Schon 1939 wurden erste Testanlagen gebaut, ab 1944 war die so genannte „Heeresversuchsstelle Mittersill“ dann voll in Betrieb. Sie war dem Oberkommando von Hitlers Wehrmacht in Berlin direkt unterstellt.

Hauptzweck war neben der Versorgung von Truppen im Kampf gegen die Alliierten in Italien die so genannte „Alpenfestung“. Und damit ein von Straßen und Eisenbahnen unabhängiger Nachschub für das deutsche Militär, der über den Alpenhauptkamm laufen sollte. Dabei sollten auch Abwehrstellungen im Gebirge mit Soldaten, Munition und Ressourcen schnell versorgt werden können.

Es gab daneben auch offensive Pläne: Wehrmacht und SS sollten diese neuen und effizienten Technologien auch bei laufenden und künftigen Eroberungskriegen nutzen können.

Nachschub für Hitlers „Alpenfestung“ – ohne Straßen

Der frühere Mittersiller Gendarmerie-Postenkommandant und Bürgermeister Walter Reifmüller (SPÖ) arbeitet in dem Team zur Erforschung und Dokumentation von Relikten mit – als Alpinist mit 89 Lebensjahren selbst noch immer viel in den Bergen unterwegs: „Die längste Seilbahn bei diesem Projekt war für die Überquerung der Hohen Tauern vorgesehen. Von Mittersill ins Felbertal über das Nassfeld zur St. Pöltener Hütte und dann weiter nach Osttirol. Sie sind beim Bau aber nur bis zum Nassfeld gekommen, dann war Kriegsende.“

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Zwei riesige Stützen, Simulation für den Kaukasus

Im Mittersiller Ortsteil Lend gab es neben dem Hauptprojekt eine riesige Versuchsanlage mit zwei 80 Meter hohen Stützen – eine aus Stahl, eine aus Holz. Beide waren über 1.400 Meter mit einem Stahlseil verbunden. Diese Seilbahn sollte die Funktionsweise bei der Überquerung großer Flüsse simulieren, an denen keine Brücken gebaut werden konnten – zum Beispiel für den Gebirgskrieg gegen die Sowjetunion im Kaukasus.

Bei diesem Projekt ging es darum, wie stark das Tragseil bei verschiedenen Lasten durchhängt, welche Kräfte auf Fundamente und Abspannungen wirken. Auch die Folgen von Wind und Wetter wurden genau erforscht. Die riesigen Stützen standen nach Kriegsende noch jahrelang in der Landschaft.

Mittlerweile seien das Team in Kontakt mit Nachfahren des damaligen Projektleiters Ferdinand Brehm, erzählt die Mittersiller Stadtarchivarin Gundi Egger: „Sein Enkel will herausfinden, wo der Großvater damals wohnte. Wir helfen ihm dabei. Er hat sehr viel Material, Fotos und Unterlagen aus dieser Zeit. Die Familie des leitenden Ingenieurs lebte damals in Konstanz am Bodensee.“

Saalbacher Hotelier baut 1946 ersten Skilift

Schon kurz nach Kriegsende begann die Wiederverwertung der vielen Werkzeuge, Maschinenteile und Stahlseile. Im nahegelegenen Saalbach hatte der Hotelier Hans Dschulnigg unmittelbar nach seiner Heimkehr aus dem Krieg gehört, dass in Mittersill diese teure Technik samt Spezialausrüstung herumliege, erzählt Walter Reifmüller: „Da sind dann schlaue Leute nach Mittersill gekommen und haben sich hier bedient – mit Erlaubnis der Amerikaner, die mittlerweile im Land waren.“

Am 17. Februar 1946 ging dann in Saalbach der erste Schlepplift Salzburgs in Betrieb – der Kohlmais-Lift. Dort steht heute die ultramoderne Kohlmais-Kabinenbahn.

Fachleute interessieren sich bei diesem Forschungsprojekt auch für die ersten Anlagen bei Zell am See (ebenfalls Pinzgau) oder im Gasteiner Tal (Pongau). Und ob diese auch mit Material aus Mittersill bestückt waren? Es geht dabei um die Skigebiete Schmittenhöhe, Stubnerkogel, Graukogel, Bellevue-Alm und das Gebiet der Jungeralm. Auch hier steckt die Forschung erst in den Kinderschuhen.

Warum Mittersill als Testgebiet der Wehrmacht?

Der Start dieser Forschung erfolgte 1940 im nahen Hochfilzen – in den Kitzbüheler Alpen des Tiroler Unterlandes. Schon bald verlegte man die Versuchsanstalt nach Mittersill. Die damalige Marktgemeinde und heutige Stadt bot den Technikern und Pionieren der Wehrmacht viel bessere Bedingungen:

Bahnhof an der schmalspurigen Pinzgauer Lokalbahn

breites, flaches Tal für große Versuchsfelder, Materiallager, Werkstätten

Salzach als künstlich zu überwindendes Hindernis

steile Hänge und Hochgebirge unmittelbar neben dem Talboden

Felbertal als lange, alpine Nord-Süd-Achse

verschiedenste Höhen-, Schnee- und Wetterbedingungen für Tests in geringer Entfernung zum Werksgelände

Das früher sumpfige Areal auf der so genannten Lend bei Mittersill wurde trockengelegt, aufgeschüttet und durch eine Brücke über die Salzach unmittelbar an den Bahnhof und die Pinzgauer Lokalbahn angebunden. Dort standen große Montagehallen mit Gleisanschluss.

Tiroler Historiker schreibt von Widerstandsgruppe

Laut Mittersiller Ortschronik – 1985 publiziert von dem Osttiroler Historiker und Verleger Michael Forcher – bestand das Forschungspersonal der „Heeresversuchsstelle“ aus hochqualifizierten Technikern und Naturwissenschaftlern.

Diese hätten hier abseits von Partei, Gestapo und SS arbeiten können. Das habe auch die die Bildung einer Widerstandsgruppe ermöglicht, die mit Hilfe vorhandener Geräte und Fahrzeuge nachts aktiv gewesen sei. So seien gegen Kriegsende Waffen und Material, die für eine Panzerschlacht beim Pass Thurn vorgesehen waren, beseitigt worden, schreibt Forcher. Dadurch seien Kampf- und Zerstörungspläne der SS im Oberpinzgau vereitelt und die Ankunft der United States Army erleichtert worden.

Wo finden sich noch Fotos und Hinweise?

Haben Sie Relikte? Alte Briefe? Postkarten? Die Bevölkerung wird gebeten, historisches Material über die ehemalige „Heeresversuchsstelle Mittersill“, zeitgenössische Fotos, Dokumente von Erzählungen und schriftliche Aufzeichnungen von Vorfahren und Zeitzeugen kurzfristig zur Verfügung zu stellen. Für die Anfertigung von Kopien und für Forschungszwecke.