Ob und ab welchem bestimmten Alter Jugendliche auf Social Media zugreifen dürfen, wird derzeit weltweit diskutiert. Gleichzeitig rückt der durchschnittliche Zeitpunkt, an dem Kinder ihr erstes Smartphone bekommen, immer weiter nach vorne. So erhalten die meisten Buben und Mädchen ihr erstes Handy mit zehn oder elf Jahren und nutzen alsbald Social Media – oft noch vor dem vorgeschriebenen Mindestalter. Das kann auch Folgen für die Schullaufbahn haben, wie ein Forschungsteam rund um den Soziologen Marco Gui von der University of Milano-Bicocca in Mailand herausgefunden hat.
Negative Folgen für Schulkarriere
Für ihre Studie befragten die Forschenden insgesamt 5.227 Schülerinnen und Schüler aus 28 norditalienischen Schulen, in welchem Alter sie ihr erstes Social-Media-Konto eingerichtet hatten: vor der neunten Schulstufe oder danach. Das Forschungsteam analysierte die Angaben zusammen mit standardisierten Testergebnissen in den Schulfächern Italienisch, Mathematik und Englisch. Die Ergebnisse wurden am Montag im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht.
Demnach schnitten die Buben und Mädchen besser in der Schule ab, die bis zur neunten Schulstufe oder noch länger warteten, bevor sie ein Social-Media-Konto eröffneten. Sie waren zum Zeitpunkt der Erstnutzung also mindestens 14 bis 15 Jahre alt. Schlechtere Ergebnisse wiesen hingegen Schülerinnen und Schüler auf, die bereits in der sechsten Schulstufe – mit elf oder zwölf Jahren – einer Social-Media-Plattform, wie Instagram und TikTok, beitraten.
Sechs Monate Aufholbedarf
Ihre Leistungen waren in der achten Schulstufe in Mathematik um etwa 0,18 Standardabweichung und in Italienisch sogar um 0,22 Standardabweichung schlechter als die Ergebnisse ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Dabei macht eine Standardabweichung von 0,2 einen ungefähren Lernfortschritt von sechs Monaten Schulunterricht aus, so das Forschungsteam.
Kinder und Jugendliche, die bereits mit elf oder zwölf Jahren auf einer Plattform aktiv waren, hatten in späteren Schuljahren demnach einen Aufholbedarf von rund einem halben Schuljahr. Auch in der zehnten Schulstufe blieb dieser Leistungsunterschied in Italienisch bestehen, während er in Mathematik sogar größer wurde.
Englisch als Ausnahme
Schülerinnen und Schüler, die ihr erstes Social-Media-Konto in der siebten oder achten Schulstufe eröffneten – also zwischen zwölf und vierzehn Jahren -, hatten ebenfalls schlechtere Leistungen als diejenigen, die bis zur neunten Schulstufe oder länger warteten. Die Unterschiede waren jedoch kleiner. Auch wiederholten frühe Userinnen und User häufiger eine Klasse.
Im Fach Englisch wiederum konnte das Forschungsteam keine Abweichungen in der schulischen Leistung feststellen. Laut der Studie könnte das an der „allgegenwärtigen Präsenz englischsprachiger Inhalte auf Social-Media-Plattformen“ liegen. Dass viele Angebote in den sozialen Netzwerken auf Englisch angeboten werden, helfe den Schülerinnen und Schülern, die Sprache zwanglos zu lernen.
Mögliche Ursachen
Die Ursachen für den schulischen Leistungsabfall von Buben und Mädchen mit einer frühen Social-Media-Nutzung wurden von den Forschenden indes nicht genauer untersucht. Andere Studien aus den vergangenen Jahren gehen aber davon aus, dass sich Jugendliche durch die sozialen Netzwerke leicht ablenken lassen.
Das Mailänder Forschungsteam merkt auch ein mögliches Zeitproblem an: Wer in sozialen Netzwerken abhänge, könne nicht zeitgleich für die Schule lernen. Außerdem könnte kognitive Überlastung eine Rolle spielen, da das Arbeitsgedächtnis nur über begrenzte Kapazitäten verfügt und die Fülle an Informationen möglicherweise nicht vollständig verarbeiten kann.
Auch auf Österreich übertragbar