Wolkenloser Himmel, 30 Grad: Der Domplatz in St. Pölten ist autofrei, aber weitgehend leer. Die wenigen Menschen, die unterwegs sind, überqueren den Platz möglichst rasch. Fast alle gehen entlang der Sprühnebelanlage, bei der aus 360 kleinen Düsen am Boden, Wasser in mikroskopisch kleinen Tröpfchen in die Luft gesprüht wird. Durch die Verdunstung wird der Umgebung Energie entzogen, in unmittelbarer Nähe sinkt die Temperatur. Auch die Feuchtigkeit auf der Haut wird von den meisten Passanten als angenehm empfunden.

„Angenehm, aber umstritten“

„Es ist eine super Idee“, sagt Denise Stangl, „meine Tochter läuft gern durch. Das ist eine wunderbare Abkühlung.“ Kalina Strasser, weiß, dass der Wasserverbrauch der Anlage umstritten ist: „Viele beschweren sich darüber. Ich selbst hab aber keine Meinung dazu.“ Auch Joseph, der seinen Nachnamen nicht nennen will, sagt: „Es kann schon sein, dass viel Wasser verbraucht wird, aber auf diesem Platz ist es notwendig.“

Die Anlage ist täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr in Betrieb – außer an Markttagen, weil der Sprühnebel die Standbetreiber stören würde. Gesprüht wird bei Temperaturen über 22 Grad, allerdings nur, wenn die Luftfeuchtigkeit unter 70 Prozent liegt. Nach zehn Minuten Betrieb ist genauso lang Pause. So verbraucht die Anlage maximal 30 Kubikmeter Wasser pro Woche. Zum Vergleich: Die einmalige Bewässerung eines Rasen-Fußballplatzes benötigt 70 bis 140 Kubikmeter Wasser.

Denkmalschutz verhindert Bäume

Einige Passanten kritisieren, dass am Domplatz nicht mehr Bäume gepflanzt wurden. Laut Stadt sei dies wegen des Denkmalschutzes nicht möglich gewesen. Denn unter dem Domplatz sind Reste eines römischen Palastes und eines Friedhofs. Als Lösung wurden einige Bäume in überdimensionalen Kübeln aufgestellt, die bei Bedarf, etwa wenn Großveranstaltungen stattfinden, wegtransportiert werden können.

Ein paar hundert Meter stadtauswärts, bei der Promenade, gibt es keine Denkmalschutzbedenken: Hier wurde eine Fahrspur entfernt, um den Gehweg zu verbreitern und Bäume zu pflanzen. „In einigen Jahren werden diese Bäume groß und ausgewachsen sein. Dadurch wird der komplette Straßenzug beschattet, was deutlich kühlere Temperaturen bringt“, erklärt Franz Gruber, Leiter der Klimakoordinationsstelle St. Pölten.

Regenwasser soll versickern

Der Gehweg entlang der Promenade wurde mit Pflastersteinen so gestaltet, dass das Regenwasser einfach im Boden versickert. Auch von der Fahrbahn selbst werden die Niederschläge nicht in den Kanal, sondern auf die Grünflächen geleitet, um die Pflanzen dort zu bewässern. Lediglich im Winter, wenn bei Frostgefahr die Straße gesalzen werden muss, wird das Schmelzwasser in den Kanal geleitet.

Den kühlenden Effekt von verdunstendem Wasser haben schon die Römer gekannt: Am Europaplatz wurde bei der Neugestaltung 2022 ein Kunstwerk errichtet, das gleichzeitig als überdimensionale Klimaanlage dienen soll. Der „Windfänger“ ist eine fünf Meter hohe offene Rotunde mit einem Durchmesser von 13 Metern. Über 16.000 Tonziegel tröpfelt Wasser. Die Ziegel bleiben feucht, das Wasser verdunstet, durch die offene Bauweise strömt der Wind durch, der die kühle Luft im Idealfall Richtung Innenstadt bringen soll.

Kunstwerk als Klimaanlage

„Man kann nicht sagen, dass dadurch die Stadt merkbar abgekühlt wird“, sagt Martin Gruber-Dorninger von der Klimakoordinationsstelle St. Pölten, „aber wenn man ein paar Meter daneben steht, bemerkt man den kühlenden Effekt sofort.“ Auf den Wasserverbrauch angesprochen heißt es, dass auch beim Windfänger das eingesetzte Wasser im Boden versickere und dadurch die Pflanzen in der Umgebung bewässert werden.

Entscheidend für das Klima in St. Pölten sind die Frischluftströme, die kühle Luftmassen in die Stadt bringen. Die Stadtklimaanalyse 2025 habe gezeigt, dass St. Pölten über ein funktionierendes Netz an Leitluftbahnen verfüge. Das sind unverbaute Korridore, durch die kühle Luft in die Stadt strömen kann, wie die Westbahntrasse und die Traisen. Diese Erkenntnisse fließen nun in Flächenwidmungs- und Bebauungspläne sein, um natürliche Kühlungseffekte weiterhin nutzen zu können, heißt es seitens der Klimakoordinationsstelle St. Pölten.