Mit seiner Sommertour sucht der Bundeskanzler nach eigener Aussage die Nähe der Bürgerinnen und Bürger, um deren Fragen zur Regierungsarbeit direkt zu beantworten. Fragensteller mussten allerdings selbst zahlreiche Fragen beantworten, um zu dem Treffen eingeladen zu werden.
Das Auswahlverfahren für das Publikum, um dem Kanzler direkt Fragen stellen zu dürfen, war im Vorfeld vor allem von der FPÖ heftig kritisiert worden. Dass alle Fragen ungefiltert zugelassen wurden, zeigte sich im Saal des Salzburger Hotel Pitter aber gleich zu Beginn der Diskussion. Per Handzeichen meldeten sich die 200 Zuhörerinnen und Zuhörer zu Wort. Die Bandbreite ihrer Fragen war dabei groß.
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96 Stunden Kinderbetreuung pro Woche
Für Aufregung sorgt dabei eine Aussage des Kanzlers auf die Frage einer Besucherin, zur Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Arbeit, die vor allem Mütter oft vor große Herausforderungen und Belastungen stelle. „Ist Ihnen bewusst, von welchen Zahlen wir hier sprechen“, fragte die eingeladene Besucherin im Publikum. „Frauen leisten im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit – ohne Sonntagszuschlag, ohne Wochenende, ohne bezahlten Urlaub“. Immer mehr Frauen würden sich bewusst gegen Kinder entscheiden, weil sie die Doppelbelastung von Job und Kinderbetreuung nicht mehr bewältigen würden.
„Ich würde das nicht als Arbeit sehen“
Für ihn sei die Betreuung von Kindern zu Hause keine Arbeit, entgegnete der Bundeskanzler. „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich“, so Stocker. Aber man müsse ja nicht einer Meinung sein. „Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen. Wenn wir Familien als ‚Business Case‘ sehen, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe“, so der Kanzler weiter.
Familie sei Verantwortung füreinander, Familie bedeute „Ja“ zueinander zu sagen, Familie bedeute für ihn etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen, antwortete Stocker. "Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel.“
Auf der Social-Media-Plattform „Bluesky“ reagierte die Bundessprecherin und Klubobfrau des Grünen Parlamentsklubs, Leonore Gewessler, Donnerstagabend entrüstet: „Herr Bundeskanzler, Mamas lieben. Mamas arbeiten. Mamas kümmern. Mamas arbeiten. Mamas stemmen Unglaubliches. Mamas arbeiten. Mamas halten dieses Land am Laufen. Mamas arbeiten. Unbezahlt. Sie verdienen keine Verhöhnung. Sondern eine Entschuldigung.“
Auch FPÖ-Bundesparteiobmann Herbert Kickl sieht in Stockers Aussage eine „Verhöhnung der Mütter“, ebenso wie seine Parteikollegin, Landeshauptfrau-Stellvertreterin und Familienlandesrätin Marlene Svazek, die sie als „unverschämt und zynisch“ kritisiert. Svazek fordert am Freitag in einer Aussendung eine Entschuldigung des Kanzlers bei Müttern und Vätern.
Bundeskanzler aus Sommertour in Salzburg
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat auf seiner Österreich-Tour durch die Bundesländer am Donnerstag in der Stadt Salzburg Station gemacht. Der Regierungschef sucht damit nach eigener Aussage die Nähe der Bürgerinnen und Bürger, um deren Fragen zur Regierungsarbeit zu beantworten.
Themen sollen im Herbst besprochen werden
Mit Station sechs in Salzburg hat Stocker zwei Drittel seiner Sommer-Diskussionstour durch Österreich bereits hinter sich. Einiges daraus will er im Herbst im Bund aufgreifen. „Das ist die Ausbildung im Sanitätswesen, der Rettungssanitäter – hier wird sehr oft der Wunsch geäußert eine einheitliche Ausbildung zu schaffen. Das ist aber nur eines der Themen – beispielhaft – denen wir uns widmen sollten“, so Stocker nach der Veranstaltung im ORF-Interview.
Ob Stockers Kalkül, Bürgeranliegen persönlich zu sammeln, politisch aufgeht, wird die weitere Regierungsarbeit im Herbst weisen.