Nach Einschätzung des Rückversicherers Munich Re sei der Rückgang der Schadenereignisse hauptsächlich Zufall. Der Münchner Dax-Konzern bezifferte die von Anfang Jänner bis Ende Juni verursachten weltweiten Gesamtschäden auf etwa 112 Milliarden Dollar (97,8 Mrd Euro), davon nur 44 Milliarden Dollar versichert. Das lag deutlich unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre von 66 Milliarden Dollar versicherter Schäden.
Die aktuellen Waldbrände im Süden Europas und die jüngsten Taifune in Ostasien fallen allerdings nicht mehr in das erste Halbjahr und sind daher in dieser Schadenbilanz noch nicht inbegriffen.
Viele Unwetter – geringe finanzielle Schäden
„Es waren eher günstige Umstände, die dazu geführt haben, dass nicht höhere Schäden verursacht wurden“, sagte Tobias Grimm, der Chef-Klimatologe des Münchner Dax-Konzerns. Die Hälfte der versicherten Schäden entfiel allein auf schwere Unwetter in den USA. „Wir hatten teilweise deutlich mehr solch schwerer Unwetterzellen, es gab auch deutlich überdurchschnittlich viele Tornados“, sagte Grimm. „Aber diese trafen Gebiete, in denen es wenig versicherte Werte und damit geringe Sachschäden gab.“
Die zerstörerischsten Naturkatastrophen des ersten Halbjahres waren die beiden Erdbeben in Venezuela am 24. Juni mit mehreren tausend Toten. Nach ersten Schätzungen könnte sich der Gesamtschaden auf etwa 30 Milliarden Dollar summieren, davon aber weniger als eine Milliarde versichert.
Die Munich Re beobachtet und dokumentiert seit den 1970er Jahren die globalen Naturkatastrophen, um die von Stürmen, Überschwemmungen, Erdbeben und anderen Ereignissen verursachten Risiken berechnen zu können.
Besorgniserregende Hitze in Europa
„Das stärkste Klimasignal im ersten Halbjahr war extreme Hitze“, sagt Grimm. Bei Hitzewellen ist der Zusammenhang zum Klimawandel demnach sehr gut belegt. Demnach gab es in Deutschland in den 1950er Jahren im Schnitt jährlich drei bis vier Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad. „Heute sind wir im Schnitt bei etwa 13 Hitzetagen pro Jahr.“
Hitze sei eine „stille Gefahr, weil sie nicht so sichtbar ist und keine Bilder enormer Zerstörung hinterlässt“, sagt der Klimatologe. „Aber die Auswirkungen sind nicht minder schlimm als bei anderen Wetterereignissen.“ Schäden entstehen demnach durch sinkende Produktivität und Produktionsausfälle, aber auch durch Infrastrukturschäden, Transportunterbrechungen und Ernteausfälle.
Europa ist von der Klimaerwärmung besonders getroffen. Die weltweiten Durchschnittstemperaturen sind den Wetterdaten zufolge nun im Schnitt 1,4 Grad höher als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „In Europa ist es im Schnitt etwa 3 Grad wärmer geworden“, sagt Grimm. Ursache des Phänomens ist die relativ nördliche Lage des Kontinents, die bis in die Arktis hinaufreicht. „Die polaren Regionen erwärmen sich deutlich schneller und stärker als äquatoriale Regionen in den Tropen.“
2026 und 2027 „besonders warm“
Dass die kommenden eineinhalb Jahre kühler werden könnten, ist nach Einschätzung des Wissenschaftlers nicht zu erwarten. „Es gibt viele Anzeichen dafür, dass 2026 und vor allem das nächste Jahr besonders warme Jahre sein werden.“ Das liegt unter anderem an El Niño, der zyklischen Erwärmung der Meerestemperaturen im Pazifik.
Unter anderem drohen in Australien, Mittelamerika und im Südwesten Afrikas vermehrte Trockenheit und Waldbrände. Im Nordatlantik könnte es zwar weniger Hurrikans geben, doch dafür höhere Taifun-Aktivität im Nordpazifik.
„Im Pazifik formieren sich die Taifune während El-Niño-Jahren etwas häufiger weiter östlich, im zentralen Pazifik“, sagte Grimm. Daher legen die Wirbelstürme einen längeren Weg zurück und können Japan und Korea häufiger erreichen.