Alt, weiß, männlich – so sah die Gelehrtengesellschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) früher aus. Das Gemälde im Clubraum der Akademie verdeutlicht das: Es stellt eine fiktive Versammlung aller wirklichen Akademiemitglieder dar, gemalt von Olga Prager 1912. Es zeige sehr eindrücklich, wie Wissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts betrieben wurde, so Sandra Klos , Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW gegenüber ORF Wissen. Heute wirkt das Bild vor allem defizitär, „weil eben die Frauen fehlen“.

Das Bild erweitern

Genau diese Leerstelle wurde zum Ausgangspunkt für die Sonderausstellung in der ÖAW, die Klos mitkonzipiert hat. Anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der Akademie wurde das Gemälde von der Künstlerin Tatjana Lecomte weitergedacht: Rund um das Bild stehen nun Namen aller weiblichen Mitglieder. Das Kunstwerk ist nicht abgeschlossen, sondern als lebendiges Konzept gedacht: Namen künftiger weiblicher wie nicht-binärer Mitglieder werden ergänzt. Eine zweite künstlerische Bearbeitung von Heidi Schatzl legt farbige Kreise über die Männergruppen und macht so Netzwerke und NS-Verstrickungen sichtbar.

Nicht nur das Gemälde, auch Zahlen bestätigen, dass Frauen in der Wissenschaft nicht beachtet wurden. Nach Gründung der Akademie 1847 dauerte es mehr als 100 Jahre, bis mit der Physikerin Lise Meitner 1948 erstmals eine Frau als korrespondierendes Mitglied im Ausland aufgenommen wurde. 25 Jahre später folgte mit der Physikerin Berta Karlik die erste Frau als wirkliches Mitglied.

Karriere mit Widerstand

Der Ausstellungsschwerpunkt „Erste weibliche Mitglieder“ holt die ersten Frauen der Akademie vor den Vorhang, beginnend mit den Pionierinnen der Physik Lise Meitner und Berta Karlik.

Berta Karlik machte Karriere in einem Haus, das Frauen an der Spitze nicht vorsah. 1946 hielt der Nobelpreisträger Victor Franz Hess noch fest, weibliche Wissenschaftler würden nicht in leitende Positionen gehören – ein Jahr später übernahm Karlik genau so eine: die Leitung des Wiener Instituts für Radiumforschung. Ihr gelang 1942 der Nachweis, dass das Element Astat auch in der Natur vorkommt, im Zerfall von Uran. 1956 wurde sie als erste Frau auf eine ordentliche Professur an der Universität Wien berufen, 1973 war sie die erste Frau, die als wirkliches Mitglied in die Akademie gewählt wurde. Ihre Laufbahn wäre wohl kaum möglich gewesen ohne eine Vorgängerin wie Lise Meitner – und blieb doch ihr ganz eigener Weg.

Konzipiert wurde die Ausstellung von der Historikerin Brigitte Mazohl gemeinsam mit Sandra Klos. Den beiden war es wichtig die NS-Zeit nicht auszublenden: Rot markierte Kästen weisen auf Verstrickungen hin. Viele der ersten Frauen, die nach 1945 Karriere machten, hätten in irgendeiner Form NS-Organisationen angehört, während jüdische Wissenschaftlerinnen systematisch entfernt worden waren.

Prekär, unbezahlt, unsichtbar

Assistentinnen, Ehefrauen, Schwestern, Verwaltungskräfte: Frauen standen im Hintergrund, Männer im Vordergrund. Die Arbeit von Frauen, ohne die es Männer in der Wissenschaft oft gar nicht so weit geschafft hätten, wurde nicht beachtet. Diesem Thema ist ein eigner Schwerpunkt mit dem Titel „Hinter den Kulissen“ gewidmet.

Die Physikerin Marietta Blau etwa arbeitete in prekären Verhältnissen an der Akademie, wurde für den Nobelpreis vorgeschlagen, erhielt ihn nie, wurde als Jüdin doppelt diskriminiert und musste emigrieren. „Unbezahlt, mit keiner Ahnung, wie es weitergeht, unbefristet. Dann schlecht bezahlt, das war eigentlich die Regel“, sagt Mazohl. Dass diese Frauen keine Aufmerksamkeit bekamen, verdeutlicht auch die Tatsache, dass von ihnen keine Einzelporträts existieren. Für die Ausstellung musste man sie aus Gruppenfotos ausschneiden.

Forscherinnen der Gegenwart

Die Ausstellung blickt nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Mit dem Schwerpunkt „Genderrelevante Forschung an der Akademie heute“ greift die ÖAW vier Felder auf, in denen Frauen heute forschen und neue Perspektiven entstehen. Zu den ältesten Disziplinen, die sich heute mit Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen, zählt die Demographie. Warum leben Frauen länger als Männer, obwohl sie öfter krank werden? Wie hängt das Wohlbefinden von Frauen mit ihren Lebenslagen und Ländern zusammen? Ein weiteres Feld bildet die Archäologie: Untersucht wird unter anderem die unterschiedliche Bestattungsweise von Mädchen und Buben oder die spirituelle Funktion von Priesterinnen. Die Geschichtswissenschaften legen den Fokus auf die Rolle von Frauen in der Frühen Neuzeit. Die Infektionsbiologie geht auf die unterschiedlichen Auswirkungen von Infektionen bei Schwangeren, Neugeborenen und älteren Menschen ein.

„Es wird auch die Brücke zur Gegenwart geschlagen: Welche Forscherinnen sind heute an der ÖAW tätig und welche Beiträge leisten sie in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen? Also sehr informativ, sehr zeitgemäß und es zeigt, dass Frauen wirklich Großartiges in Wissenschaft und Forschung leisten“, sagt Wissenschafts- und Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) bei einem Ausstellungsbesuch gegenüber ORF Wissen.

201 von 770

Von den insgesamt 770 Mitgliedern der Gelehrtengesellschaft sind 201 weiblich, dazu kommen zwei nicht-binäre Personen. In der Generation unter 60 Jahren liegt der Frauenanteil bereits bei knapp 52 Prozent.

„Wir befinden uns noch in einem Aufholprozess. Und wir müssen hier aktive Maßnahmen setzen und hinschauen, ob es nicht auch gleich qualifizierte Frauen gibt, die wir dann durchaus auch bevorzugen. Wann haben wir unser Ziel erreicht? Wenn wir eigentlich nur mehr darauf achten, wie gut ist die Wissenschaft, die getätigt wird. Und ganz vergessen, ist das ein Mann oder eine Frau, die diese Wissenschaft produziert hat“, so der Präsident der ÖAW, Heinz Faßmann.

Für Mazohl ist das der Kern: „Diese Frauen sind im Grunde diejenigen, die den Boden dafür bereitet haben, dass die nächsten Generationen darauf aufbauen können.“ Doch heute kennt die Pionierinnen kaum noch jemand. Die Ausstellung lädt dazu ein, sie kennenzulernen.