Am Montag (27. Juli 2026) wurde die Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro offiziell eröffnet. Rund 20.000 Fachleute aus Forschung, Medizin und Zivilgesellschaft sind in die brasilianische Metropole gereist, um dort über den aktuellen Stand im Kampf gegen HIV und Aids zu diskutieren.

Die größte HIV-Konferenz der Welt findet alle zwei Jahre statt und steht diesmal unter dem Motto „Rethink. Rebuild. Rise." – also neu denken, wiederaufbauen, aufstehen. Und genau das – ein Um- und Neudenken bei Versorgung von HIV- und Aids-Patienten, sei zurzeit auch dringend nötig. „In Wirklichkeit ist das die erste Konferenz, seit man sich mit dem Thema beschäftigt, bei der wir keine Erfolge feiern können, sondern mit großer Besorgnis auf die Entwicklungen schauen müssen", sagt etwa die Wiener Gynäkologin und SPÖ-Bezirksrätin Mirijam Hall im Gespräch mit ORF Wissen.

Fördergelder gehen zurück

Hall ist bei der heurigen Konferenz in Brasilien zwar nicht selbst anwesend, als Vorsitzende der Aids Hilfe Wien kennt sie aber die aktuellen Probleme im Kampf gegen die Krankheit. Die weltweite Lage habe sich in letzter Zeit deutlich verschlechtert: „Wir haben in den vergangenen Jahren einmalig in der Geschichte der HIV-Versorgung einen massiven Abfall von internationalen Fördermitteln und Finanzierungsmitteln erlebt.“

Die Folgen der Kürzungen sind bereits messbar. Allein die Nutzung von PrEP-Präventionspillen (Präexpositionsprophylaxe), die eine Ansteckung mit HIV nahezu sicher verhindern können, ist weltweit innerhalb eines einzigen Jahres um fast 40 Prozent zurückgegangen. Laut der UN-Aids-Organisation UNAIDS könnte das und andere Folgen der Finanzierungskürzungen zu rund 3,9 Millionen zusätzlichen HIV-Infektionen bis zum Jahr 2030 führen, die eigentlich vermeidbar wären.

Medikamente weiterhin zu teuer

Denn aus wissenschaftlicher Sicht wäre ein Ende von Aids durchaus in Reichweite. UNAIDS-Geschäftsführerin Winifred Byanyima brachte es bei einem Pressegespräch im Rahmen der heurigen Konferenz auf den Punkt: „Wir haben heute Präventionsmedikamente, die so wirksam sind, dass wir Aids als Gesundheitsbedrohung realistisch beenden könnten – wenn die Medikamente alle erreichen, die sie brauchen."

Sinkende Gelder auf Aids-Konferenz diskutiert

20.000 Fachleute aus der Forschung, Medizin und Zivilgesellschaft treffen sich diese Woche in Brasilien, um über die gegenwärtige Lage im Kampf gegen Aids zu sprechen. Dabei ist der Rückgang wichtiger Fördergelder ein zentrales Thema der Konferenz.

Gemeint sind damit neben den PrEP-Pillen unter anderem auch Mittel mit dem Wirkstoff Lenacapavir – manche davon müssen als Spritze nur zweimal im Jahr verabreicht werden. In klinischen Studien zeigten diese Medikamente eine Schutzwirkung von nahezu 100 Prozent. Gerade in Regionen, wo stabile Lieferketten fehlen und eine tägliche Tablette oft nicht zuverlässig zu bekommen ist, könnten sie die Lage deutlich verbessern.

Der Haken ist der Preis: Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wirft dem Arzneimittelhersteller Gilead Sciences etwa vor, den Zugang zur wirksamen Spritze für humanitäre Organisationen bewusst einzuschränken – und spricht von einem „erschreckenden Echo der 1990er Jahre", als lebensrettende HIV-Medikamente zwar existierten, aber für den Großteil der Welt schlicht nicht leistbar waren. In Industrieländern wie den USA liegt der Listenpreis für eine Therapie mit Lenacapavir-Arzneien derzeit bei rund 28.000 bis über 42.000 US-Dollar pro Kopf und Jahr.

Ärmere Regionen besonders betroffen

Ein kleiner Lichtblick: Laut Mirijam Hall hat Gilead bereits eine Generika-Lizenz an einen indischen Hersteller vergeben, der ab 2027 ebenfalls Mittel mit dem Wirkstoff produzieren soll – die Arzneien könnten dadurch in ärmeren Regionen der Welt künftig nur noch rund 40 Dollar pro Kopf und Jahr kosten.

Wichtig wäre das etwa für Regionen wie Subsahara-Afrika – dort würden der Rückgang wichtiger Fördergelder und die größer werdenden Lücken in der Medikamentenversorgung vor allem junge Frauen treffen. „Jede Woche infizieren sich 3.000 Mädchen und junge Frauen neu mit HIV", sagt Hall, die vor Kettenreaktionen warnt. „Wenn sich eine junge Frau infiziert und keine ordentliche Therapie bekommt, steckt sie auch ihre zukünftigen Kinder an."

Auch die Versorgung marginalisierter Gruppen – etwa von Sexarbeiterinnen oder Männern, die Sex mit anderen Männern haben – habe sich zuletzt deutlich verschlechtert. Als einen der Hauptverantwortlichen nennt Hall dabei US-Präsident Donald Trump, dessen Administration viele wichtige Hilfs- und Förderprogramme gestrichen hat.

Nachholbedarf in Österreich

Im globalen Vergleich steht Österreich zwar recht gut da – doch auch hierzulande gibt es laut Hall Nachholbedarf. Seit April 2024 erstattet die Krankenkasse etwa bis zu 60 Euro pro PrEP-Packung sowie 25 Euro pro Quartal für ärztliche Beratung. Das dafür bereitgestellte Budget von fünf Millionen Euro pro Jahr wird aber kaum ausgeschöpft: Abgeholt werden derzeit nur rund 1,5 Millionen Euro.

Die Gründe dafür seien vielfältig, so Hall: Viele wüssten schlicht nicht, dass sie sich das Geld zurückholen können. Andere hätten Angst vor Stigmatisierung, wenn die PrEP-Einnahme irgendwo aufscheint. Besonders problematisch dabei: 70 Prozent der gemeldeten Diskriminierungsfälle gegen HIV-positive Menschen passieren laut Aids Hilfe Wien ausgerechnet im Gesundheitswesen – also dort, wo Betroffene eigentlich Schutz und Hilfe erwarten würden.

Angst überwiegt

Dabei ist seit zehn Jahren wissenschaftlich belegt, dass HIV-positive Menschen unter wirksamer Therapie das Virus nicht mehr übertragen können. Dieses Prinzip ist unter dem Kürzel U=U bekannt – „Undetectable = Untransmittable", also: Wer nicht nachweisbar mit dem HI-Virus infiziert ist, kann andere auch nicht anstecken.

Hall erlebt das auch in ihrer täglichen Arbeit als Gynäkologin: „Ich merke das ganz oft, wenn ich mich mit Kolleginnen austausche, die immer noch glauben, dass sie mit Schutzbrille und doppelten Handschuhen in den Kreißsaal gehen müssen – obwohl die Patientin unter der Nachweisgrenze und somit absolut nicht ansteckend ist." Es sei oft Angst, keine bewusste Boshaftigkeit – aber das Ergebnis sei dasselbe: Stigmatisierung.

Eine Frage des Willens

Bis Freitag (31. Juli 2026) wird in Rio de Janeiro noch darüber diskutiert, wie man den Umgang mit den Betroffenen, aber auch ihre medizinische Versorgung nachhaltig verbessern kann. Und vor allem auch darüber, wie nun mit den sinkenden Fördermitteln umgegangen werden soll.

UNAIDS-Chefin Byanyima brachte die Kernbotschaft der heurigen Welt-Aids-Konferenz jedenfalls unmissverständlich auf den Punkt: „Die Frage ist nicht mehr, ob wir Aids beenden können. Die Frage ist, ob wir es wollen. Nicht die Wissenschaft steht uns im Weg – sondern Ungleichheit und politische Entscheidungen."