Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Eine über 80-jährige Frau mit weit fortgeschrittener Alzheimerdemenz, die seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, inkontinent war, nicht mehr selbstständig gehen konnte und rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen war, erwacht knapp 20 Stunden nach der Gabe von rund fünf Gramm psilocybinhaltigen Pilzen – „Magic Mushrooms“ – frühmorgens aus einem tiefen, von Fieber und starkem Schwitzen begleiteten schlafähnlichen Zustand und redet plötzlich wieder. In vollständigen Sätzen erzählt sie stundenlang aus ihrem Leben.

So geschehen im brasilianischen Sao Paulo, wie ein Team um den Psychiater Marcos Lago kürzlich im Fachjournal „Frontiers in Neuroscience“ berichtete. Auch ihre Angehörigen erkannte die Patientin wieder. Am darauffolgenden Tag konnte sie selbstständig gehen, einen weiteren Tag später bildete sich auch ihre Harninkontinenz zurück und sie zog sich erstmals seit Jahren wieder selbstständig an. Knapp eine Woche nach Verabreichung der Pilze fragte die Frau sogar korrekt nach realen Personen und wirkte insgesamt viel aufmerksamer als davor.

„Kann auch Zufall sein“

Für Laien mag dieser Einzelfall, der international auch in Fachkreisen für großes Aufsehen gesorgt hat, wie eine Wunderheilung anmuten. Für den Psychiater Johannes Jungwirth, der Psilocybin an der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich bei Menschen mit schwer behandelbarer Depression einsetzt, aber selbst nicht in die Behandlung dieser Alzheimerpatientin eingebunden war, sind die Schilderungen wenig überraschend: „Einige Forschende machen sich schon länger Gedanken darüber, dass so etwas möglich sein könnte. Das liegt an der Psychopharmakologie von Psilocybin.“

Dieses wird im Körper zu Psilocin umgewandelt, das den Serotoninrezeptor 5-HT2A aktiviert und so einerseits zu vermehrter Ausschüttung des „Glückshormons“ Serotonin beiträgt, andererseits aber auch die Neuroplastizität, also die Veränderungsfähigkeit des Gehirns fördert. „Eine neuroplastische Nervenzelle kann wieder wachsen und neue Synapsen bilden. Und Psilocybin verbessert diesen Prozess“, erklärt Jungwirth.

Bei einer Alzheimererkrankung sind kognitive Funktionen zunehmend eingeschränkt. „Wenn man die Neuroplastizität durch die Gabe von Psilocybin erhöht, dann erhöht man auch die Lernfähigkeit, und es kann vielleicht Neues gelernt oder Altes wieder aktiviert werden – so die Theorie.“ Aber der Psychiater warnt vor übertriebenen Hoffnungen. Der Fall dieser Patientin „kann auch Zufall sein“.

Wirkung bei Depression

Tatsächlich sind die schweren Symptome der Alzheimerdemenz bei der Frau nach einigen Wochen und trotz nochmaliger Gabe einer geringeren Dosis der psychoaktiven Substanz wieder zurückgekehrt. Auch das sei nicht verwunderlich, sagt Jungwirth. „Bei Alzheimer gehen ganze Nerven zugrunde, die können nicht ersetzt werden, auch nicht durch Psilocybin.“

Bei der Behandlung von Depressionen hingegen, wo die Wirkung von zumeist synthetisch hergestelltem Psilocybin seit vielen Jahren Gegenstand der Forschung ist, erzielt man damit recht gute Ergebnisse. Auch bei dieser Erkrankung gehe man mittlerweile davon aus, „dass Menschen mit Depressionen eine reduzierte Neuroplastizität haben und neuronale Veränderungen, aber auch Veränderungen von Hirnnetzwerken schwerer fallen“, so Jungwirth. Unter der Wirkung von Psilocybin werden die starren Muster, die die Hirnaktivität steuern, vorübergehend gelockert, die Informationsverarbeitung im Gehirn wird chaotischer. „Sinneseindrücke können dann überlappen – Hören und Sehen, zum Beispiel. Plötzlich sieht man Töne und hört Farben.“

Erweiterte Wahrnehmung

Die erweiterte Wahrnehmung betrifft auch die emotionale Ebene, Bewusstseinszustände verändern sich. Das helfe depressiven Patientinnen und Patienten, bei denen andere Therapien und Medikamente versagen, etwa lang verdrängte Gefühle wieder zuzulassen, sich mit belastenden Problemen oder Beziehungen zu anderen Personen auseinanderzusetzen und eine bessere Krankheitseinsicht zu entwickeln.

„Gefühle gehen bei diesen Menschen mit Gefahr und Schmerz einher, auch positive wie Freude. Unter dem Einfluss von Psilocybin sind sie ihnen wieder ausgesetzt, ob sie wollen oder nicht“, erklärt der Psychiater. Kombiniert man diesen Bewusstseinszustand gezielt mit Psychotherapie oder mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, kann das selbst bei therapieresistenten Depressionen zu guten Erfolgen führen, wie zahlreiche klinische Studien gezeigt haben.

Illegal, aber erprobt

Dennoch ist Psilocybin weltweit noch immer eine illegale Substanz. In einigen wenigen Ländern, etwa in Australien oder in der Schweiz, gibt es aber Ausnahmeregelungen für Menschen, die auf keine andere Therapie ansprechen. An der Uniklinik Zürich hat Johannes Jungwirth seit 2023 ein entsprechendes Angebot aufgebaut und konnte so erstmals an 19 Patientinnen und Patienten die längerfristige Wirkung von Psilocybin mit individuell angepasster Dosierung im klinischen Alltag untersuchen.

Die Erkenntnisse wurden kürzlich im renommierten Fachjournal „The Lancet Regional Health Europe“ veröffentlicht: „Wir konnten zeigen, dass die stärkste Wirkung nach der ersten Therapiesitzung auftritt und nach weiteren Sitzungen kein zusätzlicher Effekt stattfindet, sondern eher eine Art Stabilisierung“, so der Facharzt gegenüber ORF Wissen. Auch würden nicht alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen von einer Psilocybin-Therapie profitieren, in der kleinen Studie führte sie nur bei rund einem Drittel zu sehr guten oder guten Ergebnissen.

„Kein Wundermittel“

„Das zeigt uns, dass es eben kein Wundermittel ist“, mahnt Jungwirth. Und schon gar keines, das ohne entsprechende fachliche Aufsicht angewendet werden sollte. Denn es gebe sehr wohl Nebenwirkungen auf psychischer Ebene, etwa Panikattacken und Suizidgedanken, auf die man Patientinnen und Patienten gut vorbereiten müsse. „Sonst kann das sehr unangenehm und traumatisierend sein.“

Eben das mache (vereinzelte) Studien zu einem möglichen Einsatz von Psilocybin bei Demenz schwierig, „weil man diese Menschen eben nicht darüber aufklären kann“, so der Psychiater. Auch eine Depression lasse sich mit der halluzinogenen Substanz nicht blitzartig heilen, selbst wenn jemand gut auf die Therapie anspricht. „Psilocybin ist nie das Ende einer Krankengeschichte, sondern oft der Beginn harter Arbeit.“