Für die Einwohnerinnen und Einwohner vieler Städte in Taiwan gehören die jährlich abgehaltenen Übungen mittlerweile zum Alltag. Während Festnetz- und WLAN-Verbindungen bei der Übung am Donnerstag von der Drosselung unberührt blieben, wurde das mobile Internet erstmals stark verlangsamt. Dabei ertönten unter anderem in der Metropole Taipeh der Luftalarm sowie öffentliche Durchsagen und Leute erhielten Warnungen auf ihren Mobiltelefonen.

Datenlastige Anwendungen wie Videoanrufe, Streamingdienste und mobile Bezahldienste waren quasi unmöglich zu benutzen, Videos in sozialen Netzwerken luden so gut wie nicht, wie mehrere Personen dem „Guardian“ erzählten. Die Polizei leitete Passantinnen und Passanten zudem in Schutzräume, während Autos und Busse am Straßenrand anhielten. Die Straßen Taipehs waren während des 30-minütigen Alarms leergefegt.

70 Prozent der Bevölkerung von Übung betroffen

Die Übungen am Montag und am Donnerstag fanden in 14 Städten und Bezirken im Norden und Zentrum Taiwans statt und betrafen damit rund 70 Prozent der Bevölkerung des 23-Millionen-Einwohner-Landes. Laut den Behörden sollten die Übungen die Menschen dazu anregen, sich für den Notfall alternative Kommunikationswege bereitzuhalten. Taiwan will damit seine zivile Widerstandsfähigkeit angesichts wachsender militärischer Bedrohungen durch Peking stärken.

Im Zuge der Übungen wurden laut Focus Taiwan, der englischsprachigen Seite der taiwanesischen Nachrichtenagentur CNS, auch medizinische Notfälle simuliert, bei denen etwa medizinische Kapazitäten testhalber reduziert wurden, um die Aufrechterhaltung medizinischer Versorgung während eines Angriffes auf kritische Infrastruktur zu proben, beispielsweise die Wasser-, Strom- oder Sauerstoffversorgung.

Präsident Lai bei Übungen dabei

Taiwans Präsident Lai Ching-te besuchte am Donnerstag eine zu einer Notunterkunft umfunktionierte Tiefgarage in Taipehs Nachbarstadt Neu-Taipeh sowie einen Supermarkt, um sich über die Verteilung von Lebensmitteln im Ernstfall zu informieren. Begleitet wurde er von Diplomaten aus den USA, Israel und Kanada, wie unter anderem die „Taipei Times“ berichtete.

Taiwan will insbesondere von den israelischen Erfahrungen im Zivilschutz lernen. „Wir sind diesen regionalen geopolitischen Veränderungen nicht allein ausgesetzt“, erklärte Lai mit Blick auf die internationale Unterstützung. Auch Lai wurde im Zuge der jährlichen Übung wieder aus einer simulierten Gefahrenlage in Sicherheit gebracht, wie die „South China Morning Post“ („SCMP“) berichtete.

China nennt Übungen „sinnlose Farce“

Chinas Verteidigungsministerium bezeichnete die jährliche Übung Taiwans am Freitag als „sinnlose Farce“, die Kriegspanik schüren würde. Es war die erste und bis dato einzige Stellungnahme Chinas zu den zehntägigen Manövern. Die Volksrepublik betrachtet das demokratische Taiwan als eigenes Territorium, was die Regierung in Taipeh zurückweist.

Am Mittwoch erprobten die Marine Taiwans und die Küstenwache auch erstmals gemeinsam die Abwehr einer Seeblockade. Dabei eskortierten sie im Rahmen einer Simulation ein Handelsschiff an der Ostküste der Insel. Taiwan befürchtet, dass China im Konfliktfall versuchen könnte, das Land durch eine Blockade von der Außenwelt abzuschneiden. Peking hatte im Juni Patrouillen vor der Ostküste Taiwans aufgenommen, was in Taipeh und Washington Besorgnis auslöste.

Anfällige Unterseekabel

Wachsende Sorge in Taiwan gibt es vor allem auch hinsichtlich der Anfälligkeit des taiwanesischen Unterseekabelnetzes. Dieses besteht aus 16 internationalen und zehn inländischen Kabeln und wurde von der Regierung als „unersetzbare digitale Lebensader“ bezeichnet. In den letzten Jahren wurden mehrere Kabel beschädigt, wobei chinesische oder mit China in Verbindung stehende Schiffe beteiligt waren.

Taiwan strebt daher ein mehrschichtiges Kommunikationsnetzwerk an, um durch Störungen nicht von der Außenwelt abgeschnitten zu werden. Dazu gehören etwa auch Satellitendienste in der erdnahen Umlaufbahn, etwa das auch in der Ukraine eingesetzte Satellitennetzwerk Starlink von Tech-Milliardär Elon Musk. Taiwans Parlament schaffte zuletzt gesetzliche Gegebenheiten, die den Eintritt von Starlink in den taiwanesischen Markt ebnen könnten.

KI-gestützter Hackerangriff auf Taiwan

Die Anfälligkeit Taiwans zeigte sich zuletzt auch durch einen KI-gestützten Cyberangriff auf staatliche Behörden. Der „ungewöhnliche Angriff“ wurde bereits im Juli entdeckt, hieß es am Donnerstag. Welche Behörden betroffen waren und ob Daten gestohlen wurden, teilte das Digitalministerium nicht mit. Auch China, dem Taiwan immer wieder Hackerangriffe vorwirft, wurde nicht erwähnt. Die betroffenen Stellen hätten ihre Maßnahmen inzwischen abgeschlossen.

Die britische Zeitung „Financial Times“ („FT“) hatte einen Tag zuvor unter Berufung auf das israelische Cybersicherheitsunternehmen Dream, das unter anderen von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gegründet wurde, über einen neuartigen Angriff mutmaßlich mit China verbundener Hacker berichtet. Dream zufolge bauten die Angreifer aus frei verfügbaren KI-Agenten ein weitgehend autonom arbeitendes Werkzeug, das sich wie ein koordiniertes Hackerteam verhalten habe.

Anfang Juli habe das System über vier Tage zeitweise bis zu acht KI-Agenten gleichzeitig eingesetzt. Sie hätten 21 Netzwerke staatlicher Stellen erfasst, nach Schwachstellen gesucht und bei Widerstand ihre Vorgehensweise verändert. Mindestens 85 Regierungskonten seien geknackt und mehr als 2.500 Personaldatensätze abgezogen worden. Der Angriff habe sich auch gegen Taiwans Atomaufsicht und mindestens sieben Energieunternehmen gerichtet.

Das Cybersicherheitsunternehmen Dream ordnete die Attacke keiner bestimmten Art von Hackergruppe zu. Vereinfachte chinesische Schriftzeichen in der internen Kommunikation deuteten den Forscherinnen und Forschern zufolge jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Betreiber mit Verbindung zur Volksrepublik hin.