Wer am Ufer steht, ahnt nichts von der Gefahr unter Wasser: Der Fluss, die Ill, sieht harmlos aus, der Wasserfall an dem bekannten Wildbadeplatz im Mündungsbereich des Alvierbaches bei Bludenz und Bürs ist kaum einen Meter hoch und Warnschilder stehen an der Stelle nicht. Am letzten Juniwochenende geraten ein Vater (40 Jahre alt), sein Sohn (zehn) und ein Bekannter (22) unterhalb des Wasserfalls in eine Strömung und kommen zu Tode.
„Die Situation wirkt oft völlig unauffällig und ungefährlich. Wer nicht Bescheid weiß, kann die Gefahr kaum wahrnehmen“, sagt Markus Aufleger vom Arbeitsbereich Wasserbau an der Universität Innsbruck. „Jedes Jahr sterben Menschen beim Schwimmen oder Paddeln in heimischen Flüssen, wenn sie in Wasserwalzen geraten, in Strömungen, die bei Stufen, den sogenannten Abstürzen entstehen. Es braucht viel mehr Information darüber.“
Abstürze – künstliche Querbauwerke im Flussbett – hat man in vielen Flüssen in Österreich und auch Deutschland gebaut, sagt der Wasserbauprofessor, große und kleine, um die Flüsse zu stabilisieren, damit sie sich nicht immer tiefer in den Untergrund eingraben, und um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren. „Zwischen den Stufen wird ein Fluss stabilisiert. An den Stufen selbst muss nun die jetzt übrigbleibende Energie in einem großen Wirbel abgebaut werden. Dieser Wirbel wird Wechselsprung genannt und aus wasserbaulicher Sicht ist das nach damaliger Praxis gut und richtig so – aber für Schwimmerinnen und Schwimmer leider verheerend und lebensgefährlich. Denn unter den Stufen entsteht eine Wasserwalze.“
Gefangen in der Wasserwalze
Wasser, das über einen Absturz fließt, taucht nach unten ab und wird an der Sohle in Fließrichtung abgelenkt. Nach ein paar Metern steigt dieser Wasserstrahl an die Oberfläche auf und dreht dann in entgegengesetzte Richtung. Es bildet sich also direkt hinter der Stufe eine rotierende Strömung, die Wasserwalze – Fachleute sprechen von einem Rücklauf.
Solche Strömungen entstehen auch unterhalb von Wehranlagen, Wasserfällen und Kraftwerken und können enorme Kräfte entwickeln, die Gegenstände ebenso wie Schwimmer in ihrem Sog festhalten. „Wer in eine Wasserwalze gerät, ist dort gefangen und versucht oft instinktiv gegen die Strömung zu schwimmen“, sagt Markus Aufleger. Doch gegen die Kraft des Wassers anzuschwimmen, ist nahezu aussichtslos. Menschen ertrinken aus Erschöpfung. „Oft gibt es dort zusätzlich viele Luftblasen im Wasser. Das Wasser schäumt weißlich und ‚brodelt‘, das nennt man Weißwasser. An diesen Stellen ist das Wasser so stark mit Luft angereichert, dass man weniger Auftrieb hat. Es trägt den Körper oft nicht mehr und man kann kaum mehr schwimmen.“
Die Wasserrettung empfiehlt, mit möglichst viel Luftvorrat zum Grund des Flusses abzutauchen und die bodennahe Strömung flussabwärts zu nutzen, um dann seitlich der Walze zu entkommen. Allerdings funktioniert das nur bei Wasserwalzen, bei denen die Strömung am Flussgrund flussabwärts fließt – „außendrehenden“ Walzen – und ist wohl selbst für geübte Schwimmer eine große Herausforderung, die in einer Paniksituation einen klaren Kopf erfordert. Es gibt allerdings auch „innendrehende“ Wasserwalzen, in denen die bodennahe Strömung wieder zurück in den Gefahrenbereich fließt und sich ein geschlossener Kreislauf bildet – sie sind oft auch für geübte Schwimmerinnen und Schwimmer tödlich.
Auf keinen Fall nachspringen
Die Wasserwalze gilt in der Wasserrettung als unüberwindbares Hindernis. Unter keinen Umständen darf man ungesichert in einen solchen Rücklauf nachspringen, warnen Wasserrettungsverbände in ihren Sicherheitstipps. Die Rettung erfolgt von außen, zum Beispiel mit einer Leine, an der sich das Opfer aus der Walze ziehen lassen kann, mit einem Rettungsring, Wurfsack oder Boot. „REACH – THROW – ROW“ lautet der Grundsatz: Reichen (Ast, Stange) – Werfen – (Seil, Schwimmkörper) – Rudern (Kajak, Raft).
„Die Kraft des Wassers ist wirklich enorm groß und wird die Körperfläche erfasst und dann gegen etwas gedrückt, Steine, Felsen, eine Mauer, ist man schnell in Lebensgefahr“, sagt Markus Aufleger und betont, dass man beim Schwimmen, im Kanu, auf dem Stand-Up-Paddle, beim Canyoning oder Rafting stets die Gefahren der Flüsse ernst nehmen muss.
Brücken, Buhnen, Bäume, gründige Wirbel
„Auch ein Baum oder Busch im Wasser kann zur Todesfalle werden“, warnt der Wasserbauingenieur, „davor und dahinter können sich gefährliche Wirbel bilden. Ein Ast kann einen Schwimmer unter Wasser drücken und es ist dann oft kaum noch möglich, dem Wasser aus eigener Kraft zu entkommen“. Strudel und Strömungen können bei Einbauten jeder Art entstehen, seien es Brückenpfeiler oder Buhnen, wie sie sich entlang größerer Flüsse finden.
„Küsten sind ein eigenes Thema“, erklärt der Wasserbauingenieur Markus Aufleger, „dort kann es zirkulierende Strömungen geben, die man als Laie nicht erkennen kann und die einen hinausziehen auf das offene Meer. Und da gilt, ob Küste oder Fluss: Gegen die Strömung schwimmen, ergibt keinen Sinn. Man kann nur versuchen, mit der Strömung ans Ufer zu gelangen.“ An Flüssen gibt es in Ufernähe oft Rückströmbereiche, in denen das Wasser flussaufwärts fließt; Kehrwasser nennen es die Fachleute. „Falls man im Fluss treibt, sollte man versuchen, in solch einen Kehrwasserbereich zu gelangen“, empfiehlt Markus Aufleger. „Dort findet man leichter einen Ausstieg.“
Rampen statt Stufen – für die Fische
Die Kraft und Unberechenbarkeit des Wassers darf nicht unterschätzt werden, davor warnen Wasserretter ebenso wie Wasserbauingenieure. Stufen, Schwellen, natürliche Wasserfälle etc. sind Gefahrenzonen, die man ernst nehmen muss.
„Im Wasserbau heute werden derartige Stufen nicht mehr eingesetzt“, sagt Markus Aufleger, „heute werden stattdessen Rampen gebaut, möglichst naturnah. Stufen werden auch in Rampen umgebaut, das geht relativ einfach. In erster Linie geht es dabei nicht um eine Entschärfung von Gefahren für Schwimmerinnen und Schwimmer, sondern um die Fische, denen man die Wanderungen flussaufwärts zur Fortpflanzung ermöglichen möchte. Aber ganz klar: Rampen an Stelle von Stufen retten auch Menschenleben. Denn das muss man bedenken: Eine solche Wasserwalze entsteht bei jeder Stufe, die ingenieurtechnisch nach damaligen Standards korrekt geplant wurde.“