Rund 1.200 Boykottmaßnahmen hat diese Taskforce der Association of University Heads (VERA) in Israel zuletzt gezählt – sowohl gegen einzelne Forschende aus Israel als auch gegen ganze akademische Einrichtungen.
40 europäische Unis kappten Kontakt
Aktuell gebe es 40 europäische Universitäten, die jeglichen Kontakt mit israelischen Hochschulen eingestellt haben, vor allem in Belgien, den Niederlanden, Italien und Spanien. Darunter befinden sich etwa die Universitäten in Gent, Rotterdam und Amsterdam, sagt Emmanuel Nahshon, der die Maßnahmen gegen den Boykott israelischer Universitäten für VERA koordiniert. In Österreich und Deutschland gibt es keinen institutionellen Boykott.
Die Auswirkungen der Boykottmaßnahmen auf dieser Ebene seien bisher „äußerst begrenzt“, sagt Nahshon gegenüber ORF Wissen. „Unsere wichtigsten Partner befinden sich in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Und dort werden wir überhaupt nicht boykottiert.“
Dank an Österreichs Soziologie
Ähnliches gilt auch für Berufsverbände: Eine Reihe von Weltverbänden in sehr unterschiedlichen Disziplinen wie Archäologie, Kristallografie und Geschichtswissenschaft habe Versuche unternommen, Israel oder in Israel forschende Personen zu isolieren. Ein Beispiel betrifft, wie berichtet, Österreich: Die Österreichische Gesellschaft für Soziologie war 2025 aus dem Weltverband (ISA) aus Protest ausgetreten, nachdem diese die Soziologische Gesellschaft Israels ausgeschlossen hatte.
„Wir sind den österreichischen Kollegen dafür sehr dankbar“, sagt nun Emmanuel Nahshon, vor Kurzem Gast am Center for Israel Studies in Wien. „Und wir verstehen vollkommen, dass es hier nicht darum geht, dass die österreichischen Soziologen die Politik der israelischen Regierung befürworten. Es bedeutet lediglich, dass sie verstehen, dass Ausgrenzung und Boykotte kein legitimes Mittel sind, schon gar nicht in diesem speziellen Kontext.“
Anteil an „Horizon Europe“-Förderprogramm halbiert
Schwieriger sei die Situation mit „Horizon Europe“, dem zentralen Förderprogramm der EU für Forschung und Innovation. Dieses basiert auf der Zusammenarbeit verschiedener Einrichtungen aus Wissenschaft, Bildung und Industrie. Und wenn etwa eine Hochschule wegen einer israelischen Einrichtung nicht mehr mitmachen will, kann dies das gesamte Konsortium verunmöglichen. Hatten 2022 noch 5,4 Prozent aller „Horizon Europe“-Projekte einen Partner aus Israel, so sank der Anteil 2025 auf 2,5 Prozent. Flossen 2024 noch 209 Millionen Euro in Forschung mit israelischer Beteiligung, waren es im Vorjahr nur noch 106 – fast eine Halbierung.
Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, etwa dass Großbritannien und die Schweiz 2024 bzw. 2025 wieder voll an dem Förderprogramm teilnehmen konnten und damit weniger vom „Gesamtkuchen“ übrig blieb. Aber auch der Gaza-Krieg nach dem Hamas-Angriff hat dabei eine Rolle gespielt. Zum einen, weil viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Armee eingezogen wurden. Zum anderen dürften aber auch die Boykottaufrufe gewirkt haben. Und deren Folgen zeigen sich nicht unbedingt auf Ebene von Institutionen, sondern von einzelnen Forscherinnen und Forschern in den internationalen Netzwerken. Mittlerweile gebe es einen „schweigenden Boykott“ von unten, hieß es vor Kurzem in einer Analyse der „Times of Israel“.
Für den F&E-Weltmeister bedrohlich
Für Israel – laut OECD Weltmeister in Sachen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) ist Israel mit über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts – sei diese Entwicklung bedrohlich. Betroffen von dem „stillen Boykott“ seien bei Weitem nicht nur Projekte mit einem „militärischen Beigeschmack“, wie Emmanuel Nahshon erzählt, sondern auch viele zum „Wohle der Menschheit“. Eines habe Musiktherapie für Drogenabhängige betroffen, wegen der Beteiligung zweier israelischer Universitäten seien die europäischen Partner abgesprungen. „Das hat nichts mit dem Israel-Palästina-Konflikt zu tun, das ist blinder Hass.“
„Es trifft die Falschen“
Sein Team versucht dem entgegenzutreten. Und zwar nicht mit Eskalation – viele Boykottmaßnahmen würden gegen europäisches Recht verstoßen, Klagen wären also möglich -, sondern mit Dialog. „Wir sprechen mit den Leuten, schicken Briefe, suchen das Gespräch mit Organisationen und Universitäten.“ In vielen Fällen sei das erfolgreich, sagt Nahshon.
Das Hauptargument dabei: Der akademische Boykott treffe die Falschen. „Wenn Menschen auf die israelische Regierung wütend sind, ist das ihr gutes Recht. Auch in Israel gibt es viel Widerstand gegen die Regierung. Aber wenn man dabei die Universitäten ins Visier nimmt, trifft das die Falschen. Sie stehen an vorderster Front für einen demokratischen, offenen und toleranten Charakter Israels. Wenn man den Universitäten schadet, hilft man der israelischen Regierung.“
20 Prozent palästinensische Israelis an den Unis
Die Situation an israelischen Universitäten bezeichnet Nahshon als „außergewöhnlich“ und alles andere als Ausdruck eines „Apartheid-Systems“, wie es Kritiker nennen. 20 Prozent der Studierenden und Lehrkräfte seien palästinensische Israelis, betont der Experte. „Wir haben Demonstrationen erlaubt und dennoch den Konflikt draußen gehalten. Studierende und Personal wissen, dass politische Standpunkte das eine sind, das Studium und die Universität das andere.“ Obwohl es Studierende gab, die am Krieg teilnahmen oder deren Verwandte in Gaza getötet wurden, sei die akademische Arbeit davon nicht beeinträchtigt worden.
Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen habe es im Gaza-Krieg keine gegeben. Die sind nämlich schon seit über 20 Jahren sehr strikt, nach mehreren Anschlägen palästinensischer Terroristen mit zahlreichen Toten. Hinter den Sicherheitsmaßnahmen würde nach wie vor ein „Raum der Meinungsfreiheit“ liegen.
Im vergangenen halben Jahr sei die Zahl neuer Boykotte zurückgegangen, resümiert Nahshon. Die „große Welle“ könnte bereits zurückliegen, die bestehenden Boykotte seien für den „Innovationsweltmeister Israel“ aber nach wie vor Anlass zur Sorge.