Laut den von der Vereinigung Amerikanischer Universitäten (AAU) präsentierten Zahlen reduzierte sich das Angebot an Doktoratsstellen an 55 US-Universitäten zum zweiten Mal in Folge. Zwar bewarben sich heuer um drei Prozent mehr US-amerikanische Studierende für die Stellen, gleichzeitig gingen die Bewerbungen aus dem Ausland um 21 Prozent zurück. Ersichtlich sei ein substanzieller Nachfragerückgang unter internationalen Studierenden an einem Doktorat in den USA, bilanziert die AAU in ihrer Analyse.

Statt in die USA würden internationale Forscherinnen und Forscher zunehmend nach China, Europa und Australien gehen, sagt Joanne Padrón Carney, die Leiterin der Abteilung für Regierungszuammenarbeit der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften (AAAS). Die Forschungsstandorte in diesen Regionen dürften langfristig vom Attraktivitätsverlust der USA für Forschende profitieren, so Carney im Gespräch mit ORF Wissen.

Nobelpreisträger nahm chinesisches Angebot an

„Wir beobachten einige beunruhigende Trends hinsichtlich der Fähigkeit der USA, Wissenschaftler und Forscher für ein Studium oder eine Forschungstätigkeit zu gewinnen“, so Carney, „wir haben Anzeichen dafür, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend Angebote in anderen Ländern annehmen.“

Prominentester Vertreter eines beginnenden Braindrains ist der Chemienobelpreisträger des Vorjahres, Omar Yaghi. Er hat seine Position an der kalifornischen Berkeley-Universität für eine Stelle an der Tsinghua-Universität in Peking verlassen. „Das ist ein Zeichen dafür, dass es Risse gibt in unserem Selbstverständnis als globaler Forschungs-Spitzenreiter“, sagt die Analystin Carney.

Druck nimmt zu

Als Grund für das abnehmende Interesse an einer Forschungstätigkeit in den USA nennt Carney die Budgeteinschnitte durch die Regierung Donald Trumps. Gemeinsam mit Verschärfungen der Visaregeln für Studierende und Forschende habe das ein Klima der Unsicherheit erzeugt.

„Wir sind in einer Art Zwickmühle, in der wir einerseits immer mehr Druck verspüren neue Talente in die USA zu locken, gleichzeitig aber die Visa- und Finanzierungsbedingungen verschlechtern“, sagt Carney, es sei unter diesen Vorzeichen nicht gänzlich überraschend, dass immer mehr Forschende die USA verlassen würden. Carney erwartet, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren weiter verstärken werde, sollte die US-Regierung keinen Kurswechsel in ihrer Wissenschaftspolitik vollziehen.