschende, die nicht namentlich genannt werden.

Auch die Bürokratie innerhalb von Google soll für Frustration sorgen – und macht die Konkurrenz als Arbeitsplatz wesentlich attraktiver. Dabei war es Googles KI-Labor, damals noch in dem mittlerweile eingegliederten Forschungsteam Google Brain, das 2017 praktisch den Grundstein für alle heutigen Sprachmodelle gelegt hatte.

„Sie interessieren sich nicht für die Kommerzialisierung von KI, sie wollen Teil der Geschichte sein“, beschrieb ein Analyst gegenüber dem US-Sender die Einstellung der führenden KI-Forscherinnen und -Forscher. Deshalb würden diese zu OpenAI, Anthropic und diversen Start-ups abwandern.

Prominente Abgänge mit Folgen

Sichtbar wurde der Konflikt bei Google besonders in den vergangenen zwei Wochen: So verließ etwa Chefwissenschaftler Jeff Dean nach knapp 27 Jahren das Unternehmen. Er prägte die KI-Entwicklung im Konzern wesentlich mit und wurde intern als Superstar gefeiert. Gemeinsam mit drei anderen Google-Mitarbeitern gründet er nun ein Start-up, das sich ebenfalls dem Thema KI widmet. Das geschieht zwar mit Googles Unterstützung, aber nicht innerhalb des Konzerns.

Auch Demis Hassabis, bisher Chef von DeepMind, zog sich aus dem Tagesgeschäft zurück und bekleidet nun einen Vorstandsposten. Sein bisheriger Vize Koray Kavukcuoglu übernimmt dieses künftig und untersteht Google-Chef Sundar Pichai direkt. Dass Rollen getauscht und umbenannt werden, signalisiert nach außen einen strukturellen Umbau – und wenig Stabilität. Das schlug sich zuletzt auch im Börsenkurs nieder, der in den letzten Tagen einknickte.

Googles schwieriger Kampf um die Spitze

Für einige Beobachter wird der Umbau so gedeutet, dass sich Google mit dem Verkauf bestehender KI-Modelle an Unternehmenskunden begnügt und sich nicht mehr in den Wettkampf um die Speerspitze der Entwicklung einmischt. Bestehende Modelle seien „für 90 Prozent der anfallenden Aufgaben gut genug“, zitierte CNBC den Investor Dan Niles. „Dafür braucht man keinen Ferrari. Ein Ford reicht für 90 Prozent der Anwendungsfälle aus.“

Freilich stellt sich die Frage, ob man damit im Konkurrenzkampf mit OpenAI und Anthropic Kundinnen und Kunden anlocken kann. So oder so wird Google darauf hoffen müssen, dass die nächste Gemini-Version wieder etwas mehr in den medialen Fokus rückt, um Investoren mittelfristig zufriedenstellen zu können. Und ob das ohne Galionsfiguren wie Dean gelingt, bleibt abzuwarten.

Suchmaschinengeschäft mit Fragezeichen

Unklar ist auch, wie sich Googles ursprüngliches und immer noch wichtigstes Geschäftsfeld weiterentwickelt: Die Suchmaschine und die darauf zu findende Werbung versucht seit Monaten, sich gegen ChatGPT und Claude aufzustellen. Diese sind ja keine Suchmaschinen, sondern Chatbots, deren Nutzung enorm gestiegen ist.

KI-Zusammenfassungen auf der Suchseite führten bei Nutzerinnen und Nutzern zu gemischten Reaktionen. Ein Problem für Google ist jedenfalls immer noch, dass die Nutzerinnen und Nutzer dadurch tendenziell kürzer auf der Suchmaschinenseite bleiben und sich damit weniger Chancen ergeben, Werbung zu platzieren.

Zukunft des Suchknopfes offen

Am Montag wurde bekannt, dass Google nun eine Startseite ohne den bekannten „Google Suche“-Knopf testet. Stattdessen soll man direkt auf der Startseite Bilder mittels KI generieren können, außerdem wird ein KI-„Brainstorm“-Modus angeboten, wie die Seite Search Engine Watch berichtete.

Laut Google handle es sich um einen „kleinen Versuch“, außerdem verwies man darauf, dass man mit der Enter-Taste weiterhin suchen könne – was „ohnehin die meisten Menschen“ tun würden. Auch wenn der Knopf letztlich dort bleibt, wo er seit der Gründung 1998 ist: Der Suchmaschinengigant sieht offenbar großen Handlungsbedarf im Zuge des KI-Hypes – an verschiedenen Ecken des Konzerns.