Am St. Anna Kinderspital in Wien sollen ab Herbst erstmals Kinder und Jugendliche mit einer CRISPR-basierten Gentherapie behandelt werden. CASGEVY heißt das Präparat, das bei schweren Formen der Sichelzellkrankheit und der Beta-Thalassämie eingesetzt werden kann. Beide Erkrankungen beruhen auf Veränderungen im Erbgut und betreffen den roten Blutfarbstoff Hämoglobin, der auch für den Sauerstofftransport zuständig ist.

Entweder wird davon zu wenig produziert, weshalb die Betroffenen unter Blutarmut und Erschöpfung leiden. Oder es wird fehlerhaftes Hämoglobin produziert, was zu Verstopfungen von Gefäßen führt und damit verbundenen Schmerzkrisen und Organschäden. Viele Erkrankten haben eine kürzere Lebenserwartung.

Wieder intaktes Hämoglobin

Die neue Behandlung soll nicht bloß die Folgen dieser Krankheiten lindern, sondern greift an ihrer genetischen Ursache an. Zunächst werden den Betroffenen Blutstammzellen entnommen. Diese werden mithilfe der CRISPR-Genschere genetisch verändert und – nach einer Chemotherapie – den Betroffenen wieder verabreicht. Dadurch kann wieder neues, intaktes Hämoglobin gebildet werden.

Gentechnik wird in Österreich oft skeptisch gesehen, aber: „In diesem Fall wird dadurch eine kranke Zelle repariert, es wird kein Schaden verursacht“, sagt Leo Kager, Leiter der Hämatologie-Ambulanz am St. Anna Kinderspital, im Gespräch mit science.ORF.at. Die Therapie helfe den Betroffenen, gesund zu werden. Und die veränderten Gene könnten auch nicht weitervererbt werden.

Ganz trivial ist die Therapie freilich nicht. Es handelt sich nicht um eine einfache Infusion oder gar Tablette: Entnahme und Bearbeitung der Stammzellen, eine starke Chemotherapie zur Vorbereitung und ein mehrwöchiger stationärer Aufenthalt gehören dazu. Die Chemotherapie soll Platz für die veränderten Stammzellen im Knochenmark schaffen, verursacht aber, wie andere Chemotherapien auch, natürlich unerwünschte Wirkungen.

Vielversprechende Studiendaten

CASGEVY ist keine experimentelle Therapie; sie wurde nach mehreren Zulassungsstudien von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen: In der für die EU-Zulassung entscheidenden Studie zu Sichelzellkrankheit blieben 28 von 29 ausgewerteten Patientinnen und Patienten mindestens zwölf Monate lang ohne schwere Schmerzkrisen. Bei transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie konnte ein großer Teil der Behandelten über mindestens ein Jahr ohne Bluttransfusionen auskommen. Die EMA bewertet den Nutzen der Therapie deshalb als größer als ihre Risiken.

Leo Kager vom St. Anna Kinderspital gibt allerdings zu bedenken, dass man noch nicht sagen könne, ob die Beschwerden irgendwann wieder zunehmen würden: „Wir wissen nicht, ob sie dauerhaft geheilt sind, weil wir keine Langzeitdaten haben“.

In Österreich wurde nach Angaben von Kager schon ein Erwachsener mit der Methode behandelt. Nun soll sie auch für Jugendliche kommen. Zugelassen ist sie für Personen ab zwölf Jahren. Weil die Behandlung komplex ist, wird sie nur durch spezialisierte Zentren in Wien und Innsbruck durchgeführt. Das St. Anna Kinderspital in Wien ist eines davon.

Die Therapie ist nicht für alle Betroffenen vorgesehen, sondern nur für jene, bei denen nicht eine Stammzellenspende, etwa aus der Familie, möglich sei. Kager rechnet am St. Anna Kinderspital zunächst mit ein bis zwei Behandlungen pro Jahr.

Grundlage für weitere Therapien

CASGEVY war die erste in der EU zugelassene Therapie, die auf der CRISPR/Cas9-Genschere beruht. Für deren Entwicklung erhielten die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2020 den Nobelpreis für Chemie.