Österreichs Forschungsstation in Ostgrönland ist voll besetzt. Mehr als zwanzig Studierende eröffnen gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern die Sommersaison im „Sermilik-Fjord“. Bei moderaten Temperaturen um die zehn Grad werden Drohnenflüge durchgeführt, Seen vermessen und Messgeräte neu aufgebaut. Klimaforschung steht im Vordergrund.

Das Team an der österreichischen Station beobachtet fast das ganze Jahr die weitläufige Umgebung. Teil dieser Arbeit sind Messungen mit Wetterstationen. „Durch die Wetterlage während der Hitzewelle in Europa ist kältere Luft besonders weit in Grönlands Süden gelangt“, erklärt Wolfgang Schöner, Gletscherforscher an der Universität Graz, der regelmäßig in Grönland tätig ist.

Der Effekt war während der vergangenen Hitzewelle besonders stark, weil sie lange angedauert hat. Die kalte Luft in Grönland hatte positive Auswirkungen auf den Inlandeisschild, jenen Eispanzer, der insgesamt unter der Klimaerwärmung leidet, so Wolfgang Schöner im Vorstand des Österreichischen Polarforschungsinstituts (APRI). „Derzeit ist die Eisbilanz gut. Durch die kühlere Luft ist weniger geschmolzen.“ Ob die Jahresbilanz für den Eispanzer auf Grönland ebenfalls positiv ausfällt, wird von den Verhältnissen im laufenden Sommer beeinflusst

Belegter Sommereffekt

Diese ersten Beobachtungen lassen sich in Einklang mit Ereignissen in der Vergangenheit bringen. 2012 war es etwa in Grönland besonders warm, die vorherrschende Wetterlage hat wiederum mehr kalte Luft nach Mitteleuropa abgelenkt, analysiert Schöner frühere Daten. Der Effekt ist aber nicht in Stein, oder besser in Eis gemeißelt. Er gilt nicht immer, und wenn, dann nur im Sommer.

Im Winter sind die Temperaturunterschiede so groß, dass sich in der Regel die kalten Luftmassen des Nordens nicht mit den wärmeren im Süden vermischen. Durch die Klimaerwärmung wird der Temperaturunterschied aber immer geringer. Eine Tatsache, die mitunter neue Anomalien in den Wettersystemen mit sich bringt. Diese Veränderungen werden ebenso in Forschungsprojekten an der österreichischen Station zum Thema gemacht.

Kühle Luft bringt keine Entwarnung

Kühlere Luft in der Arktis durch Extremwetter bedeutet keine Entwarnung, was die Klimaerwärmung betrifft. Derartige Paradoxien sind Teil des Problems. Das gilt auch für den Nordatlantischen Strom – auch bekannt als Verlängerung des Golfstroms. Er transportiert warmes Wasser aus dem Süden bis nach Spitzbergen. Durch das Abschmelzen von Gletschern etwa in Grönland kann diese Pumpe verlangsamt werden.

Eine Folge wäre laut Forschung kälteres Wetter in Nordeuropa. Unklar ist, wie sehr die Strömung durch die Klimaerwärmung beeinflusst wird und wie die Auswirkungen aussehen. Österreichs Arktisforschung wird jedenfalls dabei sein, denn ein Teil des Nordatlantischen Stroms befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Sermilik-Station.