Zu dem traditionellen Festakt in der Felsenreitschule sind zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur gekommen – nicht zuletzt, um die Festrede der belarussischen Bürgerrechtlerin Kolesnikowa zu hören. Diese hat in ihrer Heimat Protestkonzerte abgehalten und war fünf Jahre inhaftiert – noch bis vor gut sieben Monaten.

Festspielrede der Freiheitskämpferin Maria Kolesnikowa

In ihrer Rede sprach die Freiheitskämpferin eindringlich über Freiheit, Menschlichkeit, Demokratie und die Kraft der Kunst. 226 Tage nach ihrer Freilassung schilderte sie die Freude über einfache Dinge wie Sonne, Regen, Musik, Begegnungen und Umarmungen, erinnerte aber zugleich an jene Menschen, die weiterhin in Gefängnissen sitzen.

Aus ihrer mehr als fünfjährigen Haft leitete Kolesnikowa eine zentrale Botschaft ab: Ihr größter Sieg sei nicht nur das Überleben gewesen, sondern dass sie Hass und Angst nicht habe über sich bestimmen lassen. „Freiheit wird besonders kostbar, wenn man ihren Preis kennt“, sagte Kolesnikowa. Sie warnte vor wachsender Aggression, Misstrauen und Entfremdung in freien Gesellschaften und bezeichnete die Fähigkeit, einander wirklich zuzuhören, als eine der größten demokratischen Herausforderungen der Gegenwart.

„Sprechen ist ein Recht, Zuhören ist Verantwortung“, sagte die 44-Jährige. Demokratien gerieten nicht erst dann unter Druck, wenn die Menschen nicht mehr sprechen dürften, sie seien schon durch den Unwillen zum Zuhören gefährdet.

Gereiztheit und Misstrauen prägen das öffentliche Leben

Die Flötistin, die in Belarus fünf Jahre in Haft saß, betonte auch die Bedeutung der Diplomatie. Sie habe ihre Freiheit dem Umstand zu verdanken, dass Menschen selbst unter schwierigen Umständen nicht aufgehört hätten, miteinander zu sprechen. Umso mehr sei sie überrascht, wie „Gereiztheit, Misstrauen und wachsende gegenseitige Entfremdung“ inzwischen das politische und gesellschaftliche Leben prägten.

„Wenn du hasst, haben sie bereits gewonnen“

Kunst und Kultur beschrieb sie als Orte, an denen innere Freiheit bewahrt, Mitgefühl gelernt und gesellschaftliches Vertrauen gestärkt werden könne. Gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz, so Kolesnikowa, bleibe entscheidend, „wie menschlich wir bleiben“. Trotz ihrer Erfahrungen zeigte sie sich optimistisch: Demokratie lebe davon, Konflikte auszuhalten, Brücken zu bauen und den Dialog niemals aufzugeben. „Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug“, sagte Kolesnikowa.

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Festspiele mit Appell für Freiheit eröffnet

Der traditionelle Festakt in der Felsenreitschule war heute Vormittag der offizielle Start der Salzburger Festspiele. Das „Who is Who“ der österreichischen Spitzenpolitik, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft hat sich dafür in Salzburg versammelt. Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa war die heurige Eröffnungsrednerin. Sie ist erst vor wenigen Monaten aus politischer Gefangenschaft freigekommen.

„Heimat“ im Mittelpunkt der Rede des Bundespräsidenten

Bundespräsident Van der Bellen hat bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026 auf den Begriff Heimat fokussiert und vor dessen politischer Vereinnahmung gewarnt. Ausgehend von der belarussischen Oppositionellen Kolesnikowa und seiner eigenen Familiengeschichte als Kind von Geflüchteten sprach Van der Bellen über Migration, Zugehörigkeit und demokratische Verantwortung.

Heimat sei kein Besitzstand, sondern auch „ein Glück“ – und verlange Zusammenhalt, Kompromissfähigkeit und das Einstehen für liberale Demokratie, Menschenrechte und Kunstfreiheit. Zugleich rief der Bundespräsident dazu auf, Europa angesichts politischer Angriffe von außen unabhängiger zu machen und beim Klimaschutz entschlossen zu handeln.

Das Eröffnungskonzert in der Felsenreitschule dirigierte Vitali Alekseenok, belarussischer Musikerkollege der Festrednerin. Es begann mit der österreichischen Bundeshymne.

Der Musiker wurde 1991 in Belarus geboren. Aus politischen Gründen hat er seine Heimat aber schon vor ein paar Jahren verlassen und lebt mittlerweile in Deutschland. Alekseenok ist am Sonntag auch zu Gast im Radio Salzburg Cafe.

Plädoyer für den Einsatz des Herzens

„Das heurige Festspielprogramm stellt der kalten Vernunft die Macht des Herzens gegenüber“, unterstrich Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) in seinen Grußworten. „Es fragt, was uns in schwierigen Zeiten Orientierung gibt“, so der Kulturminister, der sich in seiner Rede dem Thema Vernunft in Zeiten von Klimakrise und Spaltung der Gesellschaft widmete.

„Als vermeintlich vernünftige Wesen akzeptieren wir gerade Entwicklungen, deren gefährliche Folgen wir aus der Geschichte längst kennen“, mahnte der Vizekanzler, der in diesem Zusammenhang auch Ingeborg Bachmann zitierte: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“

Senta Berger trug Reinhardt-Text vor

Den Zustand der Welt und insbesondere der Theaterkunst beschrieb Max Reinhardt, einer der Gründerväter der Festspiele, in einem 1943 entstandenen Text, den die Schauspielerin Senta Berger leidenschaftlich vortrug: „Heutzutage ernsthaft Theater zu spielen ist im Grunde genommen eine Donquichoterie. Das heißt mit künstlerischen Idealen ankämpfen zu wollen gegen die ungeheuren Windmühlen, die im Sturm unserer Zeit klappern“, heißt es in dem Text, der in weiten Teilen aus der Gegenwart stammen könnte.

„Die Salzburger Festspiele sind eröffnet“

Mit den Worten „Die Salzburger Festspiele sind eröffnet“ entließ Van der Bellen nach der fast zweistündigen Eröffnung das Publikum in einen regnerisch-kühlen Sommertag, der am Sonntagabend mit der Premiere von Bizets „Carmen“ unter dem Dirigat von Teodor Currentzis und am Montagabend mit der Uraufführung von Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ in der Regie von Jossi Wieler aufwartet.

Bis einschließlich 30. August stehen über 170 Aufführungen in 45 Tagen an 19 Spielstätten sowie 37 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“ auf dem Programm.