Wer an die Luftqualität europäischer Metropolen denkt, sorgt sich meist um Feinstaub, Ozon, Stickoxide und Abgase. In Rom kommt aber eine unerwartete Komponente hinzu: Drogen. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR) stießen bei Untersuchungen der urbanen Atmosphäre auf messbare Spuren von Kokain und Cannabinoiden.

Diese Entdeckung lege nahe, dass der Konsum solcher illegaler Substanzen nicht mehr nur im Verborgenen stattfindet und eine chemische Signatur im Luftraum der Stadt hinterlässt. Vermutet wird, dass das Rauchen von Cannabis und das Schnupfen von Kokain bei gutem Wetter, wie so oft in Rom, auch auf den vielen Dachterrassen geschieht. Von dort gelangen die Drogen dann leicht in die Atemluft. Das zeigt ein aktueller Bericht an das italienische Parlament.

Drogen in der Atemluft sind nichts Neues in Rom. „Im Jahr 2008 stießen wir zum ersten Mal auf Kokainwerte in der Atemluft in einem römischen Stadtpark“, erklärt Cato Balducci vom Institut für Luftverschmutzung am CNR. „Wir hielten das damals für einen außergewöhnlichen Fund, weil dieser Park dafür bekannt ist, dass dort häufig Kokain konsumiert wird, aber anscheinend war das kein Einzelfall.“

Spitzenreiter Rom

Das Institut für Luftverschmutzung am CNR analysierte Schwebestoffe in der Luft. Dabei verglichen die Experten Proben aus Rom mit Werten aus der süditalienischen Stadt Taranto sowie der algerischen Hauptstadt Algier. Die Ergebnisse waren eindeutig.

Während die Luft in Algier trotz hoher Abgaswerte drogenfrei war, schnitt Rom im Vergleich zu Taranto mit einer zehnmal höheren Kokainkonzentration ab. Die höchsten Werte wurden im historischen Stadtkern, mit den vielen Terrassen, rund um den Campus der Universität La Sapienza und in bestimmten Stadtrandquartieren gemessen. Mit Spitzenwerten von bis zu 0,1 Nanogramm – also 100 Picogramm – Kokain pro Kubikmeter Luft.

Die Forschenden führen die Schadstoffbelastung auf den intensiven und in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegenen Drogenkonsum in der Hauptstadt zurück. Kokainpartikel fliegen extrem leicht und verteilen sich schnell in Bodennähe. Da Konsumenten, so Umweltforscherin Catia Balducci, „die Droge in Italien häufig unter freiem Himmel einnehmen, nicht nur auf Dachterrassen, sondern auch beim Ausgehen auf Plätzen und in Parks, gelangen die Substanzen leicht und direkt in den atmosphärischen Kreislauf.“

Grenzwerte und Gesundheit

Die gemessenen Konzentrationen, versichert Balducci, führen nicht zu passiven Rauschzuständen beim normalen Atmen. Man müsste Roms Atemluft mehrere Tausend Jahre einatmen, um einen nachvollziehbaren Drogeneffekt zu haben. Doch betrachten die Toxikologen die Daten mit Sorge. Der gemessene Höchstwert liegt nur um das Fünffache unter dem gesetzlichen Grenzwert für reguläre toxische Emissionen. Zum Vergleich: Die Kokainbelastung in der Luft Roms erreichte stellenweise ein Fünftel der Konzentration von Benzpyren, einem bekannten krebserregenden Stoff aus Autoabgasen und Zigarettenrauch.