„Wir sehen auf diesen Fotos die Gletscher der Hohen Tauern in einem Zustand, wie er in der Vergangenheit noch nie dokumentiert wurde. Alle Reserven sind nun aufgebraucht. Und es liegen im schlimmsten Fall noch zwei bis drei Monate Schmelze vor uns“, fasst die Gletscherforscherin Andrea Fischer von Österreichs Akademie der Wissenschaften den aktuellen Stand zusammen. Sie stammt aus St. Johann (Pongau).

Vermutlich ein unterirdischer See als Wärmequelle

Beginnen wir mit der Pasterze. Ihre allerletzte Verbindung vom unteren Teil zu ihrem Nährgebiet auf dem Oberen Pasterzenboden hat nur noch etwa die Größe eines Hochhauses. Früher sah man hier antarktische Ausmaße, die über Jahrhunderte bestanden. Es gab bisher von dieser Ecke kaum aussagekräftige Fotos – weder frontal, seitlich oder von oben. Der erste Fotograf war vor zwei Wochen der Pinzgauer Berg- und Skiführer Daniel Breuer auf einer Hochtour im Glocknergebiet, von dem wir auch Bilder in der Galerie verwenden dürfen.

In dieser Woche gelang es dem ORF dann noch, aus einem kleinen Flugzeug einen neuen Blick auf diesen hintersten Winkel der Hohen Tauern bei Heiligenblut zu werfen, direkt an der Grenze zu Salzburg. Aus einer besonders großen Flughöhe, mit lichtstarkem Tele bzw. Weitwinkel-Objektiv von außerhalb des Nationalparks:

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Über Kals der schräge Blick von weit oben

Bessere Fotos waren das Ziel in den letzten Wochen – eine heikle Aufgabe. Der Großglockner (3.798 Meter) und seine nähere Umgebung liegen komplett im Nationalpark Hohe Tauern. Dort herrscht Flugverbot – für Drohnen, Hubschrauber und Flugzeuge.

Wir haben alle Fotos – nicht nur die von Glockner und Pasterze – aus sehr großen Flughöhen aufgenommen, die meisten seitlich schräg und immer außerhalb des Nationalparks, in der Nähe seiner Grenzen.

Bei Kals im nahen Osttirol reicht jedoch der freie, legal und ohne Genehmigung von Austro Control befliegbare Luftraum bis in eine Höhe von 14.500 Fuß (ca. 4.500 Meter Seehöhe) hinauf – direkt an der Nationalparkgrenze. Von dieser Position aus kann man schräg nach unten und über den Glockner, Glocknerwand (3.721 Meter) und Hofmannspitze (3.722 Meter) schauen – direkt auf das fotografische Zielgebiet.

„Das sind nun sehr schöne Bilder von etwas sehr Grauslichem und Einmaligem geworden“, sagt Gletscherforscherin Fischer: „Man sieht hier genau, das letzte Ding ist hohl und steht da wie ein Zapfen. Die Lichtstimmung passt auch zum allgemeinen Welteisuntergang.“

Die Expertin ist überzeugt, dass neben dem links auf den Felsen sichtbaren Wasserfall unter dem Eis noch ein zweiter verborgen ist, ein möglicherweise viel größerer, der den ganzen Pasterzenboden und die höhergelegenen Teile des Gletschers massiv entwässert: „Das heißt auch, dass unter dem flachen Teil der Pasterze ein unsichtbarer See ist. Da ist alles hohl und eine Wärmequelle – auch im Winter, wenn es unter freiem Himmel wieder kälter ist. So ähnlich ist auch der unterste Teil beim Schlatenkees im Gebiet des Großvenedigers zusammengebrochen und verschwunden“, sagt Fischer.

Schlapperebenkees in Gastein verschwindet bald

Auf der Flugroute dieser Woche lag auch das Schareck (3.123 Meter) im hinteren Gasteiner Tal – im Tauernhauptkamm an der Grenze zu Oberkärnten:

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Vor 40 Jahren noch leuchtendes Blau

Nicht nur für Einheimische frustrierend ist hier der Zustand des einst so mächtigen Schlapperebenkees über dem Hochtal des Nassfeldes (Sportgastein). Vor 40 Jahren noch gab es hier ein vom Talboden aus gut sichtbares „Gletscherauge“ – einen Felsriegel, neben und über dem ein mächtiger Eispanzer in Pastellblau thronte und weithin leuchtete. Nun liegt das Kees – vom Tal aus längst unsichtbar – schon fast im letzten Stadium. Es hat sich komplett auf die tiefste Sohle seines riesigen Kars zurückgezogen.

„Berg schält sich wie bei Sonnenbrand“

Bizarr erscheint hinten zwischen Weinflaschenkopf (3.008 Meter) und Schareck ein neuer Felssturz, bei dem große Teile des Tauernhauptkammes nach Norden abgestürzt sind. Der Salzburger Landesgeologe und staatlich geprüfte Berg- und Skiführer Gerald Valentin sagt, die helleren Bereiche würden auf eine Kluftfläche hindeuten: „Eine Schwächeschicht im Gestein. Früher hat der Gletscher diesen Bereich abgestützt. Hier ist nun die Felsmasse entlang dieser Fläche abgebrochen. Wir haben dazu noch den auftauenden Permafrost als Einflussfaktor.“

Glaziologin Fischer sagt dazu, hier schäle sich der Berg mittlerweile „wie bei einem Sonnenbrand“. Das sei – auf andere Art als bei der Pasterze – ebenfalls gruselig: „Die oberste und aufgelockerte Schicht gleitet als Ganzes ab. Solche Szenarien sehen wir zwischen Ötztaler Alpen und Hohen Tauern immer öfter – mit und ohne Gletscher, manchmal auch nur im Permafrost.“

„Mölltaler Gletscher“ als Mondlandschaft

Weil man das Schareck nicht direkt von Nord nach Süd überfliegen darf – wegen der Nationalparkzone und des damit verbundenen Flugverbotes auf Gasteiner Seite, muss man für die Betrachtung der Südseite in Oberkärnten einen weiten Umweg nehmen. Bis hinüber zur Glocknerstraße zum behördlich freigegebenen Flugkorridor zwischen Fusch (Pinzgau) und Heiligenblut:

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Nackte Felsen

Auf Kärntner Seite des Scharecks liegt das Wurtenkees bzw. das Ski- und Liftgebiet „Mölltaler Gletscher“ bzw. das, was davon noch übrig ist. Hier erwartet den Betrachter eine von Sonne und Hitze übel zugerichtete Gletscherleiche samt Mondlandschaft. Fachleute fragen sich, ob hier künftig überhaupt noch ein Pistenbetrieb stattfinden kann? Wenn nicht genug Natur- oder Kunstschnee auf dem nackten Bett der Felsflanken zu liegen kommt.

Riesengletscher im Stubachtal ist zerfallen

Und diese Galerie zeigt deutlich, wie wenig vergletscherte Fläche insgesamt nur noch in der Granatspitz-Gruppe im Salzburger Stubachtal (Oberpinzgau) vorhanden ist – beim Stubacher Sonnblick (3.088 Meter):

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Schlatenkees ist abgerissen

Das einst so stolze Schlatenkees auf der Ostseite beim Großvenediger (3.657 Meter) ist in den letzten Wochen endgültig abgerissen und damit von seinem Gletschersee getrennt – beim höchsten Berg des Landes Salzburg:

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Viele Gletscher schon seit Mitte Juli schneefrei

Vor Jahrzehten sah man in den Hohen Tauern das blanke Eis erst ab Ende August, Anfang September. Bis weit in den Herbst waren die höchsten Teile der Gletscher von Altschnee geschützt.

Forscherin Andrea Fischer verweist auf den ersten Extremsommer im Jahr 2003, wo es auf vielen Gletschern Österreichs erstmals einen Nettoverlust bei der Eismasse in allen Höhenlagen gegeben habe. Dann sei der Sommer 2022 gekommen – mit einem durchschnittlichen Dickenverlust von erstmals mehr als drei Metern. Der heurige Sommer bringe nun wieder eine neue Dimension: „Die Gletscher sind schon seit Mitte Juli bis ganz oben schneefrei. Das dunkle, mittlerweile dünne und wassergesättigte Eis schmilzt nun noch rascher – auch in der Nacht. Wir übertreffen heuer die Schmelzraten von 2022.“

Neue und tückische Gefahren für Bergsteiger

Glaziologin Fischer ist seit Jahrzehnten auch alpinistisch tätig, eine sehr erfahrene Bergsteigerin, Kletterin und früher preisgekrönte Eiskletterin. Sie hört von befreundeten Bergsportlern immer wieder Berichte über verstärkten Stein- und Eisschlag – auch über plötzlich zusammenbrechende Gletscherflächen, unter denen es riesige Hohlräume gebe: „Ich wundere mich immer, dass bei Touren offenbar kaum jemand umkehrt. Wir haben hier völlig neue Gefahren im Hochgebirge, und ich glaube, das wird von vielen noch immer unterschätzt.“

Mehr Sperren von Hütten und Wegen

Die extremen Schmelzraten und der auftauende Permafrost führen in den Westalpen zur Sperre von immer mehr Hütten und Anstiegsrouten – zuletzt am Donnerstag auf der französischen Seite des Mont Blanc. Fischer ist überzeugt, dass solche Szenarien auch die Zukunft der Ostalpen bestimmen werden.