Seit knapp vier Jahren ist Berthold Grünen-Landessprecherin in Salzburg und seit gut drei Jahren Klubvorsitzende der kleinsten Oppositionspartei im Landtag.
Karl Kern, ORF Salzburg: Herzlich willkommen, Frau Berthold, zum diesjährigen Sommergespräch. Wir sind hier auf dem Gaisberg, auf halber Höhe gewissermaßen. Warum der Gaisberg und warum das Gasthaus Mitteregg? Sie haben sich das ausgesucht, muss ich dazu sagen.
Martina Berthold, Landessprecherin „Die Grünen“: Der Gaisberg ist unser Hausberg und ein Berg, den ich in unterschiedlichsten Situationen kenne. Im Sommer, im Winter, im Frühling mit dem Rad, zu Fuß. Es ist einfach so ein tolles Naherholungsgebiet für die Salzburgerinnen und Salzburger. Das vor der Haustür zu haben, ist ein Segen.
ORF: Wir haben heute den vermutlich heißesten Tag im Jahr. Sie haben einen Fächer mitgebracht, den habe ich Ihnen gleich einmal weggenommen. Da steht nämlich drauf, gegen heiße Luft. Ist das irgendwie eine indirekte Aufforderung, Politikerinterviews abrupt zu beenden oder was ist das?
Berthold: Also erstens einmal ist der Fächer meine kleine Kühlanlage. Die brauche ich, weil es wirklich heiß ist. Und es geht ja nicht nur mir so. Also diese hohen Temperaturen, die belasten ganz viele Menschen. Und es ist auch ein Zeichen, dass wir was tun müssen. Es ist schön, wenn man zu Sommerfesten einlädt, wie die Frau Landeshauptfrau. Aber die Politik muss auch schauen, dass die Menschen gut leben können. Dass es nicht über 30 Grad in Seniorenwohnhäusern hat, dass es nicht über 30 Grad in Wohnungen hat und dass Menschen, die sich Außenjalousien nicht leisten können oder in Schulen und Kindergärten, die Kinder wirklich fast „gegrillt“ werden – Da muss die Politik ansetzen und daher ist es gut, wenn man sagt, gegen heiße Luft.
ORF: Ist dieses „ins Tun kommen“ ein bisschen das Problem der Politik derzeit? Oder kommt man „ins falsche Tun“ in ihren Augen?
Berthold: Also wenn ich so unterwegs bin jetzt in den Gemeinden, dann merke ich, dass die Menschen unzufrieden sind mit dem, wie jetzt gerade Politik gemacht wird.
Langversion des Sommergesprächs mit Martina Berthold
Im ORF-Salzburg-Sommergespräch spricht die Landessprecherin der Salzburger Grünen, Martina Berthold, über zentrale politische Herausforderungen wie Klimaschutz, den Umgang mit hohen Temperaturen und die Notwendigkeit, politische Entscheidungen näher an die Bedürfnisse der Menschen zu bringen.
ORF: Der Gegensatz zum „ins Tun kommen“, ein bisschen „ins falsche Tun“ kommen vielleicht, wenn man sich die Politik der letzten Wochen, Monate anschaut. Ich habe mir auch Ihren Facebook-Account angeschaut, jeder zweite Eintrag zeigt, Martina Berthold beim Wandern, beim Skitouren gehen, beim Radfahren, beim Bogenschießen, das hat nichts mit ihrer politischen Tätigkeit zu tun. Ist das das richtige „Tun“, das Sie hier vermitteln oder braucht man das, um sich zu positionieren?
Berthold: Ich glaube, Sie haben meinen privaten Account angeschaut, nicht den politischen, weil beim politischen Account…
ORF: Das kann man schwer trennen, oder?
Berthold: Ich habe zwei Accounts. Beim politischen Account geht es ganz klar um das Thema Hitzeschutz. Das heißt, wir haben, wie Sie schon gesagt haben, Temperaturen, die weit über 30 Grad sind. Für die Menschen ist das nicht ein Sommer wie damals, sondern das ist extrem belastend. Und wenn ich da zum Beispiel auf der Schranne unterwegs bin, mit den Menschen rede, dann sagen sie ja, da braucht es einfach mehr. Und das Thema des Klimaschutzes, das kommt jetzt in einem anderen Gewand daher. Das kommt daher mit dem, wie schaffe ich es in zehn, 20 Jahren? Wie geht es mir, wenn ich 80 bin? Wie geht es meinen Eltern? Und ich selber habe wirklich Sorge um meine Eltern, um meine Schwiegermutter, die über 90 ist. Kann die noch hinausgehen am Nachmittag? Das geht einfach nicht mehr, weil es zu heiß ist. Da muss die Politik wirklich mehr ins Tun kommen. Da ist politischer Wille gefragt.
ORF: Die Grünen, die werden nächstes Jahr 50. Man ist längst von einer Bewegung zu einer etablierten Partei mutiert, sind sie auch saturiert geworden?
Berthold: Nein, das sage ich ganz klar: Nein. Die Grünen sind Menschen, die haben das Ohr bei der Bevölkerung, bei den Leuten, bei den Frauen. Wie geht es denen wirklich? Bei den Familien? Wir haben Hochsommer, die Familien ringen darum, wie Kinder gut betreut werden. Also das sind Themen, wo ich merke, dass die aktuelle Politik viel zu wenig hinschaut, was brauchen die Menschen wirklich.
ORF: Jetzt sind Sie in der Landespolitik, man möchte fast sagen naturgemäß als Oppositionspartei, mit wenig zufrieden, was Schwarz-Blau da so alles macht. Etwa mit dem Integrationsleitbild, mit dem Schlagwort „Heimat erhalten, Vielfalt gestalten“. Die FPÖ freut sich aktuell über einen deutlichen Rückgang beim Sozialhilfebezug für Asylmigranten. Eine Freude, die Sie vermutlich nicht so teilen können, oder?
Berthold: Das, was wir kritisieren in der Integrationspolitik, ist, dass sie rein sicherheitspolitisch angeschaut wird. Es ist ganz klar, Menschen, die zu uns kommen, müssen unsere Gesetze einhalten. Also da gibt es überhaupt keine Diskussion. Das sage ich auch ganz klar als Frauenpolitikerin. Keine Diskussion über die Rechte der Frauen. Punkt. Aber gleichzeitig muss ich die Menschen auch fordern und unterstützen, dass sie selbstständig hier leben können.
ORF: Jetzt weiß man ja nie, wie die nächste Wahl ausgeht. Aber rechnen Sie mit einer Fortsetzung von Schwarz-Blau, eventuell Blau-Schwarz, je nach Ergebnis mit umgekehrten Vorzeichen? Oder rechnen Sie überhaupt mit einer freiheitlichen Landeshauptfrau?
Berthold: Hinter den Kulissen merken wir schon, dass die Spannungen steigen. Ich glaube, die Regierung wird sich beim Doppelbudget noch einmal gemeinsam am Riemen reißen. Aber es wird sicher spannungsgeladener in den nächsten Monaten.
ORF: Wenn Sie diesen Showdown zwischen Karoline Edtstadler (ÖVP) und Marlene Svatzek (FPÖ) ansprechen, nennen wir es einmal so, befürchten Sie, dass die Grünen da irgendwo dazwischen durchfallen – auch in der medialen, in der öffentlichen Wahrnehmung, in der ganzen Diskussion?
Berthold: Schauen Sie, wir haben heute einen Tag, da wir jetzt weit über 30 Grad haben. Das sind Themen, die die Menschen wirklich intensiv berühren, die reingehen. Das ist kein Sommer wie damals. Das sind diese Themen, die einfach den Menschen Sorgen machen. Und die greifen wir auf.
Karl Kern, ORF Salzburg: Frau Berthold, ich danke fürs Gespräch.
Martina Berthold, Landessprecherin „Die Grünen“: Gerne.