Die Übersiedlung und die Zukunft seiner Bibliothek beschäftigen Michael David-Fox im Moment besonders. Darunter ist auch eine Ausgabe der großen sowjetischen Enzyklopädie aus den 1920ern, mit der schon George Kennan gearbeitet hat, der als Diplomat die Grundlage für die Russland-Politik der USA während des Kalten Krieges gelegt hat. Statt am Zentrum für Osteuropa-Studien der Georgetown-University in Washington wird der Historiker künftig an der Spittelauer Lände in Wien arbeiten – als neuer Rektor des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM).
Aus Washington nach Wien
Das IWM wurde 1982 gegründet und setzt sich seit damals speziell mit Geistes- und Sozialwissenschaften in Mittel- und Osteuropa auseinander. Gründungsrektor war der polnische Philosoph Krzysztof Michalski. Michalski habe eine Zeitlang an der Universität Boston unterrichtet, erzählt der neue Rektor David-Fox, der als erster US-Amerikaner die Leitung des Institutes übernehmen wird. Er folgt auf den Briten Misha Glenny, der im Frühjahr als Journalist zur BBC nach London zurückgekehrt ist.
Das IWM sei eine ganz besondere Institution, sagt David-Fox gegenüber dem ORF: „Sie kombiniert wissenschaftliche Exzellenz auf dem höchsten Niveau mit dem Ziel, eine Verbindung zu einer breiteren Öffentlichkeit herzustellen in Wien, Österreich, Europa und international.“ Beschäftigung mit den wichtigsten Themen unserer Zeit, das sei die Gründungsidee gewesen.
Schwerpunkt in früherer Sowjetunion
An der Georgetown-Universität hat David-Fox zuletzt das Zentrum für Eurasische, Russische Osteuropa-Studien geleitet. Seine 15 Monografien beschäftigen sich vor allem mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion, sein letztes Buch beschreibt die Geschichte der westrussischen Stadt Smolensk in der Stalin-Ära und während der nationalsozialistischen Besetzung.
Keine „Flucht“ aus den USA
Seine Übersiedlung nach Wien sei keine Flucht, betont David-Fox – auch wenn die Bedingungen für Universitäten und Wissenschaftler in den letzten beiden Jahren schwieriger geworden seien. Aber ohne die Wahl von Donald Trump hätte er wohl nicht darüber nachgedacht, sich überhaupt für einen anderen Posten außerhalb der USA zu bewerben.
Er habe das Gefühl, dass er am IWM die Probleme besser bearbeiten könne, die durch die Präsidentschaft von Donald Trump entstanden sind: „Das sind keine amerikanischen Probleme, sie sind global. Sie sind auch europäisch – und von der Ausbildung her bin ich ja Europa-Wissenschaftler.“
Zum Teil Dirigent, zum Teil Konzertmeister
Als Rektor möchte David-Fox die großen Leistungen des IWM bewahren und es genauer kennenlernen. Darauf aufbauend will er in den nächsten Jahren versuchen, die Arbeit des Institutes schrittweise weiterzuentwickeln.
Im Gespräch mit dem ORF vergleicht er das IWM mit einem Orchester. Nicht alle Forscherinnen und Forscher dort würden die gleiche Symphonie spielen, er könne also nicht einfach wie ein Dirigent den Ton vorgeben. Aber in einem Orchester gebe es auch den Konzertmeister, der manchmal ein Solo spiele, sonst aber allein durch sein Verhalten ein Vorbild sei. Als Rektor habe er das Glück, teilweise Dirigent und teilweise Konzertmeister zu sein.
Bestellung erfolgte einstimmig
Die Findungskommission zur Bestellung des neuen Rektors des IWM bestand aus dem Historiker Timothy Snyder, dem Historiker und Vizepräsidenten des IWM Dariusz Stola, der Historikerin Margaret MacMillan und den ständigen IWM-Fellows Ayşe Çağlar und Ludger Hagedorn. 40 Personen hatten sich um den Posten beworben, die Entscheidung für Michael David-Fox ist in der Kommission einstimmig gefallen.