Klang, Grammatik, Vokabular und vieles mehr – die menschliche Sprachbegabung hat eine in jeder Hinsicht beachtliche Vielfalt zu Tage gebracht. Weltweit gibt es derzeit ungefähr 7.500 Sprachen, Gebärdensprachen eingerechnet. Das klingt zwar nach viel, für die vergangenen 500 Jahren ist aber ein rasanter und systematischer Schwund dokumentiert, vor allem zugunsten einiger weniger Weltsprachen. Am häufigsten gesprochen werden Englisch, Mandarin, Hindi, Spanisch und Arabisch.

Fast fünf Milliarden Menschen verwenden heute eine der zehn häufigsten Sprachen, schreibt das Team um Damián Blasi von der spanischen Pompeu Fabra Universität in Barcelona im Fachmagazin „Science“. Auf der anderen Seite ist etwa die Hälfte aller Sprachen vom Aussterben bedroht, jedes Jahr verschwinden etwa vier für immer. Der Schwund bedeutet immer auch einen Verlust an kultureller Vielfalt, deswegen versucht man mittlerweile, möglichst viele kleine Sprachen zu erfassen, etwa im „Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen“.

Fehlende Dokumente

Wie weit die Formenvielfalt zurückreicht ist heute schwer zu sagen. Schriftliche Dokumente gibt es erst seit etwa 6.000 Jahren. Und auch für diesen Zeitraum sind nicht annähernd alle Sprachen dokumentiert – die umfassende Beschreibung ist generell eine relativ junge Praxis. Heute nimmt man an, dass sich Menschen und Menschenarten wie der Neandertaler schon sehr früh in irgendeiner Form sprachlich verständigt haben. Es liegt also nahe, dass sie das nicht nur auf eine Weise gemacht haben.

Fest steht, schreiben die Forscher und Forscherinnen, dass die Verbreitung der meisten heute gesprochenen Sprachen beziehungsweise ihrer Vorläufer mit kulturellen und technologischen Entwicklungen einherging, die zum Wachstum der Bevölkerung führten, z.B. mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren im Fruchtbaren Halbmond, in China oder in den Anden. Welche Sprachen außerdem noch gesprochen wurden, lässt sich heute jedoch nicht mehr rekonstruieren.

Hochrechnung der Ursprachen

Um zumindest quantitative Rückschlüsse auf die einstige Vielfalt zu machen, kann man nur auf indirekte Methoden zurückgreifen – das haben Blasi und Co. in ihrer aktuellen Studie versucht. Das Team entwarf ein Modell auf Basis von ethnografischen Daten von 171 bekannten Jäger- und Sammler-Gesellschaften, als Näherung für die Weltbevölkerung vor 12.000 Jahren und in den Jahrtausenden danach. Die Gruppengrößen solcher Gemeinschaften seien durch diverse Faktoren begrenzt, heißt es in der Studie: Das sei etwa der Nahrungsbedarf und damit in Zusammenhang der Mobilitätsradius sowie der innere Zusammenhalt, der ab einer bestimmten Größe nicht mehr möglich wäre. Laut dem Modell hatten die frühen Gruppen im Mittel ungefähr 800 Mitglieder.

Wie die Forscher und Forscherinnen außerdem annahmen, sprachen die frühen Jäger- und Sammler-Gemeinschaften jeweils eine Sprache – also könne man davon ausgehen, dass die Anzahl der Gruppen zu Beginn in etwa der Anzahl der Sprachen entspricht. Erst später – mit stark wachsenden Gemeinschaften, in denen nicht mehr jeder jeden kannte – habe sich dieser Eins-zu-Eins-Zusammenhang langsam aufgelöst.

Kombiniert wurden die Annahmen mit bekannten Hochrechnungen zur frühen Weltbevölkerung. Schätzungen gehen von 4,4 bis sieben Millionen Menschen aus. Die Anzahl der Sprachen vor 12.000 Jahren ergebe sich aus dem Verhältnis der Gesamtbevölkerung zur Gruppengröße. Die anschließende Entwicklung hat das Team in Schritten von 1.000 Jahren modelliert.

Sprachvielfalt explodiert

Laut den Berechnungen gab es vor 12.000 Jahren wohl weniger Sprachen als heute, etwa zwischen 4.500 und 6.200. Dann kam es vermutlich für lange Zeit zu einer beachtlichen Vervielfältigung: Mit der wachsenden Weltbevölkerung wuchs auch die Anzahl der Sprachen. Diese Zunahme wurde laut der Studie noch nicht einmal vom Aufstieg der ersten großen Weltreiche vor 4.000 Jahren – etwa in Ägypten oder Mesopotamien – aufgehalten. Das Maximum wurde wahrscheinlich erst vor 3.000 bis 1.000 Jahren erreicht.

Die Schätzungen seien zwar mit großen Unsicherheiten behaftet, aber wahrscheinlich gab es bis zu diesem Zeitpunkt eine Verzehnfachung der Sprachen. In diesem „goldenen Zeitalter“ wurden weltweit wahrscheinlich Zehntausende verschiedene Sprachen verwendet. Erst danach kam es zu einem schnellen Verlust dieser Vielfalt, der sich in der jüngeren Geschichte noch einmal beschleunigt habe. Dieses Tempo lasse auch für die zukünftige Entwicklung nichts Gutes ahnen.

Kulturelle Diversität schwindet

Die bis heute existierenden Sprachen sind laut den Forschenden keine gleichverteilte Auswahl. Vielmehr haben sich große Sprachgruppen weiter ausgebreitet und sich kleinere gewissermaßen einverleibt, Sprachen und die damit verbundene Kultur verschwinden zugunsten von größeren. Es gebe zunehmend Mehrsprachigkeit beziehungsweise Sprecher, die nicht ihre Muttersprache sprechen. Diese Sprachkontakte führen auch zu einer Homogenisierung. Sprachen werden dadurch global und regional weniger divers, warnen die Studienautoren und -autorinnen. Vieles spreche dafür, dass der heutige Sprachwandel schneller denn je voranschreitet.

Die Ergebnisse zeigen, dass die derzeitige Bedrohung der Sprachenvielfalt weit in die Vergangenheit reicht, sogar über die Kolonialzeit hinaus, die oft als Hauptursache für den Schwund vermutet wurde. Wie das Team abschließend betont, gehe es nicht um sprachliche Diversität allein. Der drastische Verlust betreffe gleichzeitig auch Kulturen. Auch diese wurden zuletzt von einem Massensterben erfasst, angetrieben von globalen Massenbewegungen, Technologien und Krankheiten.