Die „Tara Polar Station" ist oval, bauchig gebaut und gerade einmal 26 Meter lang. „Sie ist als Erstes mal ein Schiff. Nur wenn man das Ding sieht, wird man gar nicht an ein Schiff denken – es ist eigentlich ein UFO", sagt Marcel Nicolaus im Gespräch mit ORF Wissen. „Wir sagen gerne, es ist die Raumstation in der Arktis.“
Nicolaus ist Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven – er war nicht nur an der rund zehn Jahre langen Planung des Forschungsprojekts beteiligt, im kommenden Frühjahr wird er auch selbst an Bord gehen, um direkt in der Arktis Proben zu sammeln.
Unterwegs zum Startpunkt
Aber auch schon davor wird eine Crew auf der „Tara Polar Station“ ihren Weg in Richtung Arktis antreten – bestehend zur Hälfte aus Schiffspersonal und zur anderen Hälfte aus Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Ländern.
Erst vergangenen Sonntag (19. Juli 2026) legte das Schiff im französischen Lorient ab. Vorerst noch ohne Forschungsteam, denn seine Route führt es nun über Rotterdam bis zum norwegischen Kirkenes. Erst von dort bricht die „Tara Polar Station" dann samt Crew Mitte August zur eigentlichen Mission auf: ihrer ersten großen Arktisexpedition, „Polaris I“.
Einfrieren – mit Absicht
Auf dem Weg von Kirkenes in Richtung Arktis wird die „Tara Polar Station“ irgendwann im Meereis stecken bleiben und dort einfrieren. Genau das ist auch eine der großen Besonderheiten an dem Projekt: das Einfrieren ist hier kein Nachteil – es ist geplant.
Der Grund: Das Forschungsteam möchte im Winter mitten in der Arktis arbeiten. Dort hinzukommen, ist aber alles andere als einfach, denn im Winter ist das Meereis eigentlich bereits zu dick, um voranzukommen. „Es ist heute immer noch so, dass wir nicht mal eben in einem Eisbrecher im Dezember zum Nordpol fahren können. Also wenn wir im Winter in der Arktis sein wollen, müssen wir uns bereits im Herbst, wenn sich das Eis bildet, einfrieren lassen und dann mit dem Meereis, das in ständiger Bewegung ist, dahin treiben“, so Nicolaus.
Kein Weg zurück
Einmal eingefroren, gibt es für die Personen an Bord kaum noch ein Zurück – sie werden mehrere Monate auf dem Schiff verbringen und müssen mit der arktischen Kälte und der langen Polarnacht zurechtkommen. „Das ist natürlich eine der ganz großen Herausforderungen bei dem Ganzen“, so Nicolaus. „Die Möglichkeit, Personen zum Beispiel aufgrund von Verletzungen rauszuholen, ist sehr, sehr begrenzt. Das hängt dann wirklich davon ab, wo die Station gerade ist, wie das Wetter ist, und ob es die Möglichkeit gibt, mit einem Flieger dort hinzufliegen – was allerdings gerade in der Polarnacht schwierig bis unmöglich ist. Deswegen haben wir auch eine Ärztin an Bord – es gibt also gewisse Möglichkeiten, Verletzungen zu versorgen, aber wir können keine Intensivmedizin betreiben."
Erst im folgenden Sommer wird das Meereis wieder so weit abschmelzen, dass das Forschungsschiff zwischen Grönland und Spitzbergen freischmilzt. Wie lange das dauert, lässt sich aber nicht genau planen. Theoretisch ist die Station darauf ausgelegt, dass sie bis zu 500 Tage am Stück im Eis verbleiben kann.
Durchgeplante Messungen
Die Forscherinnen und Forscher an Bord der Station sollen auf der Expedition die arktische Atmosphäre, das Meereis, den Ozean und das Ökosystem darunter untersuchen und die gesammelten Daten und Proben schließlich einem großen Netzwerk internationaler Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellen. „Diese sechs Leute machen am Ende Messungen für 35 Partnerinstitute zu Hause, die ihnen Geräte und Aufgaben mitgegeben haben", erklärt Nicolaus. Über 220 standardisierte Messprotokolle legen fest, was wann zu tun ist – nach einem fixen Wochenplan, der sich auch dann nicht ändert, wenn die Besatzung wechselt. Hauptverantwortlich für das Projekt ist die französische Fondation Tara Océan.
Besonders interessiert die Forschenden, was im und unter dem Meereis lebt – vor allem im Winter, wenn bisher kaum jemand direkt vor Ort war. Wie schaffen es Organismen, durch die Polarnacht zu kommen? Was bedeutet es für das Ökosystem, wenn im Sommer immer weniger Eis vorhanden ist? Und welche Schadstoffe haben sich mittlerweile in der Arktis angesammelt, die über die Atmosphäre und den Ozean dorthin gelangt sind? „Diese Fragen werden uns beschäftigen – und wir wollen jetzt über zwanzig Jahre lang genau solche Veränderung beobachten", so Nicolaus.
Zehnmal in zwanzig Jahren
Das ist ein weiterer großer Unterschied zu früheren Arktis-Expeditionen: die Wiederholbarkeit. Vergleichbare Drift-Expeditionen – wie etwa die MOSAiC-Expedition des deutschen Forschungsschiffs Polarstern im Jahr 2019 – lieferten zwar wertvolle Daten, aber immer nur einzelne Schnappschüsse. Die Tara Polar Station soll dagegen insgesamt zehnmal in zwanzig Jahren ins Eis driften – immer mit demselben Messprogramm. „Wir setzen heute den Grundstock und schauen dann, wie sich die Lage vor Ort langfristig verändert", so Nicolaus. „Die erste Drift jetzt ist sozusagen nur der Auftakt einer ganzen Zeitserie."
In den kommenden zwanzig Jahren wird die Arktis – davon ist Nicolaus überzeugt – eine dramatische Veränderung durchmachen. Die Region erwärmt sich bereits heute viermal schneller als der Rest der Erde. Und die langfristigen Folgen reichen weit über den Polarkreis hinaus: Ein schwächer werdender Polarjet sorgt etwa dafür, dass Wetterlagen auch in Mitteleuropa länger an einem Ort verharren – das heißt, die Veränderungen in der Arktis sorgen auch in Europa für mehr Hitzewellen, mehr Dauerregen und insgesamt mehr Extremwetter.
Das 13. Crewmitglied
Neben der Schiffs- und Forschungscrew wird bei der Mitte August startenden Expedition „Polaris I“ noch ein weiteres, etwas ungewöhnliches Crewmitglieder mit an Bord gehen: Örkki, ein finnischer Hund.
Auch er hat aber eine wichtige Aufgabe: die Crew vor Eisbären warnen. „Der Hund wittert den Bären deutlich eher, als man ihn bei Dunkelheit mit einer kleinen Stirnlampe vor dem Kopf selbst sehen und hören könnte", erklärt Nicolaus. Örkki wird während der Expedition dauerhaft draußen leben – was ihm laut Nicolaus nichts ausmacht – und anschlagen, sobald er ein Tier wittert. Zurzeit wird er noch in Finnland von seinen Züchtern trainiert – Mitte August geht er dann gemeinsam mit der Crew in Kirkenes an Bord.